Tübingen · Weihnachtsspendenaktion

Die Geschichte von Hans – Das Ziel ist gut weiterleben

Alleine in einem fremden Land: Die Geschichte von Hans zeigt, wie es mit Unterstützung trotzdem gelingen kann, anzukommen.

08.01.2024

Von Lisa Maria Sporrer

Hans wurde vor ein paar Jahren von der Einrichtung „Oase“, aus der heraus sich der Verein „RastHaus“ gegründet hat, aufgefangen. Nun will er als Ehrenamtlicher seinen Dank darüber ausdrücken. Bild: Anne Faden

Hans wurde vor ein paar Jahren von der Einrichtung „Oase“, aus der heraus sich der Verein „RastHaus“ gegründet hat, aufgefangen. Nun will er als Ehrenamtlicher seinen Dank darüber ausdrücken. Bild: Anne Faden

Als Hans vor fünf Jahren nach Rottenburg zu seinem Vater kam, hatte er ihn vorher zwei Mal in seinem Leben gesehen. Aber es war so ausgemacht: Wenn die Kinder volljährig sind, schickt ihre Mutter sie aus Nigeria zum Vater nach Deutschland. Hans‘ Schwester blieb in Nigeria. Sie begann dort ein Studium. Ihr fehlten die Deutschkenntnisse. Hans hingegen kam nach Deutschland. In Rottenburg traf er 2017 zum dritten Mal auf seinen Vater. Bei ihm sollte er nun also fortan leben.

Heute ist Hans 22 Jahre alt. Im vergangenen Juli hat er sein Fachabi gemacht. Jetzt ist er auf der Suche nach einer Ausbildung zum Fachinformatiker. Was sich so unkompliziert anhört, war kein leichter Weg für Hans. Denn aus dem Nichts ein Verhältnis zu einem Vater aufzubauen, den man nicht kennt, in einem Land und einer Kultur, die einem fremd ist, ohne Freunde – das ist eine Illusion, sagt Hans. Bei ihm war es das jedenfalls, obwohl es nicht anders lief, als bei vielen anderen Jugendlichen auch: Das Zimmer blieb unaufgeräumt, nicht alles Engagement galt der Schule und was der Vater sagte, wurde nicht immer postwendend umgesetzt. Trotzdem nimmt Hans seinen Vater heute in Schutz, obwohl er den Sohn nach zwei Jahren aus der Wohnung geworfen hat. „An einem Abend hat er zu mir gesagt: Du darfst morgen noch frühstücken und Zähne putzen, dann aber wird gepackt. Wenn ich von der Arbeit wiederkomme, bist du weg.“

Die Geschichte von Hans – Das Ziel ist gut weiterleben
Es sei wohl auch für den Vater schwer gewesen, plötzlich einen Sohn zu haben, also in Präsenz wirklich da zu haben, sagt Hans. „Vielleicht liegt der Stress, den ich mit meinem Vater damals hatte auch daran, dass wir nicht richtig kommuniziert haben“, sagt er heute. Oder daran, dass sich sein Vater einfach nicht mit Kindererziehung ausgekannt habe. Hans wurde von der Rottenburger Einrichtung „Oase“ aufgefangen. Nun hilft er für den Verein „Rasthaus“, der sich aus der „Oase“ heraus gegründet hat, als Ehrenamtlicher dabei mit, das neue Rottenburger Kaufhaus „Karo“ einzurichten. Er will seiner Dankbarkeit Ausdruck verleihen, sagt er, seiner Dankbarkeit darüber, dass dort Menschen waren und eine Institution, die ihm die Chance gaben, in Deutschland anzukommen und etwas aus sich zu machen. „Wenn ich etwas nicht weiß, wenn ich Hilfe brauche, wenn ich mal reden muss, finde ich bei der Oase immer einen Ansprechpartner. Das ist ein bisschen wie Familie für mich“, sagt Hans.

Nachdem ihn sein Vater rausgeworfen hatte, schlief er ein paar Nächte bei einem Freund in der Garage. Aber das konnte ja nicht ewig so gehen. Also rief er beim Ordnungsamt an. Es hätte zwar die Möglichkeit gegeben, in der Obdachlosenunterkunft in der Siebenlindenstraße in Rottenburg unterzukommen. Aber eine Obdachlosenunterkunft für einen damals 19-jährigen Schüler? Der Mann vom Ordnungsamt kannte da jemanden, der Hans vielleicht helfen könnte. Und derjenige empfahl ihm, sich bei der „Oase“ zu melden.

Die „Oase“ hat für ihre Klienten in Rottenburg Wohnungen angemietet. Ein paar Monate lebte Hans mit jemanden in einer kleinen Zweizimmer-Wohnung zusammen, sogenannte Notplätze, bis in eine Wohnung vermittelt werden kann. Schließlich fand sich eine 38 Quadratmeter große Wohnung. Dort lebt Hans noch heute. „Am Anfang war das echt schwierig für mich“, sagt er. Seine Schulnoten wurden schlechter, er musste sich ausschließlich selber motivieren. „Ich hatte einfach niemanden im Hintergrund, so wie viele andere Kinder und Jugendliche das haben.“

Aber Hans hat es geschafft. Er mag Deutschland sehr, sagt er, während er im „Karo“ Klamotten sortiert und schwere Kisten an die richtige Stelle bringt. Er mag die Menschen in Deutschland sehr, sagt er, seine Freunde und all jene, die ihm bei der „Oase“ immer so unterstützt haben. „Es gibt in Rottenburg eine so große Hilfsbereitschaft, nicht nur mir gegenüber. Hier ist man für den anderen da“, sagt er. Sein Ziel ist: eine Ausbildung machen, Familie gründen „und dann weiter leben“. Aus Rottenburg will er nicht weg. „Ich will meinen sicheren Hafen nicht verlassen“, sagt Hans.

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Erstellt:
08.01.2024, 17:00 Uhr
Lesedauer: ca. 3min 32sec
zuletzt aktualisiert: 08.01.2024, 17:00 Uhr

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