Tübingen

Curevac: Wo bleibt der Impfstoff?

Während Biontech/Pfizer und Moderna schon seit langem impfen lassen, hat das Unternehmen seine Genehmigung noch immer nicht. Es fehlen Daten.

01.06.2021

Von Thomas Veitinger

Curevac ist aus einem akademischen Forschungsprojekt der Universität Tübingen hervorgegangen. Foto: Curevac

Ulm. Als am Freitagabend eine neue Nachricht auf der Internetseite von Curevac auftauchte, dürften viele Interessierte mit einer Erfolgsmeldung gerechnet haben: Endlich ist der Impfstoff da! Während die Konkurrenten Pfizer/Biontech und Moderna schon ein halbes Jahr ihre Vakzine ausliefern, hängt der Biopharmazeut aus Tübingen hinterher. Doch in der Meldung ist lediglich von einem weiteren Wirksamkeitsnachweis die Rede. Das Datenüberwachungskomitee teilte zwar mit, dass es in Tests keine Sicherheitsbedenken gegen den Curevac-Impfstoff gebe. Um genügend Daten zu sammeln, werde die Studie aber fortgesetzt.

Wie lange noch? Vorstandschef Franz-Werner Haas hatte mehrfach gesagt, dass das Mittel im Juni ausgeliefert werde. Weil nach der Wirksamkeitsanalyse aber der Zulassungsantrag für die europäische Arzneimittelbehörde EMA erfahrungsgemäß weitere Wochen braucht, könnte es eng werden für das zweite Jahresquartal. Der Impfstoffbeauftragte der Bundesregierung, Christoph Krupp, rechnet mit dem Impfstoff erst in der zweiten Jahreshälfte. Eine Sprecherin von Curevac wollte eine Verzögerung aber weder bestätigen noch dementieren: „Wir wissen das auch nicht.“

Der Dienstleister der Studie soll den Wirkstoff unabhängig prüfen und erteilt zu einzelnen Daten keine Auskünfte. Es mangele noch an weiteren Informationen über Covid-19-Fälle, sagte eine Curevac-Sprecherin der Süddeutschen Zeitung. „Die Covid-19-Realität hat sich seit Anfang dieses Jahres dramatisch verändert und ist heute durch die rasante Ausbreitung von besorgniserregenden Virusvarianten sowie das Auftreten von neuen Virusstämmen geprägt, die gemeinsam den ursprünglichen Virusstamm, den wir im Jahr 2020 bekämpft haben, so gut wie verdrängt“, sagte Vorstandschef Franz-Werner Haas bei der Vorstellung der Finanzergebnisse des ersten Quartals. Es handle sich um eine „der vielfältigsten Studien mit Blick auf das breite Aufkommen von Virusvarianten“.

Curveac hatte in diesem Jahr auch Probleme, sich den Materialbedarf und Produktionsmaschinen für die geplante Produktion von 300 Millionen Dosen zu sichern – auch weil die USA bestimmte Produkte nicht mehr ausführen. So warnte die Impfstoffallianz Gavi vor Engpässen bei Rohstoffen und Ausrüstungsmaterialien. Diese könnten zu nicht einzuhaltenden Lieferzusagen führen. Curevac hat die Bundesregierung um Unterstützung bei der Beschaffung gebeten. Obwohl die Produktion belastet sei, werde man die 300 Millionen Impfdosen liefern können, sagte Haas.

Der Impfstoff werde einen wichtigen Beitrag zu den existierenden Pandemie-Impfprogrammen leisten, heißt es von Curevac. Die Verfügbarkeit von wirksamen Impfstoffen sei wichtiger denn je, um weitere Veränderungen des Virus zu verhindern, unterstrich Haas. Eine vereinfachte Lieferlogistik sei durch die Standard-Kühlschranktemperatur möglich. „Ein wichtiger Vorteil, da die globale Pandemie sichere Impfstoffe erfordert, die in globalem Maßstab produziert und verteilt werden können.“

Während noch auf den ersten Impfstoff von Curevac gewartet wird, entwickelt das Unternehmen mit dem britischen Pharmaunternehmen Glaxosmithkline (GSK) vom dritten Quartal an bereits die zweite Generation des Impfstoffkandidaten. Sein Vorteil soll eine geringere Dosis sein, um verschiedene Virusvarianten zu bekämpfen. Tiere zeigten gute Reaktionen gegen Varianten, die zuerst in Dänemark, Großbritannien und Südafrika aufgetreten sind, berichtet Curevac.

Der Impfstoff nutzt wie bei den Konkurrenten Biontech und Moderna die sogenannte Boten-RNA. Die neuen genbasierten Impfstoffe enthalten Informationen über den „Bauplan“ oder Code eines bestimmten Virusmerkmals. Anhand der Informationen kann der Körper selbst Antigene produzieren und eine Infektion gezielt bekämpfen. Curevac-Mitbegründer Ingmar Hoerr hatte vor 20 Jahren zufällig die mRNA-Impfung entdeckt, als er einer Kontrollgruppe von Mäusen RNA-Moleküle injizierte.

Hohe Verluste

Wegen der hohen Forschungskosten schreibt Curevac weiter rote Zahlen. Der Verlust vor Steuern lag im ersten Quartal des Jahres bei 112,2 Millionen Euro, wie ein Sprecher mitteilte. Die Verluste gehen demnach vor allem auf Forschungs- und Entwicklungskosten zurück. Im ersten Quartal des Vorjahres hatte der Verlust noch bei 23,9 Millionen Euro gelegen. Angaben zum Ergebnis nach Steuern machte Curevac zunächst nicht. Der Umsatz stieg in den ersten drei Monaten des Jahres von 3,1 Millionen Euro 2020 auf nun 10 Millionen Euro. Der Anstieg geht laut Curevac vor allem auf die Zusammenarbeit mit GSK zurück.

Curevac hatte 2020 mit einem Vorsteuerverlust von 129,8 Millionen Euro abgeschlossen und auch dies mit hohen Kosten für Forschung und Entwicklung des Corona-Impfstoffs begründet. An dem Biotechunternehmen hält der SAP-Gründer Dietmar Hopp rund die Hälfte des Kapitals. - vt (mit dpa)

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Erstellt:
1. Juni 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
1. Juni 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 1. Juni 2021, 06:00 Uhr

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