Tübingen · Epidemie

Coronavirus: Jetzt hofft die Welt auf Curevac

Wer entwickelt als erster ein Mittel gegen das Coronavirus? Am Freitag beauftragte die internationale Cepi-Allianz den Tübinger Biotech-Pionier Curevac offiziell mit der Aufgabe, einen Impfstoff zu entwickeln.

31.01.2020

Von Ulrich Janßen

Made in Tübingen: Ein Impfstoffkandidat des Biotech-Pioniers CureVac. Archivbild: Ulrich Metz

Ein knappes Dutzend Forschungsgruppen arbeitet derzeit weltweit mit Hochdruck an einem Impfstoff gegen das neue Coronavirus. Mit dabei ist jetzt auch das Tübinger Pharma-Unternehmen Curevac. Der Biotech-Pionier aus dem Technologiepark Obere Viehweide teilte am Freitag offiziell mit, dass er einen Auftrag von der „Coalition for Epidemic Preparedness Innovations“ (Cepi) erhalten habe, einer vor vier Jahren in Davos gebildeten internationalen Allianz zur Abwehr drohender Pandemien.

Cepi soll beim Auftauchen neuer, gefährlicher Viren die Entwicklung von Impfstoffen (Vakzine) beschleunigen und koordinieren. Der Allianz gehören Staaten wie Deutschland, Norwegen oder Kanada an, aber auch die Bill und Melinda Gates Foundation. Im vergangenen Jahr hatte Cepi die Impfstoffentwicklung bei Curevac schon mit knapp 31 Millionen Euro gefördert. Für die Entwicklung eines Corona-Impfstoffs erhält das Tübinger Unternehmen jetzt weitere 7,5 Millionen Euro.

„Dank der finanziellen Mittel von Cepi sind wir in der Lage, die Bekämpfung von derartigen Gesundheitsgefahren noch besser unterstützen zu können“, erklärte Mariola Fotin-Mleczek, Chief Technology Officer (CTO) bei Curevac. Das Unternehmen entwickle jetzt einen Impfstoff, der „nach erfolgreichen präklinischen Tests rasch in klinischen Studien am Menschen getestet werden könnte“. Die Curevac-Technologie eignet sich nach Überzeugung von Fotin-Mleczek besonders gut für „eine schnelle Reaktion auf virale Ausbrüche wie den aktuellen“. Anders als bei der herkömmlichen Impfstoffentwicklung verwendet Curevac keine abgeschwächten oder abgetöteten Erreger, um eine Immunantwort des Körpers hervorzurufen. Stattdessen werden die Erbinformationen des jeweiligen Virus in die mRNA, einen Teil des menschlichen Genoms, eingeschleust. Es muss deshalb auch kein Coronavirus nach Tübingen gebracht werden. Den Curevac-Forschern reichen die Daten, die am 29. Januar das Fachblatt „The Lancet“ weltweit bekanntmachte. In dem Lancet-Aufsatz stellten Virologen der Shandong First Medical University im chinesischen Tai’an zehn Genomsequenzen des Virus vor.

Illustration des Coronavirus (2019-nCoV) des Centers for Disease Control and Prevention (CDC): Die Fortsätze auf der Oberfläche des Virus erinnern an eine Corona. Bild: Wikimedia - CDC/ Alissa Eckert, MS; Dan Higgins, MAM [Public domain]

Die Curevac-Technologie erlaubt es theoretisch, mit Hilfe der genetischen Informationen sehr schnell Impfstoffe für sehr unterschiedliche Virus-Attacken zu entwickeln. Die Forscher schleusen die Erbinformationen der Viren über genetisch veränderte mRNA in den Körper ein und lösen auf diese Weise eine Immunreaktion aus, die mit der von herkömmlichen Vakzinen vergleichbar ist. Die Hoffnung der Curevac-Forscher ist, dass sich mit Hilfe der neuen Technologie irgendwann sogar Krebs bekämpfen lässt.

Schon gelungen ist es dem Unternehmen auf jeden Fall, einen Impfstoff gegen Tollwut zu entwickeln und in die klinische Phase zu bringen. Erst vor wenigen Wochen meldete Curevac, dass es mit seinem mRNA-basierten Wirkstoffen bei Probanden starke Reaktionen des Immunsystems hervorrufen konnte. Bei allen Versuchsteilnehmern hätten die Werte der vor Tollwut schützenden Antikörper die von der WHO vorgeschriebenen Werte überschritten – und das bei sehr geringer Dosierung.

Entsprechend zuversichtlich zeigte sich der Curevac-Mitbegründer und Aufsichtsratschef Ingmar Hoerr, dass dem Unternehmen der Durchbruch gelingen könnte. Gegenüber dem TAGBLATT versicherte er, dass er dem Tollwut-Schutz per mRNA vollkommen vertraue. Entsprechend geschützt hätte er beim Biss eines tollwütigen Hundes keine Sorge vor einer Erkrankung.

Laut Hoerr ist Curevac in der Lage, den Impfstoff nicht nur zu entwickeln, sondern auch selbst zu produzieren. Da die benötigten Mengen vergleichsweise gering sind, reichten die Kapazitäten in Tübingen aus, um große Teile der Bevölkerung mit dem Medikament zu versorgen.

Noch ist allerdings der Weg bis zu einem Impfstoff weit. Cepi-Chef Richard Hatchett hofft, mit Hilfe der mRNA-Technologie von Curevac „innerhalb von wenigen Monaten“ einen Kandidaten zu finden. Der muss dann aber noch klinisch erprobt werden, was selbst bei einem beschleunigten Verfahren Monate dauern kann. Nicht selten ist deshalb die Epidemie vorbei, bevor ein Impfstoff vorliegt. So war es im Jahr 2003 bei Sars. 22 Projekte zur Entwicklung von Impfstoffen wurden damals gestartet, tatsächlich am Menschen getestet und zugelassen wurde am Ende kein Vakzin. Die Hoffnung ist diesmal, dass die Erfahrungen mit dem Sars-Erreger die Entwicklung von Vakzinen gegen das Coronavirus erleichtern.

Auch in China arbeiten inzwischen mehrere Institute an der Impfstoff-Entwicklung, darunter auch ein Team der Schanghaier Tonji Universität, das, genau wie der US-amerikanische Curevac-Konkurrent Moderna, auf die mRNA-Technologie setzt.

Wie Impfstoffe zugelassen werden

Für die Zulassung von Medikamenten ist in Deutschland das Paul-Ehrlich-Institut und in Europa die Arzneimittelbehörde EMA zuständig. Neue Arzneimittel müssen die Hersteller in Zellkulturen, Tiermodellen und an Menschen testen. Dies dauert in der Regel viele Monate. In Notfallsituationen und bei großem Interesse für die öffentliche Gesundheit kann das Zulassungsverfahren aber verkürzt werden. So kann etwa bei einer Pandemie eine Muster-Zulassung schon nach der zweiten klinischen Phase erteilt werden. Die Hersteller erhalten dann die Auflage, die Phase 3 (Tests mit mehreren Tausend Probanden) nachzuholen.

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Erstellt:
31. Januar 2020, 19:10 Uhr
Aktualisiert:
31. Januar 2020, 19:10 Uhr
zuletzt aktualisiert: 31. Januar 2020, 19:10 Uhr

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