Pandemie

Palmer-Zitat löst heftige Empörung aus

Tübinger OB: Retten Menschen, die ohnehin bald tot wären. Die Grünen-Spitze im Land distanziert sich.

29.04.2020

Von LSW

Für Boris Palmer ist der Lockdown ein Medikament mit Nebenwirkungen. Foto: Silas Stein/dpa

Tübingen. Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) hat mit drastischen Äußerungen in Sachen Corona-Maßnahmen Empörung und Vorwürfe der Menschenverachtung ausgelöst. Im Sat 1-Frühstücksfernsehen hatte er zur Verhältnismäßigkeit der Corona-Politik gesagt: „Ich sage es ihnen jetzt mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären – aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankungen. Aber die weltweiten Zerstörungen der Weltwirtschaft sorgen nach Einschätzung der Uno dafür, dass der daraus entstehende Armutsschock dieses Jahr eine Million Kinder zusätzlich das Leben kostet.“ Der Lockdown sei ein Medikament mit Nebenwirkungen, „wir müssen es richtig dosieren.“ Der Tübinger OB spricht sich schon länger dafür aus, Ältere stärker zu schützen und das Wirtschafts- und Alltagsleben für Jüngere hochzufahren.

Der Direktor des Instituts für Epidemiologie und Medizinische Biometrie der Universität Ulm, Dietrich Rothenbacher, betonte, dass es auch bei Jüngeren schwere Verläufe einer Covid-19-Erkrankung gebe. Laut einer Studie aus China starben in einer Patientengruppe von 35- bis 58-Jährigen 8,1 Prozent. Rothenbacher: „Die Gefährlichkeit einer Erkrankung kann auch nicht nur an der Zahl der absoluten Todesfälle festgemacht werden, sondern in der Tat sollte die Anzahl der verlorenen Lebensjahre benannt werden.“ Diese Zahlen gebe es für Covid-19 noch nicht.

Der FDP-Landeschef Michael Theurer reagierte empört auf Palmers Äußerung: „Ich rate Boris Palmer dringend, sich zu entschuldigen und diese Äußerung zurückzunehmen.“ Auch die Grünen im Land distanzierten sich. „Boris Palmer spricht nicht für die Grünen“, teilten die Landesvorsitzenden Sandra Detzer und Oliver Hildenbrand mit.

Am Abend versuchte Palmer, die Wogen zu glätten. „Niemals würde ich älteren oder kranken Menschen das Recht zu leben absprechen“, sagte er. Falls er sich „da missverständlich oder forsch ausgedrückt“ habe, tue es ihm leid. „Ich habe darauf hingewiesen, dass die Methode unseres Schutzes so schwere Wirtschaftsschäden auslöst, dass deswegen viele Kinder sterben müssen.“ Das wolle er nicht hinnehmen und fordere einen „besseren Schutz der Risikogruppen ohne diese Nebenwirkungen“. eb/dpa

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Erstellt:
29. April 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
29. April 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 29. April 2020, 06:00 Uhr

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