Heidelberg/Ulm

Interview: Paketbomber? Viele schlaflose Nächte in der Zelle

Neun Monate stand ein Rentner in Verdacht, ein gesuchter Paketbomber zu sein. Dann kam der Freispruch. Wie der 66-Jährige die Zeit erlebt hat.

30.11.2021

Von Hans-Uli Mayer

Der Angeklagte im Gerichtssaal: Vor Fotografen hat er sich stets hinter einer Aktenmappe versteckt. Auch nach dem Freispruch will er unerkannt bleiben. Foto: Uwe Anspach/dpa

Ulm. Vor knapp zwei Wochen wurde der Angeklagte im Heidelberger Paketbomber-Prozess freigesprochen. „Im Zweifel für den Angeklagten“, hieß es in der Urteilsbegründung. Der 66-jährige Rentner aus Ulm hatte von vornherein seine Unschuld beteuert. In anonymisierter Form schildert er die Geschehnisse aus seiner Sicht:

Sie wurden am 19. Februar wegen des Verdachts zweier Sprengstoffanschläge auf Lebensmittelhersteller verhaftet. Am 19. November sind Sie freigesprochen worden. Was waren Ihre ersten Gedanken?

Alles positiv. Der Freispruch war das Wichtigste, auch wenn das Gericht nicht restlos von meiner Unschuld überzeugt ist. Ich kann nur immer wieder sagen, dass ich mit der Sache nichts, aber auch gar nichts zu tun habe.

Stört es Sie nicht, dass es der Richter nur für „wahrscheinlich“ hält, dass Sie nicht der Täter sind?

Nein, das ist, weil ich kein Alibi angegeben habe, dabei habe ich eines. Aber meine Frau, die bezeugen kann, dass ich zum fraglichen Zeitpunkt zu Hause war, war durch die Hausdurchsuchung so verängstigt, dass ich sie nicht als Zeugin vor Gericht rufen wollte.

Sie sind definitiv nicht der Täter? Oder haben Sie einfach nur Glück gehabt, dass man es Ihnen nicht nachweisen kann?

Ich habe mit dem ganzen Zeug nichts zu tun, gar nichts. Zu meinen Mithäftlingen in Mannheim habe ich immer gesagt: Der Einzige der hier unschuldig sitzt, bin ich. Ich habe die ganze Zeit auch nur deshalb so gut überstanden, weil ich ein reines Gewissen habe, weil ich unschuldig bin und im Grunde wusste, dass mir nichts passieren kann.

Ein Rückblick

Den Anfang nimmt die Geschichte am 19. Februar 2021. Es ist ein Freitagabend, der 66-Jährige und seine Frau sitzen bereits im Schlafanzug vor dem Fernseher in ihrem Reihenhaus in Ulm-Wiblingen. Plötzlich gibt es einen ohrenbetäubenden Schlag, „ich dachte, jetzt bricht der Nachbar durch die Wand“. Doch es war nicht der Nachbar, es waren Männer der polizeilichen Spezialeinheit SEK und der Kripo Ulm, die die Haustür aufgebrochen haben und vermummt und schwer bewaffnet in der Wohnung stehen.

„Da denkst du nur, die Welt geht unter. Ich dachte, das war es jetzt.“ Die Polizeibeamten schreien, er schreit, seine Frau schreit – „es war ein riesiges Durcheinander, wie im Film, ich konnte keinen klaren Gedanken fassen“. Der Mann und seine zierliche Frau werden im Schlafanzug aus dem Haus gezerrt und auf den Boden gelegt, wo ihnen Handschellen angelegt werden. „Ich wollte wissen, was sie von uns wollen, dann hat einer etwas von Sprengstoff gesagt, mehr nicht. Der hatte einen ziemlich rüden Ton an sich.“

Was genau ihm vorgeworfen wird, erfährt der Rentner erst am nächsten Mittag, als er in Heidelberg vor dem Haftrichter steht. Noch in der Nacht ist er bei der Kripo in Ulm erkennungsdienstlich behandelt worden, eine erste Vernehmung hat er abgelehnt. „Ich bin Krimi-Fan und weiß, dass man ohne seinen Anwalt nichts sagt.“ Danach ist er in eine Zelle im Ulmer Polizeipräsidium gebracht worden, wo er nur mit Unterwäsche bekleidet auf einer plastikbezogenen Pritsche nächtigen muss. Von seiner Frau weiß er, dass die Polizei das Haus noch bis in die frühen Morgenstunden durchsucht hat. „Meine Frau war alleine mit denen bis 3.30 Uhr.“ Am Samstagvormittag wird er dann von zwei Beamten des LKA aus Stuttgart abgeholt, die ihn in einer E-Klasse nach Heidelberg bringen. „Die sind mit Tempo 160, 170 wie die Verrückten über die Autobahn gerast.“ Kurz vor dem Ziel gibt es einen Unfall. Die Beamtin am Steuer hat vor einer Baustelle nicht mehr rechtzeitig einfädeln können und eine Vollbremsung hingelegt, die der nachfolgende Autofahrer zu spät bemerkte und auffuhr. Anderthalb Stunden dauert die Unfallaufnahme, währenddessen der Ulmer immer noch nicht weiß, wie ihm geschieht.

Erst in Heidelberg werden ihm der Haftbefehl eröffnet und alle Details genannt, die ihm vorgeworfen werden: Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion, gefährliche Körperverletzung, versuchte schwere Körperverletzung – „das hört sich wie ein halber Mordanschlag an“, sagt der 66-Jährige: „Vier Menschen soll ich verletzt haben. Da fällt einem der Blutdruck ziemlich schnell ziemlich tief. Mit ist kurz ganz schlecht geworden.“ Was ihm die Staatsanwaltschaft und das Landeskriminalamt vorwerfen, nennt er „psychologisch grausam“. 66 Jahre hat er noch nie etwas mit dem Gericht zu tun gehabt, und jetzt soll er auf einmal ein Schwerverbrecher sein.

Dann wird er ins Gefängnis nach Mannheim gebracht. Zuvor allerdings muss er sich bei der Kripo einem Fotoshooting der besonderen Art unterziehen. Fotos von vorne, von hinten, von der Seite, Fotos mit und ohne Schal, Fotos mit und ohne Kappe, Fotos mit und ohne Jacke – dem Verdächtigen auf dem Video aus dem DHL-Shop in der Ulmer Innenstadt nachgestellt, wo die Sprengsätze aufgegeben worden sind. Mit dem einen Unterschied, dass der 66-Jährige darauf beharrt, dort noch nie in seinem Leben gewesen zu sein. Und dann schloss sich an diesem Samstagabend hinter ihm die Zellentür im Untersuchungsgefängnis von Mannheim.

Mit der Situation, plötzlich im Gefängnis zu sitzen, hat er sich erstaunlich schnell abgefunden. Die Wachtmeister sind nett zu ihm, behandeln ihn fair. Auch zu ein paar Mitgefangenen baut er schnell eine Art von Beziehung auf. Um ihn herum sind Kleinkriminelle, die ihr Leben nicht in den Griff bekommen: Diebstahl, Rauschgift, Einbruch – „nichts Großes“.

Schlimm ist aber, dass er keinen Kontakt zu seiner Ehefrau bekommt und nur über seinen Anwalt Informationen von zu Hause erhält und erfährt, wie es seiner Frau geht. Das erste Telefonat mit ihr kann er erst knapp zwei Monate nach seiner Verhaftung führen, danach besucht sie ihn einmal im Monat. Während Telefongesprächen sind immer zwei LKA-Beamte dabei, die nach schwieriger Terminabsprache eigens aus Stuttgart anfahren müssen und dann für zehn Minuten Telefonat neben ihm sitzen.

Bei aller Gewissheit, nichts Illegales getan zu haben, nagte doch die Angst an ihm, seine Unschuld nicht beweisen zu können. „Es gab viele schlaflose Nächte im Knast, wenn wieder neue Anschuldigungen aufgetaucht sind.“ Der 66-Jährige wird von seinem Anwalt über alles informiert. Aber Post, die ihn erst spät am Nachmittag erreicht, lässt er bis zum nächsten Morgen liegen, um die Nachtruhe nicht unnötig zu erschweren.

Große Hoffnungen setzt er in die erste Haftprüfung. Als der Oberstaatsanwalt auch für seinen Verteidiger überraschend neue Zeugenaussagen auf den Tisch legt, sind diese aber schnell verflogen. Der Antrag auf Aussetzung des Haftbefehls wird zurückgezogen, weil zwei ehemalige Arbeitskollegen schwere Vorwürfe erhoben haben. Sie wollen in der Person auf dem Video aus der Postfiliale eindeutig ihren Ex-Kollegen erkannt haben. Und das, obwohl der Postmitarbeiter den Unbekannten auf 1,80 Meter schätzt, er aber nur 1,60 Meter und damit deutlich kleiner ist. „Ich weiß nicht, warum die das gesagt haben. Wir haben 30 Jahre zusammen gearbeitet und hatten nie Streit.“ Das hat ihn sehr getroffen, menschlich vor allem. „Mit solchen Leuten will ich nichts mehr zu tun haben.“

Und dann kommt der 4. Oktober, der alles verändert hat. Ein Anthropologe hat in einem Gutachten schlichtweg ausgeschlossen, dass der Mann auf dem Video und der angeklagte Ulmer Rentner ein und dieselbe Person sind. Am 4. Oktober lässt das Landgericht den 66-Jährigen vorläufig frei. Eine Wende im Prozess und eine Vorentscheidung:

Wie haben Sie den Tag erlebt?

Es war vormittags so gegen halb elf Uhr. Kurz nach elf Uhr gibt es normalerweise Mittagessen. Ich dachte, die sind heute aber früh dran. Aber dann ging meine Tür auf und der Wachmeister sagte, ich könne meine Sachen packen, ich sei frei.

Wie haben Sie darauf reagiert?

Ich dachte, der verarscht mich. Dann musste ich mich erstmal hinsetzen und tief durchatmen. Ich saß 228 Tage unschuldig im Knast. Es war ein äußerst komisches Gefühl, als ich vor dem Gefängnis in Freiheit stand. Es war wunderschönes Wetter. Schöner hätte der Tag nicht sein können.

Wie ging es weiter?

Mein Anwalt hatte organisiert, dass ich abgeholt werde. Zu Hause habe ich erstmal meine Frau umarmt, die in Tränen aufgelöst war. Dann haben wir etwas gegessen – endlich wieder eine frische Brezel – und einen ruhigen Abend verbracht. Die erste Nacht im eigenen Bett war wie drei Weihnachten auf einmal.

Inzwischen hat die Strafkammer des Landgerichts Heidelberg den Ulmer Rentner freigesprochen. Nicht restlos von seiner Unschuld überzeugt sagt der Richter, dass dieser „wahrscheinlich“ nicht der Täter ist. Die Staatsanwaltschaft verzichtet aber auf eine Revision, das Urteil ist somit rechtskräftig. So froh der 66-Jährige darüber ist, so schwere Vorwürfe erhebt er. „Aufgrund solch magerer Indizien einen so martialischen SEK-Einsatz zu fahren, ist völlig unangemessen. Das war so, als müssten sie ein Terroristennest ausheben. Ich bin nur 1,60 Meter groß, meine Frau ist noch kleiner und wiegt nur 45 Kilogramm. Da muss man nicht so maßlos vorgehen.“

Darum ging es in dem Prozess

Die Serie der explosiven Postsendungen, die nach dem Freispruch bis heute unaufgeklärt ist, hatte am 16. Februar in Eppelheim begonnen. Dort war in der Warenannahme des Getränkeherstellers ADM Wild ein Mann durch eine Verpuffung verletzt worden, als er ein Paket annahm. Am Folgetag kam es beim Öffnen eines Briefes in der Lidl-Zentrale in Neckarsulm zu einer Explosion mit drei Verletzten. Ein drittes Paket, das an den Babynahrungshersteller Hipp im oberbayerischen Pfaffenhofen an der Ilm adressiert war, wurde rechtzeitig abgefangen. dpa

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Erstellt:
30. November 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
30. November 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 30. November 2021, 06:00 Uhr

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