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Streitgespräch: Palmer - Kücük

OB zur Art seiner Bahn-Kritik: „Ein großer Fehler“

Die Kandidatin von AL/Grünen Asli Kücük wirft Boris Palmer im Streit-Lust-Gespräch Ausgrenzung von Menschen mit Migrationshintergrund vor – und der OB reagiert zerknirscht. Am Donnerstag entschuldigte er sich gegenüber dem Gemeinderat.

02.05.2019

Von Sabine Lohr

Streit-Lust: Boris Palmer - Asli Kücük
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Streit-Lust: Boris Palmer diskutiert mit Asli Kücük über den Shitstorm wegen seines Posts zur Bahn-Werbung.

© Hans-Jörg Schweizer 21:07 min

Mit seiner Frage „Welche Gesellschaft soll das abbilden?“ zu einem Werbebanner der Deutschen Bahn hat Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer bundesweit für Aufmerksamkeit und Aufregung gesorgt. Auf Facebook löste Palmer, der vom Aussehen der abgebildeten Personen darauf geschlossen hatte, dass fast alle einen Migrationshintergrund haben, einen Shitstorm aus.

Rücktrittsforderung aus eigener Partei

Die Grünen forderten ihn auf, bis zur Wahl am 26. Mai nichts mehr zu posten, der Landtagsabgeordnete Daniel Lede Abal hinterfragte Palmers Tauglichkeit als Oberbürgermeister, am Mittwoch legte die Ex-Grünen-Chefin Claudia Roth Palmer den Parteiaustritt nahe, das TAGBLATT bekommt Leserbriefe über Leserbriefe – und die Tübinger Grünen äußerten sich zurückhaltend.

Palmer bedauert seine Wortwahl

Am Donnerstag, zu Beginn der Gemeinderatssitzung, entschuldigte sich Palmer für die „unbedachte Art und Weise“, in der er das Thema angesprochen habe. Davor hatte das TAGBLATT den Oberbürgermeister und Asli Kücük zum Streitgespräch in die Redaktion geladen.

Kücük kandidiert für AL/Grüne für den Tübinger Gemeinderat – auf Platz 1 der Liste. Seit fünf Jahren ist die gebürtige Lörracherin, die seit 15 Jahren in Tübingen lebt, Mitglied des Integrationsrats der Stadt. Sie reagierte auf ihrer Facebook-Seite genervt auf Palmers Post, zeigte sich aber auch verletzt und fühlte sich unwillkommen. Beim Streitgespräch konfrontierte Kücük Palmer damit. „Wann hat jemand wie ich, in Deutschland geboren und seit 15 Jahren in Tübingen, endlich einen Migrationsvordergrund, wann hört das endlich auf?“ fragte sie Palmer. Er meinte, viele hätten seine Äußerung falsch verstanden, fühlten sich ausgegrenzt und erhielten die Botschaft „Wir zählen nicht als vollwertige Deutsche“.

Palmer sieht Rassismus bei der Bahn

Das Gegenteil sei seine Absicht. Er habe niemandem absprechen wollen, dazuzugehören, das sei das große Problem seiner Äußerung. „Das muss ich auf meine Kappe nehmen.“ Er habe, sagte Palmer, die Prominenten nicht erkannt. „Wenn man so dubbelig ist wie ich und die Prominenten gar nicht erkennt, dann denkt man erst recht, was will die Bahn ausdrücken?“ Der Migrationshintergrund der dargestellten Personen würde ihn nicht stören, aber die Bahn würde ihn ins Schaufenster stellen und die moralische Dividende einstreichen. Das sei ein „Missbrauch von äußerlich sichtbaren Merkmalen“ und, „wenn man ganz hart sein will, ist das Rassismus in der Werbung.“

Später im Gespräch sagte er: „Hätte ich sie gekannt, wäre das alles nicht passiert.“ Er hätte in diesem Fall verstanden, dass die Bahn das „teilweise nachvollziehbare Kriterium Prominenz“ gewählt habe. Er habe aufzeigen wollen, welche Empörung und welcher Hass sich über einen ergieße, „wenn man das Thema sachlich und nüchtern aufgreift“. Kücük warf ihm vor, von äußeren Merkmalen auf einen Migrationshintergrund zu schließen. Auch sie nehme Unterschiede wahr, etwa das Geschlecht oder auch die Hautfarbe – sie interpretiere das aber nicht.

Kücük berichtete, dass sie sehr viel Post von Menschen mit Migrationshintergrund bekommen habe, die sich durch Palmers Post verletzt fühlen und fragen, ob sie überhaupt willkommen seien. Palmer sagte dazu: „Ich gestehe zerknirscht, dass das passiert ist, und ich entschuldige mich bei allen dafür, die sich dadurch verletzt fühlen, weil das ein großer Fehler war.“

Für Palmer zeigt die Diskussion die Gefährlichkeit der linken Identitätspolitik. Kücük dagegen stellt in Frage, dass es überhaupt eine statische Zugehörigkeit gibt. Die Fraktion und die Kandidatinnen und Kandidaten von AL/Grünen seien „sehr entsetzt, dass sowas passiert ist. Schon wieder, trotz Absprachen und Hinweisen“.

Auch die CDU-Fraktion meldet sich zu Wort

„Ist Palmer ein Rassist?“ fragt die CDU-Fraktion des Tübinger Gemeinderats in einer Pressemitteilung und beantwortet die Frage so: „Aus Sicht der CDU-Fraktion nicht – man musste jedoch sehr genau zwischen den Zeilen lesen.“ Palmers Beitrag auf Facebook sei „ungefiltert rassistisch kommentiert worden“. Dadurch sei das Amt des Oberbürgermeisters und das Ansehen der Stadt beschädigt worden. Die CDU-Fraktion fordert Palmer daher „zum wiederholten Male auf, sein Facebook-Verhalten grundsätzlich zu überdenken und das Vier-Augen-Prinzip“ auf seiner Facebook-Seite einzuführen. Von der Fraktion AL/Grüne erwarte die CDU, heißt es, eine Stellungnahme. AL/Grüne hätten sich nur uneindeutig positioniert.

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Erstellt:
2. Mai 2019, 21:30 Uhr
Aktualisiert:
2. Mai 2019, 21:30 Uhr
zuletzt aktualisiert: 2. Mai 2019, 21:30 Uhr

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