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Schwerpunkt: KI

Zwischen Forschung und Rendite

An solche Namen muss man sich im kleinen Tübingen erst noch gewöhnen: Der Global Player Amazon ist der vermutlich prominenteste Protagonist im Tübinger „Cyber Valley“. Bislang residieren die rund 30 Forscher und Entwickler in eher unscheinbaren Räumen im Technologiepark. Bis das Team 2021 im Neubau auf bis zu 100 Leute anwachsen soll, betreibt es in dieser Interimslösung Grundlagenforschung und produktorientierte Entwicklung. Die Wege zum nahen Max-Planck-Institut sind dabei nicht nur im Wortsinne kurz: Die Tübinger Vorzeige-Forscher Michael Black und Bernhard Schölkopf sind zugleich „Amazon-Scholars“.

13.12.2019

Von Eike Freese

Rund 100 Mitarbeiter sollen im neuen Amazon-Gebäude im Tübinger Technologiepark von 2021 an forschen. Das Erdgeschoss soll öffentlich zugänglich sein, derzeit sucht der Konzern nach einem Café-Betreiber. Bild: Universität Tübingen

Dort oben im Technologiepark Tübingen-Reutlingen, wo der Wind im Herbst eiskalt pustet und der Bagger auf dem Nachbargelände brummt, wo man nicht mit dem Uber zur Arbeit fährt, sondern mit dem TüBus Nummer 3, wo man schon ein gutes Stück laufen muss, um nach Feierabend noch ein kühles Bierchen zu bekommen, dort oben sind gerade eine Menge junge Leute unterwegs. Die wenigsten von ihnen arbeiten hier schon länger. Einige sind erst seit wenigen Monaten da - und manche sitzen noch in improvisierten Büros: Die Dynamik im vielleicht höchstgelegen Technologie-„Tal“ der Welt, dem Tübinger Teil des „Cyber-Valley“, ist halt schon etwas atemberaubend. Der Fernblick an schönen Sommertagen ins daruntergelegene, wirkliche Tal übrigens auch.

Inzwischen wirbt man hier, man sei allein gemessen an der gewaltigen Anzahl von Professoren einer der „weltweit führenden KI-Standorte“, wie Michael Hirsch sagt, der Leiter des Amazon-Standorts Tübingen. Auch Hirsch ist noch einer dieser jungen Leute: Er hat Physik studiert, ist 38, wirkt jünger und lebhaft und ist für rund 30 hochqualifizierte Leute in den jetzigen Interims-Büros verantwortlich. Ab Herbst 2021, wenn das neue KI-Entwicklungsgebäude stehen soll, sollen es rund 100 werden. Amazon ist dann einer der größeren Arbeitgeber in Tübingen.

Hirsch selbst macht nicht den Eindruck, als müsse er Journalisten zwanghaft eine Technologie verkaufen, mit der seine Firma viel Geld verdienen will. Er sagt ungefragt Sätze wie: „Unsere Arbeit erlaubt es uns, darüber zu reflektieren, was für unglaubliche Fähigkeiten man als Mensch gegenüber einer Maschine hat.“ Und er zeigt sich dessen bewusst, dass die Computerwissenschaften schon allerhand Verheißungen produziert haben. „Man ist in unserer Fachrichtung vorsichtig geworden, was Versprechungen angeht“, so Michael Hirsch: „Aber wir können auch nicht verkennen, dass in den vergangenen zehn Jahren große Fortschritte gemacht wurden.“ Diese Fortschritte in möglichst viel Geld verwandeln will Amazon. Zumindest in Tübingen aber scheint der Riesenkonzern auch ein wenig mehr anbieten zu wollen.

Der Tübinger KI-Professor Michael Black ist in Teilzeit zugleich so genannter „Amazon-Scholar“. Bild: Ulrich Metz

Einige der KI-Entwicklungen, die hier in den vergangenen Monaten das Licht der Welt erblickten, sind bereits gewinnbringend im Einsatz. So haben Tübinger Fachleute etwa ein Programm entwickelt, das vergleichsweise kleine Ausgangs-Fotos in geringer Auflösung spürbar vergrößern kann – ohne dass es die ungeliebten Pixel im Bild gibt. Das Werkzeug ist etwa auf Amazons Foto-Entwicklungs-Plattform in den USA im Einsatz und erlaubt es Kunden, ein vergleichsweise schlechtes Bild vielleicht doch noch als Poster auszudrucken: indem eine KI passende Bildpunkte einfach hinzufügt. Die Kunst liegt darin, dass man diese neuen Punkte dem Bild nicht ansehen darf. „Das neuronale Netz, das diesem Programm zugrunde liegt, haben wir zuvor mit vielen Tausend Bildern trainiert“, berichtet Stefan Letz von Amazon, der beim Projekt „Single Image Super Resolution“ mitarbeitete. Rund 200 Personen wurden für die Datengrundlage zudem über 10 000 Mal nach ihrem Bildeindruck gefragt.

Die Tübinger haben außerdem ein Programm geschrieben, das den Speicherplatz, den die kleinen Produktbilder auf der Website verbrauchen, minimiert. Normalerweise ist das nur mit Einbußen bei der Ästhetik zu bekommen: Je mehr Byte ein Bild hat, desto höher kann schließlich seine Qualität sein. Die Tübinger Entwickler haben eine KI entwickelt, die gelernt hat, welche Faktoren eines Computerbildes für das menschliche Auge offenbar sekundär sind. So können sie im Schnitt 20 Prozent der digitalen Bildgröße sparen. Das ist nicht nur gut für den Speicherbedarf, sondern vor allem für die Zeit, die eine Website oder App braucht, um auf dem Smartphone zu landen: Je schneller das passiert, desto ungestörter kann ein Kunde shoppen.

Technik einer möglichen Zukunft entwickelt hingegen das Amazon-Projekt Body Labs: Das KI-Forschungsvorhaben will Computern beibringen, einen individuellen menschlichen Körper so zu „sehen“, dass er ihn als dreidimensionales digitales Abbild speichern und in virtuellen Welten bewegen kann. Die Daten, mit denen das System arbeitet, bestehen unter anderem aus tausenden von 3D-Scans von menschlichen Körpern in unzähligen Posen. „Körper sind superkomplex und wir brauchend entsprechen viele Daten“, sagt Entwicklerin Betty Mohler: „Zugleich wollen wir, dass der Kunde bei diesem heiklen Thema später möglichst wenig von sich preisgeben muss.“ Denn gewinnbringend anwendbar wäre eine solche Software für Amazon etwa, wenn Menschen Kleidung kaufen und das Programm genau weiß, was diesem Menschen obenrum und untenrum und an den Füßen genau passt. Es sind auch Maßanfertigungen denkbar – und natürlich der digitale Stellvertreter eines Menschen in der virtuellen Welt.

Der Arbeit in Richtung Grundlagenerkenntnis, so wirbt Amazon ausdrücklich, seien in Tübingen wenig Grenzen gesetzt. Schwer zu durchblicken für Laien indes sind dabei die Feinheiten der Forschung, die Computern beibringen will, in bestimmten Daten Zusammenhänge von Ursache und Wirkung zu entdecken. Anschaulicher schon ist es, wenn es um optische Wahrnehmung geht: Peter Gehler etwa arbeitet an Grundlagenprojekten zum Maschinellen Sehen. Wie kann eine künstliche Intelligenz im völlig abstrakten Daten- und Zahlen-Gemisch, das eine Bilddatei für sie ja ist, überhaupt ein Ding der menschlichen Zuschreibung wie etwa einen „Papageien“ identifizieren? Kinderkram für ein menschliches Gehirn, anspruchsvoll für ein künstliches. Gefüttert mit tausenden von Bildern eines Objekts, soll das Netzwerk irgendwann möglichst gut „lernen“, was so ein Papagei ist: „Auch wenn er teilweise verdeckt ist, was alles andere als selbstverständlich ist“, so Gehler: „Das setzt nämlich voraus, dass es wie ein Mensch Objekte identifiziert und auch einen Hintergrund.“

Der Tübinger KI-Professor Bernhard Schölkopf (im Bild mit Baden-Württembergs Ministerpräsidentin Theresia Bauer) ist in Teilzeit zugleich so genannter „Amazon-Scholar“. Bild: Ulrich Metz

Gehler und rund 30 andere arbeiten seit dem 1. Dezember innerhalb der neuen Tübinger Amazon-Forschungsabteilung „Lablet“ und sollen dort auch ganz offen publizieren. Hier soll, sagt zumindest Amazon, zunächst einmal das Profitinteresse zurückgestellt werden, die wissenschaftliche Neugier vorherrschen und in allgemein zugängliche Ergebnisse münden. Das soll offen klingen und am Gemeinwohl orientiert – und erscheint ungewöhnlich schon für einige wissenschaftliche Institute, doppelt ungewöhnlich aber für einen profitorientierten Konzern.

Doch die Entwicklungslandschaft in der KI-Branche zeigt weltweit an vielen Stellen deutliche Unterschiede zu den eher eifersüchtig gehüteten Geheimnissen in anderen Teilen von Wirtschaft und Wissenschaft. „Vieles in der KI ist Open Source, Wissenschaftler aus aller Welt können sich einen Code einfach herunterladen“: So charakterisiert Prof. Bernhard Schölkopf das Milieu, in dem er arbeitet. Schölkopf ist der prominenteste Kopf in der Tübinger KI-Forschung, arbeitet zugleich am Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme und bestimmt als „Scholar“ bei Amazon wesentliche Inhalte der Forschung des Unternehmens.

„Grundlagenforschung und Anwendung liegen bei uns dicht beieinander“, so Schölkopf: Dieses Zusammenspiel entspräche auch dem Geist vieler junger Forscher. „Sie empfinden das als Ideal“, sagt der Informatiker: „Sie können auf der einen Seite einen direkte Wirkung auf die Welt da draußen haben, aber sich zugleich in der akademischen Welt beweisen.“ Michael Black, Max-Planck-Direktor und ebenfalls Amazon-„Scholar“, sieht das auch so: „Viele junge Leute wollen schon früh in ihrer Karriere ihren Horizont erweitern und sehen, was für einen Einfluss ihre Ideen wirklich haben können“, so der Wahrnehmungs-Experte, der lange Jahre in direktem Kontakt mit den US-Riesen gearbeitet hat. Michael Black ist auch jetzt, wie Schölkopf, auf beiden Seiten unterwegs: Die oben erwähnte 3D-Körper-KI führte die von ihm gegründete Firma „Body Labs“ aus der Welt der Wissenschaft in die der Wirtschaft – bis das vielversprechende Unternehmen vor zwei Jahren von Amazon aufgekauft wurde.

Eine Schwächung der rein akademischen Seite sieht Blacks Kollege Bernhard Schölkopf durch diese enge Verflechtung wiederum gar nicht. Die vor allem staatlich gestützte Wissenschaft sei trotz der Finanzpower der Privaten überaus dynamisch, findet er: „Viele der originären Ideen in der KI kommen immer noch aus dem akademischen Bereich.“

Die Philosophie im Tübinger Cyber Valley, beide Seiten möglichst durchlässig zu verbinden, gehört auch zu einer Strategie, schlaue Leute in die schwäbische Provinz zu holen. Was auch immer die anderen bieten, hier sollen Mitarbeiter viel nach eigenem Sinn forschen dürfen, ohne sich den unmittelbaren Zugang zu beiden Seiten der KI-Welt zu verbauen. Denn weltweit herrscht ein großes Rennen darum, wer gute Wissenschaftler an sich binden kann. „Und das ist kein Selbstläufer“, sagt der Tübinger Standortleiter Hirsch: Auch im „Lablet“ sind noch Plätze frei. Doch während der Arbeitsmarkt in der Branche überaus dynamisch sei, wolle man in Tübingen gerne „langfristige Perspektiven und viel Freiheit bieten“ und sich auch damit profilieren. Im Gegensatz zum stereotypen Silicon-Valley-Durchstarter kämen in Tübingen möglicherweise „eine andere Art von Leuten“, schätzt Bernhard Schölkopf: „Aber auch das sind sehr gute Wissenschaftler.“

AMAZON · DER UMSTRITTENE GLOBAL PLAYER

Die Amazon Inc. ist wesentlicher Teil einer weltweiten Digitalisierungs-Dynamik in der Wirtschaft, die in vielen Märkten auch zu einer Konzentration führt. Erst 1994 gegründet, rückte der Konzern in kürzester Zeit inzwischen unter die weltweiten Top5 aller Unternehmen auf, gemessen am Börsenwert. Amazon wird gerne als Versandhaus charakterisiert, die Firma ist indes mittlerweile auch in anderen Feldern aktiv und hat teilweise eine marktbeherrschende Stellung erreicht. Amazon vertreibt eigene Produkte, darunter auch die prominente Spracherkennungs-Box Echo, bietet aber auch Cloudspeicher, eine Online-Videothek und vieles mehr an. Dem Konzern wird unter anderem vorgeworfen, aggressiv die Preise seiner Kunden zu drücken, in Deutschland Tarifverträge zu meiden, Mitarbeiter schlecht zu behandeln und Steuern zu vermeiden. Der Konzern ist zudem Symbol eines weltweiten und tiefgreifenden Strukturwandels im Einzelhandel hin zum Online-Verkauf, der den stationären Einzelhandel unter Druck setzt. In Tübingen wurden diese Tatsachen von den Gegnern einer Ansiedlung von Amazon im Technologiepark, etwa die Initiativen „Amanzno“ oder „No Cyber Valley“ vorgebracht. Nach monatelangen Diskussionen quer durch die Fraktionen entschied der Tübinger Gemeinderat mit einer Mehrheit von 22 Pro-Stimmen (von 34) für die Vergrößerung von Amazon im Technologiepark.

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Erstellt:
13. Dezember 2019, 08:04 Uhr
Aktualisiert:
13. Dezember 2019, 08:04 Uhr
zuletzt aktualisiert: 13. Dezember 2019, 08:04 Uhr

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