Gäste der Woche

Zirkus Zambaioni: Wo Kinder einfach Kind sein dürfen

Zambaioni ist ein Zirkusangebot für Kinder. Was, wenn es auch ein Angebot für Senioren sein könnte? Ob das vielleicht bald möglich sein kann, darüber sprachen Gaby Müller und Andreas Germann vom Zambaioni-Vorstand.

16.12.2023

Von Lisa Maria Sporrer

Gaby Müller und Andreas Germann sind im Vorstand bei Zambaioni. Bild: Anne Faden

Gaby Müller und Andreas Germann sind im Vorstand bei Zambaioni. Bild: Anne Faden

Üblicherweise läuft es ja so: Wenn die Kinder klein sind, engagiert man sich als Beirat, im Vorstand, ist aber auch meistens ganz froh, wenn man das Amt wieder abgeben kann, sobald die Kinder aus der Kita und der Schule raus sind oder nicht mehr im Verein bleiben können, weil es sie in die weite Welt hinauszieht. Gaby Müllers Tochter ist mittlerweile 28 Jahre alt. Die Zeiten, als sie im Zambaioni erste Erfahrungen mit der Zirkuswelt machte und dann später im Zirkuszelt die großen Aufführungen mitgestaltete, sind längst Geschichte. Gaby Müller aber ist noch immer im Zambaioni-Vorstand aktiv. Seit 12 Jahren. „Ich habe in dieser Zeit Zambaioni schätzen gelernt, lieben gelernt“, sagt sie. Außerdem stecke da auch ein gewisses berufliches Interesse hinter.

Gaby Müller, die erst eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht hat und später, als sie ihre Vorliebe fürs wissenschaftliche Arbeiten entdeckte, noch Erziehungswissenschaften studiert und anschließend darin promoviert hat, interessiert sich schon von Berufs wegen dafür, wie Kinder aufwachsen, was ihnen wichtig ist, was sie für Angebote brauchen. In der Zirkuspädagogik, sagt sie, seien so viele Bereiche vereint: Bewegungsangebote, gestaltende Elemente, Musik, auch Handwerk, etwa die Gestaltung der Kostüme. „Zirkuspädagogik bietet ganz viele kleine Elemente, eine Vielfalt an Sinneseindrücken und vor allem: Jeder findet darin seinen Platz, kann Teil des Erfolgs sein“, sagt Müller. Gemeinsame Erfolgserlebnisse, die nicht auf Leistung ausgerichtet sind – das sei Zambaioni.

Das ist es auch, was Andreas Germann fasziniert. Auch er ist im Zambaioni-Vorstand, seine Kinder sind noch aktiv. Aber auch er macht den Eindruck, als ob er dabei bleiben würde, wenn es seine Kinder irgendwann in andere Städte verschlägt. „Es sind kleine Bausteine, die ein kunstvolles großes Gesamtbild machen“, sagt er. „Bei jedem Kurs können sich die Kinder neu entscheiden, was sie machen möchten, sie können sich ausprobieren.“

Gaby Müller und Andreas Germann sind als Gäste der Woche für das Zambaioni-Projekt „Zirkushaus“ der Weihnachtsspendenaktion zum Gespräch ins SCHWÄBISCHE TAGBLATT gekommen. Beide sind im Vorstand, beide sind begeistert im Verein, und beide haben Zukunftsvisionen – die sich aber nur realisieren lassen, wenn es das „Zirkushaus“ in der Südstadt dann auch tatsächlich gibt.

Schon vor acht Jahren entstand bei einer Zukunftswerkstatt die Idee, alle Angebote des Zirkus Zambaioni an einem Ort zu bündeln: Kursangebote, Geschäftsstelle, auch Trainingsmöglichkeiten für die Jugendlichen im Ensemble. Über die Stadt suchte der Verein dann nach leeren Hallen, die umgebaut werden könnten, nach Bauplätzen. Erfolglos. Nun aber gibt es die Möglichkeit, bei einer Baugemeinschaft in der Südstadt miteinzusteigen und endlich das Projekt „Zirkushaus“ anzugehen.

Ursprünglich sei geplant gewesen, dass Zambaioni eine Sporthalle baut und die Stadt Tübingen diese mitbenutzen kann. „Der Bedarf bei der Stadt an einer Halle aber ist so groß, dass es nun andersrum sein wird“, sagt Germann. Schaden tut das dem Vorhaben in keiner Weise: In der Halle, die auch auf dem Gelände des ehemaligen Autopalazzo entstehen wird, wird es deutlich mehr Trainingsmöglichkeiten für zirkusbegeisterte Kinder und Jugendliche geben, als bisher.

Denn bisher sei es immer noch ein Glücksspiel, dass Kinder die begehrten Kursplätze ergattern. Das war schon früher so. Der Zirkus Zambaioni ist zwar ein Tübinger Projekt, aber die Kurse sind nicht nur für Kinder aus Tübingen gedacht. Auch aus Rottenburg kommt reges Interesse, aus den Tübinger Teilorten, aus dem gesamten Landkreis. „Als damals der Brief kam, dass meine Tochter einen Platz im Ensemble bekommt, war das das größte Glück der Erde für sie“, erzählt Gaby Müller. Geschwisterkinder sind übrigens nicht automatisch dabei, auch sie müssen sich anmelden. Das Los entscheidet. „Für meine Tochter ist fast eine Welt zusammengebrochen, als sie erst eine Absage bekommen hat“, erinnert sich Germann. Schließlich bekam sie aber doch noch den ersehnten Platz. Das „Zirkushaus“ soll aber nicht nur die akute Raumnot beheben. Hinter dem Konzept steht mehr als nur neue Flächen. Das Angebot für die über 18-Jährigen soll ausgebaut werden. „Aber auch für ältere Menschen wären Angebote beim Zambaioni toll“, sagt Gaby Müller. Sie selber könne sich vorstellen, einen solchen Kurs zu besuchen. Allgemeine Fitness, Balance, Koordination und Ausdauer – denkbar wäre so ein Kurs auch für Menschen aus dem angrenzenden Seniorenheim, sagen Müller und Germann.

Zunächst soll aber auch die Kooperation mit Kitas und Schulen ausgebaut werden. Da sei die Nachfrage auch so hoch, dass dem bisher nicht nachgekommen werden könne, sagt Müller. Das liege auch an der geringen Anzahl an Zirkuspädagogen, die beim Zambaioni beschäftigt sind. „Ideal wäre ein eigener Zirkuspädagoge für Schulprojekte“, sagt Müller. Denn bisher müssen auch Anfragen von Schulen immer wieder mal abgelehnt werden. Dabei sei es gerade wichtig, auch in Schulen Präsenz zu zeigen. Besonders für Kinder, die sonst nichts erfahren hätten von den Angeboten, die es bei Zambaioni gibt. Denn Zambaioni, sagt Germann, wolle ja nicht nur Zirkusartisten hervorbringen. „Es geht um die Gemeinschaft und das Gefühl, so sein zu können, wie man ist. Das ist für jedes Kind wichtig.“

Dass das „Zirkushaus“-Projekt und die damit angedachten Angebote bald Realität werden, davon sind Gaby Müller und Andreas Germann überzeugt. Sie seien dafür eben auf Spenden angewiesen. Aber sie sind zuversichtlich, dass das klappt.

Gabriele Müller

1966 in Tettnang geboren

1982–86 Ausbildung zur staatlich anerkannten Erzieherin

2004 Abitur

2004–2009 Studium Erziehungswissenschaft Universität Tübingen

2009–2013 wissenschaftliche Mitarbeiterin in verschiedenen Forschungsprojekten im Themenbereich Professionalisierung in der Frühpädagogik

2011–2016 Fachberatung Kindertagesbetreuung, Stadt Reutlingen

Seit 2016 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaft

2020 Promotion

Seit 2021 Studiengangskoordinatorin Höheres Lehramt an beruflichen Schulen Sozialpädagogik/Pädagogik

Seit 2011 im Vorstand Zambaioni Seit 2012 im Amt der Kassiererin

Andreas Germann

1974 in Freiburg geboren, Abitur in Stuttgart, danach Zivildienst an der Tropenklinik in Tübingen

1995 Studium Erziehungswissenschaft, Rhetorik und Geographie in Tübingen

Seit 2002 Freizeiten-Referent in einem Jugendverband

Seit 2012 als Projektleiter für das landesweite Schülerstipendium Talent im Land angestellt an der Universität Tübingen

Seit 2020 im erweiterten Vorstand des Zambaioni

Damit das „Zirkushaus“ Realität werden kann

Zirkus Zambaioni: Wo Kinder einfach Kind sein dürfen
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Erstellt:
16.12.2023, 11:48 Uhr
Lesedauer: ca. 4min 30sec
zuletzt aktualisiert: 16.12.2023, 11:48 Uhr

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