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Pogromnacht

Nicht mehr sicher in Europa

Beim Gedenken an die Tübinger Opfer der Shoah forderten Redner auch eine entschiedene Politik gegen Antisemitismus und Ausgrenzung.

11.11.2019

Von Dorothee Hermann

Rabbiner Ari Silbermann (links) spendete am Samstag am Tübinger Synagogenplatz vor etwa 200 Personen den Wein-, Gewürz- und Lichtsegen zum Ende des Sabbats. David Holinstat von der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg hielt währenddessen die Hawdala-Kerze. Silbermann ist ein Nachfahre von Leopold Hirsch, der sich 1850 als erster Jude wieder Bürgerrecht in der Stadt Tübingen erstritt.Bild: Ulrich Metz

Für Rabbiner Ari Silbermann aus Manchester ist es ein zwiespältiges Gefühl, am Tübinger Synagogenplatz zu stehen. „Dieser Ort ist das letzte Denkmal für die kleine jüdische Gemeinde Tübingens. Es gibt hier keine Synagoge und keine Juden mehr.“ Für seine Generation repräsentieren solche Orte „traumatisierte Großeltern, kleine Familien, sowie Geschichten von Heldentum und Tragödien“.

Dennoch hat er gemeinsam mit seinem Vater Martin Silbermann die Einladung der Tübinger Geschichtswerkstatt und der Stadt Tübingen angenommen und dankte auch im Namen seines Vaters dafür. „Einerseits will ich Deutschland näher kommen, etwas über es erfahren und hier Zeit verbringen“, sagte Silbermann am Samstagabend. „Andererseits will ich noch nicht einmal in seine Nähe kommen und nichts mehr mit dem Land zu tun haben.“

Etwa 200 Personen hatten sich versammelt, um an die Novemberprogrome 1938 und die Tübinger Opfer der Shoah zu erinnern und gegen Antisemitismus, Ausgrenzung und Hetze zu protestieren. Auch Oberbürgermeister Boris Palmer und einige Stadträte und Stadträtinnen waren zugegen.

Silbermann erinnerte auch an die Überlebenden: Ob in Südafrika (wie seine Großeltern), Australien, den Vereinigten Staaten oder Europa: „Überall haben Jüdinnen und Juden es geschafft, zerstörte Leben wieder aufzubauen, Familien zu gründen und Leben voller Bedeutung zu leben.“ Das größte Zeugnis für den jüdischen Heldenmut sei jedoch der Aufbau des modernen Staates Israel, sagte er. „Ich bin stolz, vor Ihnen als Israeli zu stehen, und als Jude, der sein Leben der jüdischen Bildung und Gemeinschaft widmet.“ Derzeit ist er Rabbiner in Nordengland.

Es wäre fahrlässig, wenn er verschwiege, „dass ich mich als Jude nicht mehr sicher in den Straßen Europas fühle“, sagte Silbermann. Nur 81 Jahre, nachdem am 9. November 1938 Synagogen angezündet, die Träume von Jüdinnen und Juden zerstört wurden und ihre Welt zusammenbrach, mehr als 70 Jahre nach dem Massenmord an den europäischen Juden „haben unsere Synagogen hohe Mauern und bewaffnete Wachen“, nicht nur in Europa, auch in Ländern wie Australien und den Vereinigten Staaten. Zum Anschlag auf die Synagoge in Halle am 9. Oktober sagte er: Traurigerweise schienen die Lehren der Shoah noch nicht gezogen, sondern vergessen. Das gelte auch für andere Minderheiten und Opfer solcher Anschläge. „Aber nur Jüdinnen und Juden müssen hinter hohe Mauern und vorbei an Sicherheitsdiensten, um ihre Schulen und Synagogen zu betreten.“

Es endete in Dachau

Seine Tübinger Vorfahren versuchten, „sich nach der Aufklärung an die deutsche Gesellschaft zu assimilieren und Wurzeln zu schlagen“, sagte der Rabbiner. Die Familie von Leopold Hirsch baute sich in Tübingen ein Geschäft und ein Leben auf. „Sie integrierte sich in die hiesige Gesellschaft. Manche dienten als deutsche Soldaten im Ersten Weltkrieg. Aber es endete in Dachau und anderen Konzentrationslagern.“ Sein Urgroßvater Leopold Hirsch wollte Deutschland nicht verlassen, denn er glaubte, loyale jüdische Bürger würden nicht vertrieben. „Aber dieser Glaube endete in der Pogromnacht, nach welcher er und andere Juden nach Dachau gebracht wurden.“

Die Tübinger Gestapo verschleppte am Morgen des 10. November 1938 fünf Mitglieder der Jüdischen Gemeinde, berichtete der Kulturwissenschaftler Martin Ulmer, Geschäftsführer der Tübinger Geschichtswerkstatt. Leopold Hirsch, Albert Schäfer, Hans Spiro und Josef Zivi wurden ins Konzentrationslager Dachau gebracht. Jakob Oppenheim wurde im Gerichtsgefängnis Tübingen festgehalten. 1941 starb Albert Schäfer an den Folgen der KZ-Haft.

Der rechtsterroristische und antisemitische Anschlag in Halle zeige, dass der Antisemitismus auf dem Vormarsch ist, so Ulmer: ob von AfD und Rechtsterroristen, Verschwörungsphantasten, linken und bürgerlichen Israelkritikern oder islamistischen Judenfeinden. Antisemitische Beleidigungen und Übergriffe in der Schule, im Alltag, am Arbeitsplatz und die Hetze in den Sozialen Medien müssten entschieden politisch bekämpft und auch strafrechtlich verfolgt werden. Für die Junge Geschichtswerkstatt sprachen Leonie Freudenfeld und Valentin Heinze.

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Erstellt:
11. November 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
11. November 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. November 2019, 01:00 Uhr

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