Wahlsieger

Die grüne Rakete

Ökopartei profitiert von Umweltthemen und ihrem beliebten Spitzenpersonal.

27.05.2019

Von Michael Gabel

Sven Giegold und Parteichefin Annalena Baerbock (Bildmitte) jubeln nach der ersten Hochrechnung. Foto: Tobias Schwarz/afp

Berlin. „Was für ein Abend!“ Grünen-Chefin Annalena Baerbock musste schreien, um sich bei der Wahlfeier Gehör zu verschaffen, so laut war der Jubel. Dass es ein gutes Ergebnis geben würde, damit hatten viele gerechnet. Doch die erste Prognose übertraf die Erwartungen nochmal deutlich. „Das Ergebnis zeigt: Die Menschen wollen mehr Klimaschutz, und die Menschen wollen Europa“, rief die Potsdamerin.

Ihr Top-Ergebnis verdanken die Grünen zwei Umständen: Die Umweltthemen, um die es diesmal vor allem ging, spielten den Grünen in die Karten. Außerdem nahmen sie so auch gleich noch den Schub der „Fridays for Future“-Bewegung mit. Sven Giegold, grüner Spitzenkandidat für Brüssel, sprach deshalb am Wahlabend vom „Sunday for Future“ und kündigte an: „Wir werden das Anliegen der Klimabewegung in das Parlament tragen.“

Zum andern profitieren die Grünen immer noch enorm von der Popularität ihres vor anderthalb Jahren gewählten Spitzenduos Baerbock/Habeck. Die „Teamarbeit“ sei es gewesen, die den Wahlerfolg möglich gemacht habe, lobte Bundesgeschäftsführer Michael Kellner. Hintergrund: Die grünen Europa-Spitzenkandidaten Ska Keller und Giegold sind immer noch kaum bekannt. Die Zugpferde Baerbock und Habeck mussten das ausgleichen.

Das wiedererwachte Interesse an der Umweltpolitik und die populäre Parteispitze sind beides offenbar auch Gründe, warum diesmal viele frühere Nichtwähler – laut Nachwahlbefragungen waren es 2,6 Millionen – ihr Kreuz bei der Ökopartei gemacht haben. Doch die Grünen überzeugten auch viele ehemalige Wähler der SPD (1,6 Millionen) und der Union (840 000).

Mit ihrem Triumph setzen die Grünen ihre Erfolgsserie der vergangenen Monate fort. Doch in den Jubel mischten sich am Wahlabend auch nachdenkliche Töne. Was ist, wenn die große Koalition platzt? Sollen die Grünen dann sofort Neuwahlen anstreben, um ihre guten Umfrageergebnisse in Parlamentssitze zu verwandeln? Was ist mit einem Kanzlerkandidaten? Viele in der Partei wollen das. Andere dagegen befürchten, es käme nicht gut an, wenn man sich einer möglichen „Jamaika“-Neuauflage verweigern würde. Fraktionschef Anton Hofreiter rät beim Thema Neuwahlen zur Zurückhaltung, wie er am Sonntagabend sagte. Und um sich Gedanken über „Jamaika“ zu machen, sei es sowieso noch deutlich zu früh.

Zum Dossier: Europawahl 2019

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Erstellt:
27. Mai 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
27. Mai 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. Mai 2019, 06:00 Uhr

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