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Rekordwein 2018: Was es damit auf sich hat

13.08.2018

Sicherlich dürften es die meisten Leser schon in den Nachrichten mitbekommen haben. Deutschlands Winzerherzen hüpfen – wenn sie denn etwas Zeit haben, weil sie gerade bereits ungewöhnlich früh in den Weinbergen stehen, um zu ernten. Weinkenner sprechen schon jetzt, obwohl noch kein Tropfen verköstigt wurde, von einem vermutlichen Rekordjahrgang. Doch warum eigentlich? Wie kann man einem Wein eine so hohe Qualität zusprechen, obwohl noch niemand ihn probiert hat? Der folgende Artikel verrät es.

Dieses Jahr wird mutmaßlich deshalb so gut, weil das ewige Zusammenspiel der Elemente besonders vorteilhaft ausfiel. Bild: fotolia.com © zonch

Wie sieht es in der Region aus?

Mit einem Wort: Grandios. Sowohl in den badischen wie württembergischen Anbaugebieten werden bereits die ersten Trauben gelesen. Gleiches Bild auch in sämtlichen anderen Anbaugebieten. Überall konnte die Lese mehrere Wochen früher starten, als es in normalen Jahrgängen der Fall ist. Im Durchschnitt zwei Wochen. Momentan betrifft das zwar nur sogenannte frühe Weinsorten, in Württemberg beispielsweise Acolon, aber auch der Start der Hauptlese wird von praktisch allen schon für Ende August vorgesehen, wo er normalerweise nie vor September beginnt.

Hängt es mit den Rebsorten zusammen?

Eher nein. Zwar gilt prinzipiell, dass auch das Anbauen von Reben gewissen Modeströmungen unterliegt. Aber zwischen den im Badischen angepflanzten Ruländer und dem heute bei Weinfans modischen Grauburgunder besteht rebseitig kein Unterschied, es ist dieselbe Pflanze, auch wenn manche Weintrinker sie verwechseln und deshalb glauben, dass in manchen Gebieten neue Sorten angepflanzt würden. Einzelne Winzer mögen in jüngster Zeit umgesattelt haben, großmaßstäblich hat sich aber in den vergangenen Jahren deutschlandweit nichts so Gravierendes in Sachen neuer Sorten getan, dass man die vermutete Rekordernte den Trauben zugutehalten könnte.

Die Sache mit dem Wetter

Wesentlich bedeutsamer ist da das Wetter. Das hat nicht nur mit den hohen Temperaturen der vergangenen Wochen zu tun, sondern muss aufs Jahr betrachtet werden – denn für einen Rekordjahrgang müssen jeden Monat beste Faktoren vorherrschen.

Betrachten wir den April. Für den Wein ist er enorm wichtig, weil dann die Reben aus der Winterruhe erwachen. Ist es noch kalt, geschieht das nur allmählich. In schlechten Jahren kann das dazu führen, dass schon vom Start weg die ganzen weiteren Entwicklungsschritte ins Hintertreffen geraten.

Der April legt das Fundament für einen Weinjahrgang. Ist er schlecht, kann später vieles nicht mehr aufgeholt werden. Bild: fotolia.com © Jürgen Fälchle

Dieses Jahr allerdings war es anders. Da konnte der Deutsche Wetterdienst Ende Apri leinen Temperaturdurchschnitt von 12,4°C vermelden – was den Monat zum wärmsten und sonnigsten seit Aufzeichnungsbeginn machte. Und vor allem waren die Temperaturen gut verteilt: In der ersten Monatshälfte frühlingshaft-mild und in der zweiten dann richtig sommerlich.

Auch die nächsten beiden Monate waren ideal. Beinahe nirgendwo mussten die Winzer späte Nachtfröste beklagen – was schon ganze Wein-Jahrgänge dahinraffte. Und abermals gab es Sonne satt. Das einzige, woran es regional etwas haperte, war Regen, zumindest dort, wo die feuchtigkeitsspeichernde Erdreich-Schicht nicht sonderlich mächtig ist. Das aber konnten viele Winzer durch zusätzliche Bewässerung abfedern. Zudem betraf die Trockenheit nur junge Reben, die noch keine tiefreichenden Wurzeln ausbilden konnten – einer der gewaltigen Vorteile der mehrjährigen Weinpflanzen gegenüber einjährigen Agrarprodukten, die dieses Jahr fürchterlich zu leiden hatten.

Als Krönung kam noch hinzu, dass bei uns Regen fiel und die Grundwasserstände überall zumindest ausreichend waren. Unsere Winzer mussten weniger gegensteuern, als beispielsweise ihre Kollegen in den nördlicheren Anbaugebieten. 2003, als ähnliche Sonnenmengen anfielen, war das anders. Da war es viel trockener, was dafür sorgte, dass die Reben nicht mit den notwendigen Mineralien versorgt wurden, darunter litt der Charakter trotz Sonne satt. Und: Dadurch, dass die Lese überall zwei Wochen vor dem Zeitplan liegt, sinkt auch das Risiko, dass durch einen allzu frühen Herbsteinbruch noch etwas schiefgehen könnte.

Zwar war es den ganzen Sommer über trocken, aber gerade bei uns niemals so, dass Gefahr für die Reben bestand. Bild: fotolia.com © ChiccoDodiFC

Das Geheimnis der Sonne

Wetter ist ja schön und gut. Aber warum genau hat das so enorme Auswirkungen auf die Qualität eines Weins? Eigentlich ist es ganz einfach. Dazu muss man zunächst den Begriff des Mostgewichts erklären. Most ist der Saft, der übrig bleibt, wenn Trauben gekeltert, also ausgepresst wurden. Stark vereinfacht versteht der Fachmann unter dem Mostgewicht den Anteil von Zucker in Gramm pro Liter Most – das Ganze wird dann hierzulande in „Grad Oechsle“ angegeben. Ein niedriges Mostgewicht wären beispielsweise 44°Oe mit 87g pro Liter. Hoch wären 124°Oe mit 124g/Liter.

An diesem Punkt kommt Mutter Natur ins Spiel. Je mehr Sonnenstrahlen eine Pflanze, in diesem Fall die Weinrebe, abbekommt, desto besser läuft der Motor der Photosynthese – es werden Sauerstoff und Zucker in der Pflanze erzeugt.

Je mehr Zucker, desto süßer die Traube, logisch. Aber für die Weinqualität hat das weniger eine Bedeutung. Hier kommt es darauf an, dass beim Vergären dieser Zucker in Alkohol umgewandelt wird. Hat man nun ein geringes Mostgewicht, kann der Winzer entweder einen eher lieblichen Wein mit geringem Alkoholgehalt produzieren, oder einen Trockenen mit mehr. Dieses Jahr ist es jedoch anders. Dadurch, dass das Mostgewicht so hoch ist, sind insgesamt sehr gehaltvolle Weine möglich, bei denen keine Kompromisse eingegangen werden müssen.

Das wiederum bringt uns zur Einteilung der Weine in Qualitätsstufen. Bei den beiden höchsten Stufen ist immer ein Mindest-Mostgewicht vorgeschrieben. In einem schlechten Jahr mit wenig Sonne erreichen das tendenziell viel geringere Weinmengen als es dieses Jahr der Fall sein wird.

Beim Wein zählt nur, was zum Schluss rauskommt. In diesem Fall ein sehr hohes Mostgewicht mit viel Zucker und Gehalt. Bild: fotolia.com © kvitor

Unterm Strich also: Alle Trauben in allen Weinanbaugebieten Deutschlands haben dieses Jahr ein zumindest ausreichendes Maß an Wasser abbekommen dazu sehr gute Zahlen an Sonnenstunden und Einstrahlungsintensität. Das steigert durch die Bank weg die Qualität aller Weine; macht Trauben aus schlechten Lagen durchaus brauchbar, und solche aus erstklassigen Lagen mutmaßlich traumhaft.

Kann jetzt noch etwas schiefgehen?

Wäre das Weinjahr ein Fußballspiel, stünde das „Winzerteam Germany“ in der 80. Minute und hätte eine komfortable Führung ausgebaut. Aber ganz über den Berg ist der Jahrgang noch nicht. Worauf es nun abermals ankommt, ist das Wetter und da vor allem der Regen. Wenn es so bleibt, vielleicht noch ein wenig(!) Landregen hinzukommt, wird der Sieg ins Ziel getragen, dann wird der Traum vom Rekordjahrgang wirklich wahr.

Falls jedoch nun eine noch stärkere Dürre einträte, bekämen die Reben ein Problem. Denn gerade die Trauben für die Haupternte sind auf diesen letzten Metern auf eine ausreichende Wasserversorgung angewiesen, damit genug Mineralien in der Traube eingelagert werden. Extreme Dürre könnte die Pflanzen so stressen, dass sie ihr Laub zu früh abwerfen und damit die Trauben zu schutzlos der Sonne ausliefern. Doch auch das Gegenteil wäre schlecht: Wenn es jetzt plötzlich massiv zu regnen anfinge, wie aus Eimern und das auch noch über mehrere Wochen, könnten die Trauben aufplatzen, verwässert werden oder sogar durch Pilzerkrankungen aufgrund der Feuchtigkeit dezimiert werden.

Allerdings soll dieser Abschnitt keine Panikmache betreiben. Für die kommenden Wochen sind die meisten Wetterfrösche der Ansicht, dass es bei uns und in den anderen Weinanbaugebieten vorteilhaft bleiben wird. Ein so brutaler Wetterumschwung, wie es nötig wäre, um diesen Jahrgang auf der Zielgeraden zu verschlechtern, ist praktisch ausgeschlossen – und selbst wenn, wäre das, was noch geerntet werden könnte, qualitativ immer noch über dem Durchschnitt.

Katastrophal wäre zu viel Regen nun wegen der Schimmelrisiken – die würden auch bei gesunden Trauben das Mostgewicht wieder senken.Bild: fotolia.com © celeste clochard

Fazit

Das gesamte Weinjahr 2018 war in Deutschland klimatisch beinahe so optimal, wie man es sich als Winzer wünschen kann. Sonne, Wärme und Wasser standen, vor allem in Süddeutschland, in einem sehr positiven Verhältnis zueinander. Der Jahrgang 2018 wird mutmaßlich sehr schwer, gehaltvoll und auch alkoholreich sein. Das geht zwar ein wenig gegen den Trend zu leichten Weinen, aber darüber werden selbst Fans angesichts des prognostizierten Geschmackserlebnisses hinwegsehen können.

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Erstellt:
13. August 2018, 11:57 Uhr
Aktualisiert:
13. August 2018, 11:57 Uhr
zuletzt aktualisiert: 13. August 2018, 11:57 Uhr

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