Pandemie

Impfstoff bleibt Mangelware

Trotz großzügiger Förderung durch Steuergelder kürzen die Hersteller ihre Lieferungen an die EU – während die USA, England oder Israel großzügig bedacht werden.

26.01.2021

Von Hajo Zenker

Jens Spahns Ankündigung, im Sommer könne jedem, der es wolle, eine Impfung ermöglicht werden, wackelt. Foto: Kay Nietfeld/dpa

Berlin. Die Probleme mit dem Impfen gegen Corona reißen nicht ab. Wer mühsam einen Termin ergattert hat, muss oft genug erleben, dass der wieder verschoben wird – es fehlt an Impfstoff. Fragen und Antworten.

Wie ist die Impf-Lage? Das Impfen kommt trotz aller Bemühungen nicht wirklich ins Laufen. Das liegt nicht nur am föderalen Durcheinander beim Buchen der Termine. Das liegt in allererster Linie am weiterhin überaus knappen Impfstoff. Noch am vergangenen Freitag hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die Hoffnung geschürt, die für diesen Freitag erwartete Zulassung des Vakzins von Astra Zeneca, des dritten Corona-Impfstoffs in der EU, könne bereits im Februar „einen spürbaren Unterschied“ in der Impfkampagne machen, da Astra Zeneca viel vorproduziert habe. Am Freitagabend dann die Hiobsbotschaft: Nachdem bereits Biontech/Pfizer seine Lieferungen für die EU gekürzt hatte, kündigte nun auch Astra Zeneca an, etwa 60 Prozent weniger Impfstoff an die EU zu liefern als vertraglich zugesagt.

Wie ist darauf die Reaktion? Die EU-Kommission drückte ihre „tiefe Unzufriedenheit“ aus. Und drohte mit „juristischen Mitteln“. Man fordere die Lieferung der vertraglich vereinbarten Mengen „ohne Abstriche und ohne Verzug“, sagte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in einem Telefonat mit Astra-Zeneca-Chef Pascal Soriot am Montag.

Bisher hat sich ja gezeigt: Wer besonders viel pro Impfdosis zahlt, wie Israel, bekommt auch viel. Wer wie die USA per Präsidentendekret bestimmt, dass der gesamte in US-Werken produzierte Impfstoff in Amerika verbleiben muss, ebenfalls. Ganz ähnlich sieht das offenbar beim sogenannten Oxford-Impfstoff von Astra Zeneca aus, der zusammen mit der Universität Oxford entwickelt wurde – die Auslieferung in Großbritannien, wo der Impfstoff bereits zugelassen ist, wird trotz der angeblichen Produktionsprobleme nicht gekürzt. Die EU-Kommission dagegen wird von den Herstellern offenbar als zahnloser Tiger wahrgenommen. Die staatlichen Fördergelder für Impfstoffforschung und -produktion dagegen haben die Hersteller gern kassiert. Allein Deutschland hat insgesamt 750 Millionen Euro an die Mainzer Firma Biontech, das Tübinger Unternehmen Curevac und IDT Biologika aus Dessau-Roßlau gegeben – ausdrücklich auch für die Produktion. Jens Spahn hat nun die Idee ins Spiel gebracht, die Ausfuhr von in der EU produziertem Vakzin verbieten zu können.

Wie weiter? In Brüssel und Berlin hofft man, dass noch im Februar die Vakzine von Janssen und Curevac zugelassen werden. Der von Janssen hätte den Vorteil, als erstes Corona-Vakzin nur eine einzige Impfung pro Person zu benötigen. Allerdings handelt es sich dabei um die Pharmamarke des US-Konzerns Johnson & Johnson.

An Curevac ist der deutsche Staat mit 23 Prozent beteiligt. Über mögliche Liefermengen und den Anteil daran für die EU ist bisher noch nichts bekannt.

Der Impfstoff von IDT Biologika dagegen hat bisher nur schwache Immunreaktionen bei den Probanden hervorgerufen. Aufgeben will man deshalb zwar nicht, sondern das Vakzin optimieren. Ob das aber klappt, ist völlig offen. Mit diesem Schicksal steht IDT nicht allein da. Auch der US-Pharmakonzern Merck & Co. teilte am Montag mit, seine beiden Impfstoffkandidaten hätten nur schwache Immunantworten ausgelöst. Man werde die Entwicklung beenden.

Zu der Frage, ob die zugelassenen Vakzine auch gegen die Mutationen helfen, hat nach Biontech am Montag auch Moderna, zweiter in der EU zugelassener Hersteller, erklärt, man gehe von einer Wirksamkeit aus. Trotzdem, so das Unternehmen, werde man den Impfstoff optimieren, da er bei der südafrikanischen Mutation weniger stark helfe als bei der englischen.

Wann ist genug Vakzin für alle Impfwilligen da? Die von Jens Spahn häufig wiederholte Ankündigung, im Sommer jedem, der das wolle, die Impfung ermöglichen zu wollen, wackelt gewaltig. Und wurde von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) schon auf das Sommerende am 21. September ausgedehnt. In diesem Zusammenhang muss man denn wohl auch ihre eher überraschende Ankündigung sehen, Russland bei der Zulassung des Impfstoffs „Sputnik V“ in der EU zu helfen.

Nachdem sich Russland an die EU-Arzneimittelagentur EMA gewandt habe, könne das bundeseigene Paul-Ehrlich-Institut beim Verfahren helfen. Werde „Sputnik“ zugelassen, könne man über gemeinsame Produktion oder Anwendung reden. Nach dem Motto: Lieber russischen Impfstoff als gar keinen Impfstoff.

Auch in der ganzen EU sollte laut Brüssel eigentlich so viel Vakzin vorhanden sein, dass die Mitgliedstaaten bis Ende des Sommers mindestens 70 Prozent der erwachsenen Bevölkerung impfen können. EU-Ratspräsident Charles Michel räumte jetzt ein, dass dieses Ziel nur schwierig zu realisieren sein dürfte.

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Erstellt:
26. Januar 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
26. Januar 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. Januar 2021, 06:00 Uhr

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