Tübingen · Gast der Woche

Julia Mildner-Powell: Eine Oase für die Ausweglosigkeit

Die Lücke zwischen dem Normalen und dem Bedürftigen soll mehr und mehr verschwimmen - auch mit dem neuen Rottenburger Kaufhaus „Karo“, das Julia Mildner-Powell initiiert hat.

29.12.2023

Von Lisa Maria Sporrer

Julia Mildner-Powell ist überwältigt von der Rottenburger Hilfsbereitschaft. Bild: Carolin Albers

Julia Mildner-Powell ist überwältigt von der Rottenburger Hilfsbereitschaft. Bild: Carolin Albers

Immer wieder trifft Julia Mildner-Powell auf Menschen, die ihr mit Mitleid in der Stimme ihre Anerkennung für ihre Arbeit ausdrücken wollen mit dem Satz: „Sie Arme! Sie haben so schwierige Klienten.“ Das ist nett gemeint, sagt Julia Mildner-Powell. Aber in der Sache sieht sie das ganz anders: Das Schwierige sind nicht die Menschen, sagt sie. „Das Schwierige ist der Kampf um Strukturen für diese Menschen, der Kampf um Hilfe.“

Die 53-Jährige weiß, was sie will. Das merkt man sofort im Gespräch mit ihr. Und ihre Körpersprache scheut sich nicht, mitzusprechen: Wenn sie von Ungerechtigkeit spricht, schwingt ein leichtes Beben in ihrem Körper mit, freut sie sich über etwas, strahlt ihre ganze Erscheinung, und wenn sie emotional wird, kann es auch mal vorkommen, dass sich Tränen in ihren Augen andeuten. So authentisch, wie sie als Person wirkt, beschreibt sie auch ihren Lebenslauf, der sich fast nach Bestimmung anhört - es hat scheinbar gar nicht anders kommen können, als dass sie die Rottenburger „Oase“ leiten wird.

Dabei wollte Julia Mildner-Powell nach ihrem Abitur am Tübinger Wildermuth-Gymnasium eigentlich die Familientradition weiterführen und Lehrerin werden. Nach vier Semestern in Tübingen und München fühlte sie zwar immer noch, dass Schule ihre Heimat ist, aber dieses ständige beurteilt werden mit Noten, das war ihr zuwider. „Der Fokus bleibt dabei nicht auf dem Menschen“, sagt sie noch heute. Denn darum geht es ihr. Neulich habe sie in einem Artikel zwei Sätze gelesen, die sie schwer beeindruckt haben. Der Erste war eine Aussage: „Das Wer kommt vor dem Was!“

Sie wechselte also seinerzeit das Fach, studierte Pädagogik und war nach dem Studium bei den Maltesern am Starnberger See zunächst für die FSJler-, später beim Evangelischen Jugendwerk in der Jugendarbeit wieder für junge Menschen zuständig. Teenager, sagt sie, findet sie super. Denn auch die sind authentisch, in ihren Problemen, dem Bedürfnis nach Orientierung, der Suche nach dem Sinn des Lebens. „Das Warum ist größer als das Wie“, das war der zweite Satz, der ihr aus dem Artikel in Erinnerung geblieben ist.

Dieses Wer - der Mensch - und seine Frage nach dem Warum, sind Lebensthemen geworden für Julia Mildner-Powell. „In meiner Familie können wir zwei Dinge“, sagt sie: „Holz und Pädagogik“. Ihre Brüder sind Zimmermänner, die Eltern Lehrer. „Bauen und Pädagogik gehören für mich zusammen.“

Und so fügte sich für sie alles zusammen, als sie nach ihrer Tätigkeit als Systemischer Coach und Mediatorin vor 21 Jahren die Leitung der „Oase“ übernahm - eine Anlaufstelle für Menschen in Not, die eine Bleibe brauchen. Bauen und Pädagogik. Heimat schaffen und sich kümmern. „Wir haben sogar ein Haus im Logo. Das kann ja kein Zufall sein“, sagt Julia Mildner-Powell.

Die Einrichtung „Oase“ hatte ihre Mutter 1982 gegründet als Anlaufstelle für alkoholabhängige Menschen. Ihre Mutter war selber alkoholabhängig und zunächst war es eine Ehrenamtlichen-Initiative, in der Menschen, die nirgendwo mehr hin konnten, wieder so etwas wie Heimat finden - eine Oase für die Ausweglosigkeit.

Eigentlich hatte Julia Mildner-Powell keine große Leidenschaft für Suchtkranke. Außerdem nervte es sie und nervt sie auch noch heute, wenn ein Zusammenhang zu ihrer Mutter hergestellt wird. „Wir sind kein Familienbetrieb, und ich habe kein Erbe angetreten“, sagt sie. „Ich mache das gerne und professionell mit einer hart erkämpften Distanz.“ Denn sie macht nicht einfach weiter, was ihre Mutter aufgebaut hat. Es geht nicht mehr nur um Suchtkranke. Aus der Initiative ist nun in Trägerschaft der Dompfarrgemeinde eine wichtige Rottenburger Einrichtung geworden, die lange Zeit das leistete, was die Kommune und der Kreis noch nicht wirklich im Blick hatten: der Bereich Wohnen. Noch heute hat die Oase für ihre Klienten Wohnungen in Rottenburg angemietet - mittlerweile in Kooperation mit der Stadt Rottenburg.

Die „Oase“ ist noch immer Anlaufstelle für trockene Alkoholiker, die eine Entwöhnungskur gemacht haben, Wohnraum und Hilfe suchen, um wieder im Leben anzukommen. Weil es aber noch viel mehr Menschen gab, die zur „Oase“ kamen und Hilfe suchten, wurde aus der Oase heraus 2011 der Verein „Rasthaus“ gegründet. Es wurde ein Notzimmer eingerichtet, ein Frauenzimmer, es gab ein Nottelefon. „Wir haben einfach Raum angeboten“, sagt Julia Mildner-Powell. Finanziert durch Spenden.

Auch der Verein „Rasthaus“ hat wieder ein Haus in seinem Logo. Das Motto des Vereins ist: begegnen, beraten, beheimaten. Bauen und Pädagogik: Auch darin findet sich ihr Lebensthema wieder. Es geht um Leben und Perspektive, sagt Julia Mildner-Powell. Nicht um Leid und Not. „Deswegen auch Rasthaus. Ankommen. Pause machen. Weitergehen.“

Die Lücke zwischen dem Normalen und dem Bedürftigen verschwimme immer mehr, sagt Julia Mildner-Powell. Dafür soll auch das „Karo“ stehen, das neue Kaufhaus in Rottenburg, das der Verein „Rasthaus“ nun auf die Beine gestellt hat. Es ist kein Ort für Bedürftige, vielmehr ein Begegnungsraum. Und die Unterstützung in Rottenburg dafür sei groß. Ohnehin schwärmt die Oase- und Rasthaus-Geschäftsführerin von der Hilfsbereitschaft in Rottenburg, auch von ihrem Team.

Erst kürzlich, nach einem Auftritt der Ammerbucher Big Band, in der Julia Mildner-Powell mitsingt, kam ein pensionierter Vorstand der Musikschule Ammerbuch auf sie zu: Er wolle gerne helfen. Er könne die IT des „Karo“ übernehmen, sagte er. „Ich kann nur demütig zuschauen, was da in den vergangenen Wochen aus dem Nichts heraus für das Karo alles passiert. Das ist so wahnsinnig berührend“, sagt Julia Mildner-Powell - und ihr Körper spricht wieder die gleiche Sprache.

Julia Mildner-Powell

1970 in Tübingen geboren

1990 Abitur Wildermuth-Gymnasium

1990-1992 Lehramtsstudium in Tübingen und München

1992-1997 Studium der Erziehungswissenschaften in Tübingen

1997- 2002 Jugendbildungsarbeit

2002 -2016 Beratungstätigkeit in Selbständigkeit

seit 2006 Geschäftsführerin „Oase“

seit 2011 Geschäftsführung RastHaus e.V.

Julia Mildner-Powell ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter

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Erstellt:
29.12.2023, 14:07 Uhr
Lesedauer: ca. 4min 20sec
zuletzt aktualisiert: 29.12.2023, 14:07 Uhr

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