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Kirchentellinsfurt · Zeitreise

Überfall vor dem Esbella-Markt: Das Opfer wurde zum Täter

Bei einem wohl von der RAF 1985 begangenen Überfall wurde dem Geldboten des Esbella-Marktes in Kirchentellinsfurt in den Hals geschossen. Kurze Zeit später unterschlug er 650 000 D-Mark.

03.01.2020

Von Manfred Hantke

Der geparkte Opel Kadett vor dem Haupteingang des Kirchentellinsfurter Esbella-Marktes. Nachdem die Täter den Geldboten niedergeschossen hatten, zielten sie auf den linken Vorderreifen des Autos. In der Felge blieb ein Projektil stecken. Ein dritter Schuss auf den Hinterreifen verfehlte das Ziel. Archivbilder: Gööck

Dieser Montag war schon halb rum. Bis 13.30 Uhr war er nichts Besonderes – halt ein Montag wie andere auch: Am Kirchentellinsfurter Esbella-Markt (heute Real) kassierte die Frau an der Tankstelle, ebenso die Frau im Imbiss und auch die Frau im Fotoshop. Kunden schoben ihre Wagen in den Markt, saßen in der Kneipe, aßen, tranken. Andere schoben ihre Einkaufswagen ins Freie, Richtung Auto. Plötzlich aber fielen drei Schüsse. Der Mann, der kurz zuvor aus dem Esbella-Markt gekommen war, sank zu Boden, blutete am Hals. Ein roter Audi 80 raste mit hoher Geschwindigkeit davon. Esbella-Kunden konnten gerade noch das Stuttgarter Kennzeichen erfassen.

Nein, dieser Montag war kein normaler Montag mehr. An diesem 3. Juni 1985 sollen Mitglieder der Rote Armee Fraktion (RAF) den Geldboten einer Ludwigshafener Werttransportfirma überfallen haben. 50 Jahre alt war er, hatte kurz zuvor die Einnahmen vom langen Samstag aus dem Markt geholt und wollte mit seinem vor dem Eingang geparkten Opel Kadett Kombi den schwarzen Koffer samt der fünf Geldkassetten in die Zentrale bringen. 160 000 D-Mark waren drin und Schecks im Wert von 24 000 Mark.

Nur den roten Audi gefunden

Doch zwei Männer versperrten ihm den Weg, einer schoss ohne Vorwarnung und entriss ihm den Koffer. Ein weiterer Schuss traf die linke Vorderfelge, ein dritter verfehlte den Hinterreifen. Während die beiden Täter zum Audi sprinteten, startete der Fahrer, lud die beiden ein, raste auf den Südring Richtung Kirchentellinsfurt.

Eduard Zimmermann fahndete am 29. November 1985 nach den Tätern des Überfalls auf den Geldboten des Esbella-Marktes. Archivbild: Manfred Grohe

Die Polizei fahndete sogar mit einem Hubschrauber – ergebnislos. Etwa eine Stunde später fand sie nur den roten Audi in der Nähe der Neuen Steige. Rasch fand die Polizei den Waffentyp heraus, eine Parabellum 08, neun Millimeter, wusste bald, woher der rote Audi 80 GL, Baujahr 1973, kam: Gebraucht gekauft am 23. Mai in Stuttgart gegen Barzahlung (1300 D-Mark), von einer etwa 30 bis 35-jährigen Frau – mit lückenhaftem Gebiss und Raucherzähnen, wie sich die Zeugin laut TAGBLATT erinnerte. Und unter Angabe falscher Personalien, die gehörten zu einer 80-Jährigen aus Möhringen.

Erst im September 1985 entdeckte die Polizei das konspirative Zimmer der RAF-ler in der Tübinger Friedrich-Zundel-Straße, wo sie auch die Papiere des roten Audi fanden. Mieterin war eine Studentin. Sie hatte es aber während ihres Auslandsaufenthaltes an eine Gabi Krauss zwischenvermietet. Gabi Kraus, so vermuteten die Behörden damals, soll Barbara Meyer gewesen sein, von ihr wurden Fingerabdrücke im Zimmer gefunden (wir berichteten). Hinter der Audi-Käuferin vermutete die Polizei Birgit Hogefeld. 15 000 Mark wurden zur Belohnung für Hinweise auf die Täter ausgesetzt.

Der Geldbote wurde rasch gesund

Aufgeklärt ist der Überfall bis heute nicht, auch die ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY“ am 29. November 1985, in der nach weiteren RAF-Mitgliedern gefahndet wurde, brachte keine Erkenntnisse. Meyer konnte keine Beteiligung nachgewiesen werden, das Ermittlungsverfahren wegen des Vorwurfs der RAF-Mitgliedschaft wurde im Jahr 2000 eingestellt; Birgit Hogefeld hingegen soll einer der wichtigsten Köpfe der dritten RAF-Generation gewesen sein, sie wurde 1996 wegen mehrfachen Mordes zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt, hatte sich schon während der Verhandlung von der RAF losgesagt und kam 2011 aus dem Gefängnis.

Was aber ist aus dem Geldboten geworden? Er war – wie das TAGBLATT am 7. Juni 1985 berichtete – „auf dem Wege der Besserung“. Der Schuss in den Hals hatte nur knapp die Halsschlagader verfehlt, doch nur zwei Tage danach hat er die Tübinger Chirurgie verlassen, zwei weitere Tage später begann er wieder zu arbeiten und holte die Geldbomben ab, obwohl er krankgeschrieben war. Er fuhr hauptsächlich die Tour Kirchentellinsfurt – Sinsheim – Ludwigshafen und legte die Geldbomben in den Nachttresor der Ludwigshafener Commerzbank.

Das Fluchtauto, ein Audi 80 GL, Baujahr 1973. Bild: Polizei

Auch am Samstag, 6. Juli 1985. Vier Wochen nach dem Überfall war auch das ein langer Einkaufssamstag, die Tageseinnahmen waren also höher als sonst. Nachdem Egon B. aus mehreren Filialen die Geldbomben abgeholt hatte, warf er sie – wie stets – in die Klappe der Ludwigshafener Hausbank des Unternehmens. Erst am Montag gab es lange Gesichter: Die 23 Geldbomben waren leer. Es fehlten rund 650 000 D-Mark – der Angestellte war längst über alle Berge, hatte sich nach Paraguay abgesetzt.

Über Interpol machte die Polizei den Ex-Geldboten ausfindig. Nur 20 Tage später, am Freitag, 26. Juli, landete er auf dem Frankfurter Flughafen und wurde von der Polizei in Empfang genommen. Ebenfalls Pasquale P., ein Ringer-Ass, das nationale und internationale Titel gewonnen hatte.

Grund: Verdacht der Hehlerei und Begünstigung. Verhaftet wurde auch der Bruder, ebenfalls ein Ringer-Top-Athlet. Er war der Schwiegersohn vom Geldboten Egon B. Der soll laut Polizei einen Teil des Geldes bei ihm in Mutterstadt eingelagert haben. Pasquale P. hingegen soll für den Ex-Geldboten 250 000 Mark über die Grenze nach Frankreich gebracht und dort übergeben haben. Egon B. legte in Spanien ein Depot an und flog mit 150 000 Mark nach Paraguay, zahlte dort das Geld auf eine Bank ein. Der Ringer folgte kurze Zeit später und soll noch einmal 175 000 Mark überbracht haben.

Gerüchteküche brodelte

Beide wurden in Paraguay festgenommen und nach Deutschland ausgeliefert. Als der Coup des Geldboten bekannt wurde, kochte freilich die Gerüchteküche. Hat die RAF wirklich den Geldboten vor dem Esbella-Markt überfallen? Steckt nicht vielleicht doch der Bote selbst dahinter? Aber da war ja der Schuss in den Hals, der nur knapp die Halsschlagader verfehlt hatte. Ging der Schuss aus Versehen los?

Der Ex-Geldbote jedenfalls war von 1972 bis 1978 in Alicante, anschließend ein Jahr in Venezuela und hatte Vorstrafen auf dem Buckel. Nach längerer Arbeitslosigkeit bekam er im Februar 1985 den Geldboten-Job, obwohl die örtliche Polizei Bedenken beim Werttransportunternehmen in der Vorderpfalz geltend gemacht hatte. Merkwürdig auch: Vom 1. März bis zum 27. Juni 1985 gab es vier Überfälle auf Esbella-Märkte im Land.

Doch es blieben nur Spekulationen. Das Opfer wurde später zum Täter. Bekannt und festgehalten im TAGBLATT-Archiv ist nur, dass der Ringer am 21. März 1986 vom Gericht in Frankenthal wegen Begünstigung in zwei Fällen, Hehlerei und unerlaubten Waffenbesitzes zu einem Jahr und acht Monaten auf Bewährung verurteilt wurde.


Eine interaktive Karte mit allen Zeitreise-Stationen gibt es unter zeitreise.tagblatt.de.

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Erstellt:
3. Januar 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
3. Januar 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 3. Januar 2020, 01:00 Uhr

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