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Tübingens OB kritisiert Bahnwerbung

Nico Rosberg und Nelson Müller geben Palmer Kontra

Der Tübinger Oberbürgermeister kritisiert eine Bahnwerbung. Dem Landtagsabgeordneten Daniel Lede Abal reicht es. Er hat die Eignung seines Parteifreundes Boris Palmer als Oberbürgermeister in Frage gestellt und ihm als erster bekannter Grüner der Region den Rücktritt nahegelegt.

24.04.2019

Von Gernot Stegert & Moritz Hagemann

Screenshot: bahn.de

Lede Abal, Sprecher für Migration und Integration der Grünen-Landtagsfraktion, teilte in einer Pressemitteilung mit: „Schade, dass der Tübinger Oberbürgermeister ein Problem mit einer Gesellschaft hat, in der ein Migrationshintergrund immer normaler wird. Wenn er als Oberbürgermeister mit so einer Stadtgesellschaft nicht zurechtkommt, sollte er sich jetzt überlegen, ob er Oberbürgermeister bleiben kann.“ Vorausgegangen war ein Facebook-Eintrag Palmers über Vielfalt und Hautfarben, der kurz vor 22 Uhr schon mehr als 3800 Mal kommentiert und bundesweit von Medien aufgegriffen wurde.

Lede Abal erklärte: „Ich habe weder Lust noch Zeit, auf jede Provokation von Boris Palmer zu reagieren. Aber das heute ist einfach völlig daneben.“ Palmer scheine in einer vielfältig werdenden Gesellschaft zunehmend seine Orientierung zu verlieren. „Seine fortgesetzten Ausfälle werfen die Frage auf, ob sich wirklich alle Menschen in dieser Stadt willkommen und heimisch fühlen dürfen. Im Moment sind sich viele nicht einmal sicher, dass ihnen das Stadtoberhaupt unvoreingenommen begegnet. Das ist nicht der Anspruch, den ich an einen OB habe.“

Daniel Lede Abal. Privatbild

Palmer hatte am Dienstag auf Facebook einen – von ihm vorhergesagten – Shitstorm geerntet, als er die fünf Fotos auf der Internet-Startseite der Bahn kritisierte. Diese zeigen Menschen unterschiedlicher Hautfarbe beim Bahnfahren, nur einer ist weiß. Palmer dazu: „Ich finde es nicht nachvollziehbar, nach welchen Kriterien die Deutsche Bahn die Personen auf dieser Eingangsseite ausgewählt hat. Welche Gesellschaft soll das abbilden?“

Für ihn ist die Werbung Ausdruck falscher „Identitätspolitik“, wie er schreibt. Diese gebe es „von Rechts wie Links. Die einen sagen, man wisse nicht mehr, in welchem Land man lebt, die anderen bekämpfen alte weiße Männer.“ Später wollte Palmer die Kampagne nur hinterfragt, nicht kritisiert haben.

Am Mittwochmorgen versuchte er dann mit einem neuerlichen Statement, seine Sichtweise mit Sätzen wie „Es ist nicht rassistisch, die Frage nach der Hautfarbe zu beachten, sondern ein geforderter Standard“ zu erklären:

Der Grüne Bundestagsabgeordnete Chris Kühn ärgerte sich. Dem TAGBLATT sagte er, die Äußerung von Palmer sei „sehr belastend für den Europa- und Kommunalwahlkampf, weil wir für eine weltoffene Gesellschaft stehen“. Dem Parteifreund „ist es mal wieder gelungen zu spalten statt zusammenzuführen“. Sein für Mai angekündigtes Facebook-Fasten hätte er früher beginnen sollen. Kühn kündigte an: „Wir müssen nochmal Tacheles mit ihm reden.“

Chris Kühn. Bild: Anne Faden

Auch die Tübinger Stadträtin und SPD-Kreisvorsitzende Dorothea Kliche-Behnke kritisierte Palmer scharf. „In der alltäglichen Kommunalpolitik arbeiten wir oft sehr gut zusammen“, schrieb sie auf Facebook. Aber: „Du bist der Oberbürgermeister unserer Stadt, und ich will einfach nicht, dass sich unser Oberbürgermeister offenkundig daran stört, dass die Werbung der Deutschen Bahn sich um Diversity bemüht.“ Auch dürfe er nicht linke und rechte „Identitätspolitik“ gleichsetzen. „Die eine zielt auf eine inklusive Gesellschaft, die andere auf Ausgrenzung. Und an der beteiligst du dich hier. So sad!“

Auf Twitter reagierte die Deutsche Bahn am Nachmittag auf Palmers Kritik deutlich: „Herr Palmer hat offenbar Probleme mit einer offenen und bunten Gesellschaft. Solch eine Haltung lehnen wir ab.“

„Ich habe kein Problem mit einer offenen und bunten Gesellschaft“, schrieb Palmer an die „Liebe Deutsche Bahn“. „Für mich als Betrachter sind diese fünf Bilder von Personen, die ich nicht kenne, in der Auswahl erklärungsbedürftig. Nur eine der fünf Personen scheint keinen Migrationshintergrund zu haben. Das ist ungewöhnlich und ich würde gerne die Absicht dahinter verstehen.“ Der Tübinger OB weiter: „Wenn die Bahn aktuell eine offiziell erklärte Kampagne für Toleranz, Migration und Vielfalt durchführt, ist die Auswahl nachvollziehbar.“

Boris Palmer. Symbolbild: Metz

Andernfalls „frage ich mich einfach, warum Menschen ohne erkennbaren Migrationshintergrund auf der Seite der Deutschen Bahn nur noch als Minderheit dargestellt werden“. Worauf Kommentatoren Palmer hinwiesen: Die Bahn wirbt mit Prominenten. Sie erklärt auf ihrer Internetseite auch die Auswahl: Der Fernseh-Koch Nelson Müller stehe für den Genuss in den Bordrestaurants, Nazan Eckes zeige als TV-Moderatorin und zweifache Mutter, dass die Bahn für Entertainment und für Familie da sei. Ex-Formel-1-Weltmeister Nico Rosberg verkörpere das Thema Schnelligkeit. Nicht erwähnt wird: Alle drei haben einen Migrationshintergrund (Ghana, Türkei, Finnland) und sind deutsche Staatsbürger.

Rosbergs Management übermittelte folgendes Statement des 33-Jährigen: „Herr Palmer, Sie wollen spalten und Menschen ausgrenzen. Nicht mit mir.“ Als Sohn eines Finnen und einer Deutschen liege „Völkervielfalt in meinen Genen“. Er sei stolz, Teil der Kampagne zu sein.

Das zeigte Rosberg auch bei Twitter:

Auch die Deutschen U17-, U19- und die U20-Fußball-Nationalmannschaften griffen Palmers Posting am Mittwochmorgen bei Facebook unter #SayNoToRacism (Sag nein zu Rassismus) auf und bezogen klar Stellung.

Am Mittwochmorgen meldete sich dann nach langem Zögern auch die Tübinger Liste bei Facebook zu Wort, schreibt von einer „zwiefachen Selbstzerstörung“ und einem „Kollateralschaden“. Die Lokalpolitiker kritisieren aber auch ihre Kollegen der Gemeinderatsfraktion AL/Grüne, die „betreten und eisern“ schweigen würden.

Nelson Müller: „So ein Signal darf niemand aussenden“

Sternekoch Nelson Müller erreichte das TAGBLATT noch am Dienstagabend. Er sei „tief bestürzt“ und fühle sich durch Palmers „rassistisch anmutende Äußerungen“ persönlich diskriminiert, sagt er. Dabei ist Müller in Stuttgart-Plieningen und damit nur rund 20 Kilometer von Palmer entfernt aufgewachsen.

Der 40-Jährige erklärt, er fühle sich als Schwabe und man müsse Menschen nach dem Handeln, nicht nach der Hautfarbe beurteilen. Er verstehe nicht, warum der Tübinger OB in einer Stadt, die für Forschung und Entwicklung steht, „nicht am Puls der Zeit ist“.

Ob Palmer für ihn als OB noch tragbar sei? „Ganz schwierig“, sagte Müller. „Was muss ein junger Mensch denken, der in Tübingen lebt und ausländisch aussieht, aber schwäbisch spricht?“, fragte er. „So ein Signal darf an junge Menschen niemand aussenden.“

Jeder Mensch könne Fehler machen, aber bei Palmer „scheint das ja öfter der Fall zu sein“. Es werde langsam kritisch, sagte Müller. „Irgendwann kommen wir so wieder da hin, wo wir nie wieder sein wollten.“

Auch bei Facebook bezog Nelson Müller am Abend noch Stellung:

Boris Palmer reagierte am Mittwoch und entschuldigte sich bei Nelson Müller. Erst kommentierte er auf dessen Profil:

Screenshot: facebook.com

Später schickte Boris Palmer dann auch noch einen längeren Beitrag auf seinem eigenen Profil hinterher:

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Erstellt:
24. April 2019, 02:00 Uhr
Aktualisiert:
24. April 2019, 02:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 24. April 2019, 02:00 Uhr

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