Tübingen · Weihnachtsspendenaktion

VSP-Gärtnerei: Ein Haus für mehr Normalität

Die Gärtnerei des VSP bietet Menschen eine Beschäftigung, die Stabilität brauchen. Bald soll das Gemüse offiziell vermarktet werden.

09.12.2021

Von Lisa Maria Sporrer

Pflanzen ranken sich an Stöcken hoch, die wie ein kleiner Sichtschutz eine Ecke des großen Gartens im Ammertal vom vorbeiführenden Radweg uneinsehbar machen. Ein Schutzwall, sagt eine der Frauen, die dahinter steht, eine Künstlerin. Sie ist nie richtig angekommen in der Arbeitswelt. Der Druck hat sie krank gemacht. In der Gärtnerei des Vereins für Sozialpsychiatrie (VSP) hat sie nun einen geschützten Raum gefunden, etwas Sinnhaftes, wie sie sagt, säen, pflanzen, wachsen sehen. Dann: die Ernte. Geschafft. Mit den eigenen Händen. Entwicklung und Wachstum. „Ein gutes Gefühl“, sagt die Frau. „Es wäre schön, wenn sich doch alles, wie die Pflanzen hier rauswachsen könnte.“

Wegen der Renaturierung des Neckars musste die Gärtnerei des VSP nach rund 15 Jahren Anfang des Jahres von der Gartenstraße in die Weststadt umziehen. „Das war ein idealer Standort am Neckar“, sagt VSP-Geschäftsführerin Barbara Wolf. Gut erreichbar. Klein und kuschlig. Bäume und Büsche gaben vom Fußweg keinen Blick frei auf die psychisch Kranken, die in der Gartenarbeit Stabilisierung und ein Stück Normalität wiederfinden. Nach anfänglicher Skepsis, sind die Verantwortlichen nun aber auch glücklich über das deutlich größere Grundstück im Ammertal.

Es ist Spätsommer. Große Sonnenblumen wachsen am Grundstücksrand. Fein säuberlich in Reihen ist Gemüse angepflanzt, Salate, Kohl wächst schon, Bohnen ranken sich in die Mittagssonne. Unter dem Folientunnel duftet es nach Tomaten. Franziska Schüle bindet mit einigen Frauen kleine Sträuße, die wie auch das Gemüse an einem kleinen Stand am Radweg verkauft werden. Hofverkauf. Franziska Schüle ist Gärtnerin, sie arbeitet schon lange für den VSP. „Es war schlimm für uns, dass wir die Gärtnerei in der Gartenstraße aufgeben mussten“, sagt sie. „Aber es ist schön hier. Jetzt ist es vielfältig und bunt. So, wie die Menschen hier. Viele bunte Menschen.“

Es sei viel Arbeit gewesen, der Umzug, sagt Kerstin Weiß, Bereichsleiterin für Tagesstruktur beim VSP. Pflanzen mussten umgesiedelt werden, ein Folientunnel wurde aufgebaut, das Baugesuch eingereicht. Dann war nicht klar, ob der Boden geeignet ist für die Pflanzenvielfalt. Vieles fehle noch, Basics, das Wassser, der Strom. Aber eben auch ein geschützter Raum, ein Ort, an dem die Mitarbeiter auch im Winter etwas zu tun haben. Auf dem rund 2500 Quadratmeter großen Grundstück fehlt ein Rückzugsort. Toiletten. Spinds. Ein Raum, in denen die bisher rund 15 Mitarbeitenden auch an den kalten Herbst- und Wintertagen Beschäftigung finden, Kränze binden, Salben herstellen, Saatgut abfüllen. Ein Wirtschaftsgebäude, in dem auch die Ernte gelagert werden kann. Denn der Gemüseanbau soll künftig professionalisiert werden.

Im September wuchsen die Sonnenblumen wie ein Sichtschutz um das Gelände der Gärtnerei. Links im Bild: Kerstin Weiß. Bild: Anne Faden

Bisher gibt es den Hofverkauf. Außerdem kommt einiges an Gemüse in die stationären Einrichtungen des VSP. Künftig aber soll für die Vermarktung eine Solidarische Landwirtschaft (Solawi) aufgebaut. Solawi bedeutet, dass eine feste Gruppe von Abnehmerinnen und Arbeitnehmern verbindlich für eine Gartensaison die Kosten für die Erzeugung des Gemüses durch einen vom VSP festgelegten Monatsbeitrag finanziert. Im Gegenzug erhalten sie ökologisch angebautes, unverpacktes, regionales, hochwertiges Gemüse frisch vom Acker. Das große Grundstück mache das nun möglich. Und außerdem könne man so auch noch mehr Menschen dort beschäftigen, sagt Weiß. Die Anmeldeliste ist nämlich lang. Der Arbeitsbereich Gärtnerei werde sich langfristig selbst tragen, sagt Weiß. Doch die einmalig hohen Investitionskosten würden sich durch die Arbeit nicht refinanzieren lassen. „Zumal der Umzug von Seiten des VSP nicht geplant war.“

Stadt und Landkreis bezuschussen das Projekt mit einem Betrag, der bei weitem nicht ausreicht dafür, was notwendig ist. Und das Wirtschaftsgebäude, das sei unbedingt notwendig.

„Wir haben auch schon Badesalz selber hergestellt“, sagt die Künstlerin. „Und Glücksbohnen zum Verkauf hübsch verpackt.“ Girlanden. Ökologische Müllbeutel. „Es gibt wirklich süße Ideen. Das haben wir in der Gartenstraße auch immer gemacht. Irgendwas Konstruktives machen wir immer.“

Jetzt aber ist der Sommer vorbei. Die Sonnenblumen, die schützend wie eine Mauer um das Grundstück gewachsen sind, sind verblüht. Ein kleiner Bauwagen bietet momentan die einzige Möglichkeit, um sich aufzuwärmen. Aber die Mitarbeiter kommen trotzdem noch. Das Grundstück, die Gärtnerei ist für sie sowas wie der Glaube an Normalität. „Wer noch an Heilung glaubt, kann hier sein Glück finden. Zumindest eine zeitlang“, sagt die Künstlerin.

Mehr Platz für therapeutisch wertvolle Gartenarbeit

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Erstellt:
9. Dezember 2021, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
9. Dezember 2021, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 9. Dezember 2021, 01:00 Uhr

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