Tübingen

Kunst im öffentlichen Raum: Wenn die Nixe nur nix kostet

Boris Palmer findet Gefallen an einer zeitgenössischen Skulptur – und möchte sie am liebsten an die Tübinger Neckarfront andocken.

26.09.2019

Von Wilhelm Triebold

Fotoshooting vor Kulisse: So in etwa könnte sie, zumindest von der vorderen Neckarinsel aus gesehen, sirenenhaft die Touristen locken, die badende Venus der Künstlerin Carole A. Feuerman. Eine mexikanische Schauspielerin saß vor drei Jahren Modell für die Skulptur, die später auf der Biennale in Venedig 2017 präsentiert wurde. Als Fotomotiv von der Brücke würde sie aber entsprechend kleiner wirken. Bild/Montage: Ulrich Metz

Etwas irritiert zeigen sich einige Mitglieder des Tübinger Kulturausschusses dann schon. Da berichtet der Gast, Kunsthallenchefin Nicole Fritz, von einem Kunstwerk, das demnächst an Tübingens exponiertester Stelle errichtet werden soll – und der Rat erfährt, dass die ganze überraschende Idee auf einem Stadtspaziergang zwischen OB Boris Palmer, Direktorin Fritz und jenem Besuch aus den USA beruht, der letztes Jahr zu einer Ausstellungseröffnung nach Tübingen kam – Carole A. Feuerman, Grande Dame des Hyperrealismus.

Feuermans Thema sei das Wasser, referierte Nicole Fritz im Rathaus. Da sei es doch naheliegend, zu schauen, wie die „mythische Dimension“ des Kunstwerks auf das „traditionelle Ambiente“ etwa der Neckarkulisse reagiert. Und zwar direkt davor im fließenden Wasser verankert: „Als ein neuer Akzent, der in die Zukunft weist, an einem repräsentativen Ort“, aber auch als „attraktiver Foto-Point“ – das schwebte den Beteiligten vor. „Und das wollte ich Ihnen mitbringen“, schloss Nicole Fritz.

Ein Geschenk also? Das warf im Ausschuss Fragen auf. Als erstes nach den Kosten. Emissärin Fritz warb mit der Zusage, für den Erwerb der Skulptur stellten mehrere private Mäzene jeweils 10.000 Euro in Aussicht, ohne dass Fritz ihre Angaben weiter präzisierte. Der Neuguss einer Feuerman-Skulptur dieses Kalibers, ergeben Recherchen, kostet einen hohen fünfstelligen bis niedrigen sechsstelligen Betrag. „Es ist kein Projekt der Kunsthalle“, betont Fritz. Was aber auch bedeutet, dass die für Kunst im öffentlichen Raum zuständige Instanz, in diesem Fall die Stadt, fürs Aufstellen und fürs Fundament der Skulptur zuständig wäre. Größenordnung: 20.000 Euro.

Was eine weitere Frage nach sich zieht, die Susanne Bächer auch prompt stellte: „Wer ist eigentlich zuständig für die Kunst im öffentlichen Raum?“, so hakte die Grünen-Rätin nach. Und wies darauf hin, man habe doch eigens eine Kunstkommission installiert, die in solchen Fällen in der Regel hinzugezogen gehöre.

Was aber hier keineswegs der Fall war, wie sich herausstellte. Es sei „intern diskutiert“ worden, verriet Nicole Fritz . Und Kulturamtsleiterin Dagmar Waizenegger schaltete sich erläuternd ein: „Diese Entscheidung ging nicht über meinen Tisch. Der OB hat sie getroffen, mich allerdings gebeten, sie im Nachhinein der Kunstkommission vorzustellen.“

Die Kunstkommission, ein bisschen dem schon länger eingerichteten Gestaltungsbeirat für Architekturthemen nachempfunden, verfügt über keinerlei Entscheidungskompetenz, sondern ist rein beratend tätig. Trotzdem – oder gerade deshalb – wurde in dem Fachgremium „Unverständnis über das Vorgehen geäußert“, so Waizenegger. Auch wurde im Gremium befürchtet, die Skulptur könnte an diesem prominenten Standort beschädigt und zerstört werden – eine Sorge, die manche im Kulturausschuss teilten.

Die Sache sei „schade für das Projekt Kunst im öffentlichen Raum“, gab Waizenegger die Stimmung in der Kommission wieder. Zumal die städtischen Mittel zur Pflege öffentlicher Kunst kaum ausreichen würden, den vorhandenen Bestand im guten Zustand zu halten. Da gelte es diesen Bestand erstmal, wie es geschieht, zu sichten und zu dokumentieren, dann erst sei an Anschaffungen mit Folgekosten zu denken. Die Mittel, um die Feuerman-Skulptur aufzustellen, habe man im Kulturetat nicht.

Neben Bedenken, etwa was bei Hochwasser der Figur passieren könnte, gab es auch Zustimmung im Ausschuss. Grünen-Vertreter Bernd Gugel fand Palmers Vorstoß ebenso eine klasse Idee („ein absoluter Hingucker“) wie SPD-Frontmann Martin Sökler: „Kunst braucht Freiheit. Wir brauchen keinen Expertenrat. Machen Sie einfach!“ Um hinterherzuschieben: „Wenn‘s nix kostet.“

Wer oder was ist die Kunstkommission?

Neben einem Gestaltungsbeirat, dem Architekten und Stadtplaner angehören, gibt es bei städtischen Entscheidungsfindungen auch eine fünfköpfige Kunstkommission. Das sind externe Fachleute, die der Stadtverwaltung und dem Gemeinderat „Impulse geben“ sollen, wie es vor zwei Jahren bei der Einführung des Gremiums hieß. Die Kunstkommission besteht aus dem Stuttgarter Stadtplaner Steffen Braun (Fraunhofer Institut), dem Historiker, Kulturwissenschaftler, langjährigen TAGBLATT-Redakteur und frisch ausgezeichneten Bundesverdienstkreuzträger Prof. Hans-Joachim Lang, der Tübinger Kunsthistorikerin Prof. Anna Pawlak, der Bildhauerin Birgit Rehfeld (Ostfildern) und dem Tübinger Kunsthistoriker Walter Springer.

Zum Artikel

Erstellt:
26. September 2019, 22:01 Uhr
Aktualisiert:
26. September 2019, 22:01 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. September 2019, 22:01 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Inhalt nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.
Aus diesem Ressort

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+