Tübingen · Weihnachtsspendenaktion

Gespräch über sexualisierte Gewalt: Nicht immer ist die Realität romantisch

Sexualisierte oder psychische Gewalt? Mitarbeiter von Tima und den Pfunzkerlen sprachen mit Schülerinnen und Schülern der Gemeinschaftsschule West über Respekt und wann man sich Hilfe holen sollte.

04.12.2021

Von Lisa Maria Sporrer

Lara Gebhardt-Brodbeck von Tima und Timo Gögel von den Pfunzkerlen gehen für die Präventionsarbeit an Schulen im Landkreis. Bild: Ulrich Metz

Frisch verliebt. Der Junge holt das Mädchen von der Schule ab und begleitet sie nach Hause. Ist das okay? Er ruft mehrmals täglich an, fragt sie aus, was sie macht, mit wem. Ist das auch noch ok? Aber wenn er anfängt, ihr Dinge zu verbieten – ins Freibad zu gehen, sich mit Freundinnen zu treffen – ist das nicht schon Kontrolle?

„Es ist süß, wenn er anruft“, sagt eine der Neuntklässlerinnen der Gemeinschaftsschule West. „Das zeugt von Interesse“, sagt eine andere. „Aber wenn er das zehn Mal am Tag machen würde, fände ich das schon komisch“, sagt dann eine der Schülerinnen, die mit Lara Gebhardt-Brodbeck von „Tima“ verschiedene Situationen besprechen. Es gehe um Respekt in Liebesbeziehungen, „und es geht darum, junge Menschen für Warnhinweise und Gewaltdynamiken zu sensibilisieren“, sagt Gebhardt-Brodbeck in der Pause des zweitägigen Workshops an der Schule.

Verliebt sein, Schmetterlinge im Bauch – welches Mädchen und welcher Junge wünscht sich das nicht? Aber nicht immer ist die Realität so romantisch. Übergroße Aufmerksamkeit und Anhänglichkeit werden oft als Liebesbeweise verstanden. Sie können jedoch auch erste „Warnzeichen“ für kontrollierendes und manipulierendes Verhalten sein. Denn nicht nur in Partnerschaftsbeziehungen von Erwachsenen kann es zu Formen von verbaler oder körperlicher Gewalt kommen.

„Auch junge Männer sind sehr feinfühlig, wenn es um Beziehungen geht“, sagt Timo Gögel von „Pfunzkerle“, der nebenan in der Klasse mit den Neuntklässlern über Liebesbeziehungen spricht. Er beobachte immer mehr, so Gögel, dass bei jungen Männern zunehmend der ernsthafte Wunsch da sei, einerseits eine tiefe, innige Liebesbeziehung zu führen. Andererseits die Angst auch sehr groß sei, verletzt zu werden, die Angst, dass die Beziehung auch kaputtgehen kann.

Seit 2009 wird das Projekt

Gespräch über sexualisierte Gewalt: Nicht immer ist die Realität romantisch

Was ist ok in einer Liebesbeziehung und was nicht? Schülerinnen und Schüler der Gemeinschaftsschule West sprachen an zwei Tagen in einem Workshop über Respekt und eigene Wünsche. Bild: Ulrich Metz

„Heartbeat/Herzklopfen“ zur Prävention von Gewalt in intimen Teenagerbeziehungen durch das Daphne-III-Programm der Europäischen Gemeinschaft gefördert. Seit 2009 bieten auch Mitarbeiter von Tima und Pfunzkerle in Schulen dazu Präventionsarbeit an. „Wir sind jedes Jahr an verschiedenen Schulen im Landkreis in den neunten Klassen präsent“, sagt Gebhardt-Brodbeck. „Wir verstehen uns dabei auch als Brückenbauer, weil die Hemmschwelle, in eine Beratungsstelle zu gehen, für junge Menschen doch noch sehr hoch ist“, sagt sie. Im kommenden Jahr soll es eine eigene Fachberatungsstelle zu sexualisierter Gewalt in Tübingen geben, die Tima gemeinsam mit den Pfunzkerlen, der Fachstelle Jungen- und Männerarbeit, eröffnen will. Finanziert wird die Beratungsstelle vom Landkreis Tübingen und auch von der Aktion Mensch. Damit die Jugendlichen oder Eltern auch mit jüngeren Kindern dort auf eine vertrauensvolle und angenehme Atmosphäre treffen, fehlt noch Geld für die Ausstattung der neuen Räumlichkeiten.

Aber nicht allein dafür benötigt Tima die Hilfe der TAGBLATT-Leserinnen und Leser: Auch die Beratungs- und Gruppenangebote für Eltern, die sich Sorgen um ihre Kinder machen, sollen jetzt – in der Pandemie – möglichst bald ausgeweitet werden. Außerdem sind Workshops als Präventionsprojekte geplant, zum Schutz vor sexuellen Übergriffen, die über digitale Medien ausgeübt und angebahnt werden.

Auch Lara Gebhardt-Brodbeck ist, neben der Präventionsarbeit an Schulen, in der Einzelberatung bei Tima tätig. Oft kämen auch Anfragen von Eltern, sagt sie. Wichtig sei es aber auch, dass Kinder und Jugendliche wüssten, wo sie Ansprechpartner finden können, wenn sie Probleme haben oder sich unsicher fühlen.

„Das Schöne an diesen Workshops ist auch, dass sie auf einer Metaebene stattfinden“, sagt Brigitta Kornelius, Schulsozialpädagogin an der Gemeinschaftsschule West. Es geht also nicht darum, dass die Jugendlichen von ihren akuten Problemen erzählen. Es geht vielmehr darum, ganz allgemein zu schauen, wie sie sich in einer bestimmten Situation fühlen würden. Die Grenzen gedanklich schon mal abzustecken, wie weit der Partner gehen darf. „Das ist ganz unabhängig von einer eigenen Beziehung“, sagt Kornelius. Da kann es auch um eine Freundin oder einen Freund gehen, für den man da sein will.

Bei der Abschlussrunde des Workshops zeigten sich die Jugendlichen beeindruckt davon, wie offen sie in den Gruppen über das Thema sprechen konnten, wie wichtig es gewesen sei, Meinungen auszutauschen. Und eine Schülerin sagte: „Es hat mich auch zum Nachdenken gebracht, wie es bei anderen ist. Denn nicht immer sind Empfindungen gleich.“

So können Sie für die Projekte spenden

Spenden können Sie auf das TAGBLATT-Konto bei der Kreissparkasse Tübingen (IBAN: DE94 6415 0020 0000 1711 11). Vermerken Sie, wenn Sie eine Spendenquittung benötigen, und fügen in diesem Fall Ihre vollständige Adresse hinzu. Bei Beträgen bis 300 Euro akzeptiert das Finanzamt einen Kontoauszug. Wollen Sie ein bestimmtes Projekt unterstützen (Projekt 1 „Tima“ oder Projekt 2 „Gärtnerei“), bitten wir um einen entsprechenden Vermerk. Wegen der Datenschutzgrundverordnung werden die Namen der Spenderinnen und Spender in der Zeitung nicht mehr veröffentlicht. Wir speichern Ihre personenbezogenen Daten (Vorname, Nachname, Adresse, Kontodaten, Spendenbetrag) ausschließlich zum Zweck der Durchführung der Spendenaktion und wegen möglicher Nachfragen zu Spendenquittungen (Art. 6 Abs. 1 lit. b DSGVO) für maximal sechs Monate. Gemäß Art. 13 DSGVO sind wir verpflichtet, darauf hinzuweisen, dass wir Name, Adresse und Spendenbetrag der Leser und Leserinnen, die eine Spendenbescheinigung wünschen, an die begünstigten Organisationen übermitteln.

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Erstellt:
4. Dezember 2021, 13:30 Uhr
Aktualisiert:
4. Dezember 2021, 13:30 Uhr
zuletzt aktualisiert: 4. Dezember 2021, 13:30 Uhr

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