Selbst angebautes Gemüse für alle

Häuser für Flüchtlinge (2): Das Passerelle am Hechinger Eck teilt sich den Innenhof mit zwei anderen

Ein großes Haus vor allem für Flüchtlinge soll am Hechinger Eck Süd entstehen. Es ist in drei einzelne Gebäude unterteilt. Eins davon, das „Passerelle“, baut eine private Investorengruppe.

19.07.2016

Von SABINE LOHR

Hier, an der Nordspitze des Grundstücks am Hechinger Eck, entsteht das „Passerelle“, dessen Garten Flüchtlingen helfen soll, sich die Zeit zu vertreiben, miteinander und mit den Nachbarn zu werkeln und sich mit frischem Gemüse zu versorgen. Ursula Wiehl, Reinhard Winter, Claudia Jung und Susanna Hirzler (von links) bilden einen Teil der Baugemeinschaft, die sich viele Gedanken über das entstehende Haus gemacht hat. Bild: Metz

Tübingen. Der Garten ist der Dreh- und Angelpunkt des „Passerelle“. Wenn’s gut läuft, wird er richtig groß und füllt den gesamten Innenhof der drei Häuser aus. Die sind in einer U-Form angeordnet, die zur Bundesstraße hin geschlossen ist und sich zur Derendinger Bebauung hin öffnet. In dem Hof, der sich so ergibt, möchte die „Passerelle“-Baugruppe zusammen mit den beiden anderen Bauherren – so sie denn mitmachen – einen Nutzgarten anlegen, von dem alle profitieren. „Die Bewohner können sich sinnvoll beschäftigen und sich mit Obst und Gemüse selber versorgen“, sagt Claudia Jung.

Bloß kein Ghetto

am Hechinger Eck

Jung ist Architektin und die Projektsteuerin der Baugemeinschaft. Die besteht bisher aus acht Mitgliedern, die fast alle im Loretto oder in der Nähe davon wohnen. Jede und jeder von ihnen investiert in das Projekt und finanziert eine der Wohnungen und einen Anteil an den Gemeinschaftsräumen. Außerdem sind alle bereit, sich für Flüchtlinge zu engagieren und sich im Haus mit einzubringen. Drei Investoren fehlen der Gruppe noch, aber Jung ist sich sicher, die noch zu finden.

Das Thema Flüchtlingswohnen ist für Jung neu. „Und es ist kompliziert“, sagt sie. Darum hat sie gezielt Leute mit ins Boot genommen, die sich mit dem Thema auskennen. Zum Beispiel Dagmar Menz vom Asylzentrum, die Landschaftsplanerin Susanna Hirzler und den Diplompädagogen Reinhard Winter. Außerdem will sie mit der Volkshochschule, dem Verein Lorettina und der Kirche kooperieren, die sich jetzt schon für Flüchtlinge engagieren.

Die besondere Herausforderung sehen Jung und Winter darin, dass an dem Platz am Hechinger Eck kein Ghetto entsteht. Er liegt am Stadtrand, kurz vor einem Gewerbegebiet und direkt an der B27. Außerdem könnten die soziale Situation der Flüchtlinge und auch kulturelle Unterschiede zur Ausgrenzung und Abschottung führen. Mit ihrem Projekt will die Baugruppe das verhindern und „Übergänge“ schaffen – zur Nachbarschaft und zu den anderen Bewohnern des Hauses. Denn nicht nur Flüchtlinge sollen dort leben. 40 Prozent der Wohnungen sollen für andere zur Verfügung stehen, voraussichtlich als Sozialwohnungen.

Jung und Winter gehen davon aus, dass 20 Flüchtlinge in ihrem Haus eine Unterkunft finden. „Das ist weniger als es die Verwaltung wollte“, sagt Jung. Doch das Haus hat, noch bevor es steht, ein besonderes Problem: die Bundesstraße. Sie ist so laut, dass sämtliche Räume, die zur Straße hin liegen, nicht als Schlaf-, Wohn- oder Kinderzimmer genutzt werden dürfen. Und auch im Erdgeschoss sollen keine Wohnungen sein, sondern Gemeinschaftsräume. Es soll dort eine Werkstatt geben, die alle nutzen können – „zum Nähen oder für die Hauswirtschaft oder was immer einen tagsüber beschäftigt“, sagt Winter. Das vierte Stockwerk ist nur halb bebaut – so entsteht in Richtung Derendingen eine Dachterrasse für alle. In diesem obersten Stock wird es einen großen Gemeinschaftsraum geben. Wie der genutzt wird, hängt von den Bewohnern ab – denkbar sind etwa Kinderbetreuung, spielen, lernen, feiern, entspannen oder auch Hauskonferenzen.

Die Wohnungen im Haus sind unterschiedlich groß. Zudem sind sie so angelegt, dass aus zwei kleinen Wohnungen auch eine große werden kann, indem Wände herausgenommen werden. Damit ist Platz sowohl für Alleinstehende als auch für kleine und große Familien.

Von der Heinlenstraße aus gibt es einen überdachten Durchgang zum Innenhof, in dem ausreichend Platz für Fahrräder ist. Er verbindet die kleine Parkanlage, die die Stadt an der Heinlenstraße vor dem Haus plant, mit dem Innenhof. In diesem Park, am Rand des Grundstücks, ist ein kleiner Pavillon geplant, der den Platz etwas einfasst. Für diesen kleinen Bau, der lediglich eine Rückwand und eine Überdachung hat, gibt es viele Ideen: „Die Bewohner können dort vielleicht ihr selbst angebautes Gemüse verkaufen“, sagt Jung. Oder sie könnten einen Flohmarkt darin machen, Tauschbörsen anbieten, Räder reparieren.

Um das nachbarschaftliche Engagement zu koordinieren, die Gemeinschaftsräume zu verwalten, aber auch, um Konflikte zu lösen, die es, da ist sich Jung sicher, in dem Haus geben wird, stellt die Baugemeinschaft einen „Kümmerer“ ein. Finanziert wird diese Stelle durch die Mieteinnahmen und durch Projektmittel.

Doch zunächst will die Gruppe die Planungen vorantreiben und das Projekt zur Baureife bringen. Im April 2018 sollen die Bewohner einziehen.

Die beiden anderen Bauherren am Hechinger Eck

Die Gruppe Passerelle baut ihr Haus auf dem nördlichen Grundstücksteil – direkt an der Heinlenstraße. Den mittleren Hausteil realisiert die Baugenossenschaft Familienheim Schwarzwald-Baar mit ihrem Konzept „Mikrolofts“, bei dem auf preistreibende Bauteile verzichtet wird. Gemeinsam mit der St. Gallus-Hilfe der Stiftung Liebenau soll in dem Haus ein Angebot für Menschen mit Behinderung und ambulantem Assistenzbedarf geschaffen werden. Das dritte Haus, das direkt daran anschließt, bebaut die „Bürger-Wohnbau-Gesellschaft Neue Nachbarn“ . Deren Konzept stellen wir als nächstes vor.

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Erstellt:
19. Juli 2016, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
19. Juli 2016, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 19. Juli 2016, 01:00 Uhr

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