Gemeinsam leben

Asch: Ein Dorf lebt Inklusion

Alle lieben Helmut Rühl: Im Rollstuhl ist er nonstop in seinem Heimatort unterwegs. Dass das funktioniert, ermöglichen zehn engagierte Familien.

20.09.2021

Von Karin Mitschang

Familienmitglied für viele: Helmut Rühl ist der Dorfmittelpunkt in Blaubeuren-Asch. Arthur Fahrner, Bernd Schlumpberger und Silvia Mattheis (von links) kümmern sich um den Rollstuhlfahrer wie viele andere im Ort. Foto: Karin Mitschang

Asch. Wer das vergnügte Lachen von Helmut Rühl gehört hat, weiß, warum ihn alle lieben. Zehn Familien in Blaubeuren-Asch (Alb-Donau-Kreis) kümmern sich gemeinsam um den an Spasmus erkrankten Rollstuhlfahrer. „Er wohnt nicht nur an der Hüle im Dorfmittelpunkt“, sagt Bernd Schlumpberger. „Er ist auch der Dorfmittelpunkt!“ Wo immer etwas los ist, kann Rühl nicht weit sein – vom Wochenmarkt über den Gottesdienst, Backhaus-Tag und das Hülenfest bis zum Fußballspiel.

Lange bevor alle Welt von Inklusion sprach, wurde diese bereits in Asch gelebt, wie Schlumpberger sagt. „Ich weiß noch, wie wir Kinder mal unser Taschengeld für Silvester-Böller alle zusammengelegt und ihm das als Weihnachtsgeschenk überreicht haben.“ Es sei stets wichtig gewesen, „den Helmut“ in alles einzubeziehen.

„Ohne die Integration könnte ich nicht leben“, sagt der 70-Jährige, der früher bei der Lebenshilfe in Ulm-Jungingen gearbeitet hat und im elterlichen Haus alleine lebt. Es braucht Geduld, um ihn zu verstehen. Doch es lohnt sich. Schlumpberger: „Helmut ist wahnsinnig belesen, er ist geistig topfit.“ Der Fußballvereinsvorsitzende gehört zu einer der zehn Familien, die sich die Betreuung aufteilen. „Mit dem kannst über alles reden“, bestätigt Arthur Fahrner, der ebenfalls zu den Ehrenamtlichen gehört.

Morgens und abends kommt eine Mitarbeiterin der Sozialstation, um die Pflege zu erledigen. Rühl wird schon um 18 Uhr „bettfein“ gemacht, lässt es sich danach jedoch nicht nehmen, noch seine Runden zu drehen. „Dann sieht man ihm im Schlafanzug herumfahren“, was allen gute Laune mache, berichtet Silvia Mattheis, die ebenfalls den „König von der Hüle“ betreut, ab und zu Essen bringt. Ansonsten wird Rühl über die Gastwirtschaft „Lamm“ versorgt. Für Notfälle in der Nacht wäre der Nachbar aus dem Obergeschoss für Rühl da. Mattheis: „Als es bei uns einen Umbau in der Metzgerei gab, musste Helmut am Eingang probefahren. Wenn er mit dem Rollstuhl durchpasst, kommt auch ein Kinderwagen durch.“

Seine „zweite Heimat“ nennt Rühl den Friedhof, wo er wegen des Berufs seines Vaters aufgewachsen sei. Der war Totengräber. Er besucht die Gräber seiner Eltern oft, ist sonst auch mehrmals täglich in der Bäckerei und Metzgerei anzutreffen. Bei ihm könne man stets erfahren, was los ist im Dorf, sagt Fahrner: „Ob einer baut oder wer welches Haus gekauft hat, das weiß er, wir nennen ihn auch den Bauleiter.“

Kampf für Selbstständigkeit

Dass er nach dem Tod der Mutter vor 15 Jahren weiter in Asch leben kann – die Geschwister wohnen nicht in Asch – und nicht in ein Heim musste, dafür hat das Dorf gekämpft. Und dafür kämpft auch Rühl. „Er hat immer wieder Ideen gehabt, wie seine Situation verbessert werden kann“, sagt Fahrner, der die Späßle mit seinem Freund genießt. „Helmut ist unbezahlbar! Ein Lebenskünstler, von dem sich jeder eine Scheibe abschneiden kann.“ Angesichts seines „brutalen Schicksals“ habe er eine bewundernswert positive Einstellung.

Ortsvorsteher Harry Schmid hält gerne einen Plausch mit Rühl, „wenn der an meinem Haus vorbeikommt. Zu seinem 70er hat er gesagt, es hätte ihm früher niemand zugetraut, dass er mal so alt wird. Die Dorfgemeinschaft hatte dem Original zum runden Geburtstag mit einem Fest eine große Freude gemacht, die er sich oft per Video ins Gedächtnis ruft. Mit verschmitztem Lächeln schaut er sich an, wie er zur Live-Musik einer Steirischen Ziehharmonika „tanzte“, indem er sich im Rollstuhl mit angeschalteter Warnblinkanlage drehte. Zu Hause hat der Schlager-Fan tausende Musik-Kassetten, die er Besuchern gerne vorspielt.

Fußball-Fan Rühl mit dem Bezirkspokal seines Vereins.

Schlumpberger betont, dass nicht nur die zehn engagierten Familien, sondern im Grunde das ganze Dorf Rühl unterstützt. „Er hätte gerne, dass hier wieder mehr Leben ist“, sagt er. „Früher gab es an der Hüle ja zwei Gastwirtschaften, und an der Molke traf sich die Dorfjugend.“

Mit Diskriminierung gegen den Behinderten habe es noch nie ein Problem gegeben. „Die Kleinen verlieren schnell die anfängliche Angst, und mein Sohn spielt mit ihm inzwischen gerne ,Mensch, ärger dich nicht'.“ Rühl sagt: „Ich muss auf d'Leut' zugehen, die kommet net zu mir.“

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Erstellt:
20. September 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
20. September 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. September 2021, 06:00 Uhr

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