Ofterdingen · Engagement

Gar nicht mehr so schüchtern

Die Ofterdingerin Roula Al Sagheer ist Stipendiatin bei „Talent im Land“ und scheut nicht davor zurück, gesellschaftliche Missstände anzusprechen.

06.10.2020

Von Jacqueline Schreil

Auch bei „Jugend debattiert“ machte Roula Al Sagheer schon mit – weil ein Lehrer sie anstachelte. „Ich war nicht die beste, aber auch nicht die schlechteste.“ Bild: Klaus Franke

Sie nimmt an „Jugend debattiert“ teil, engagiert sich gegen Mobbing, schreibt ein Buch, moderierte eine Musikveranstaltung und ganze Radiosendungen bei der Wüsten Welle – und das alles auf einer Sprache, die sie erst seit sechs Jahren spricht. Roula Al Sagheer kann auf ein vielfältiges Engagement blicken, und sie ist gerade einmal 18 Jahre alt.

Aber der Reihe nach. Von Damaskus bis nach Ofterdingen war es ein weiter Weg. Roula Al Sagheer, die darauf besteht, dass man ihren Vornamen mit einem gerollten R ausspricht, besucht in der Jahrgangsstufe1 das Mössinger Quenstedt-Gymnasium, und dass sie nun ihrem Abitur entgegenfiebert, war lange Zeit nicht absehbar.

Als sie 2014 mit ihren Eltern und vier Geschwistern in Deutschland ankam, hatte sie bereits eine mehrjährige Fluchtgeschichte hinter sich. Mit neun Jahren verabschiedete sie sich wegen des Kriegs von ihrer syrischen Heimat: „In meinem Viertel Kabun war alles zerstört.“ Über Ägypten nach Libyen, von dort mit dem Boot übers Mittelmeer nach Italien, dann Österreich und schließlich Deutschland: Al Sagheer hat viel erlebt.

In Würzburg kam die Familie für vier Jahre unter. „Wir wurden sofort auf die Hauptschule geschickt“, erinnert sich Al Sagheer. „Es war egal, ob du gut oder schlecht bist.“ Erst einmal war Deutschlernen in einer Übergangsklasse angesagt. Dass sie die Sprache inzwischen wunderbar beherrscht, weiß sie – schließlich sagt man es ihr andauernd. Dann kam die siebte Klasse. „Aber ich wollte ja raus aus der Hauptschule.“ Um auf die Realschule zu wechseln, musste sie die Siebte dort wiederholen. „Ich hab die siebte Klasse zwei Mal gemacht – eigentlich drei Mal, wenn man die Übergangsklasse mitzählt. Deshalb bin ich jetzt die Klassenoma.“

Vor zwei Jahren folgte der Umzug nach Ofterdingen und seit der neunten Klasse geht Al Sagheer aufs Gymnasium. „Ich wollte irgendwie mehr machen. Aber die Schulleiterin wollte mich am Anfang nicht aufnehmen, denn ich hatte viele Fächer wie Chemie nicht.“ In jedem Fach habe sie ein Jahr nachholen müssen. Auf die Frage, wie sie die Rektorin doch noch überzeugen konnte, antwortet Al Sagheer: In Französisch, Deutsch, Mathe und Englisch hätte sie als Quereinsteigerin entweder eine Eins oder eine Zwei haben müssen. In Deutsch hatte sie allerdings eine Drei. „Ich habe sie dann gefragt, ob die anderen Schüler in diesen Fächern auch nur Einser und Zweier haben. Sie hat nein gesagt.“ Nach einigem Hin und Her gab es eine Ausnahme und Al Sagheer durfte aufs Gymnasium – unter der Bedingung, dass die Noten bis zu den Herbstferien stimmen müssen. „Aber ich hab’s geschafft.“

Durch ein Praktikum in der neunten Klasse fand Al Sagheer schließlich den Weg zum Integrationsprojekt TüNews International und dem zugehörigen Radioprogramm Newcomer News (siehe Infobox). „Ich wollte was mit Journalismus machen.“ Seit 2019 ist sie dort ehrenamtlich tätig. „Ich kann gut schreiben, und labern kann ich mittlerweile auch.“

Die Entscheidung, bei TüNews mitzumachen, bezeichnet Al Sagheer als Wendepunkt in ihrem Leben. Von einem extrem schüchternen Mädchen habe sie sich zu einer selbstbewussteren jungen Frau entwickelt. Vor ihrer ersten Radiosendung etwa sei sie so aufgeregt gewesen, dass sie lauter Fehler gemacht habe, die ansonsten kein Thema seien.

Mittlerweile interviewt sie Gäste im Live-Gespräch, verfasst für TüNews Artikel oder hilft dabei, ins Deutsche oder Arabische zu übersetzen. Dabei schreckt sie nicht vor Themen zurück, die auch mal wehtun. Den Anfang machte ein Radio-Beitrag von ihr über Mobbing. Sie selbst sei in Deutschland oft ausgegrenzt worden. „Als ich meinen Text live im Radio aufgesagt habe, habe ich angefangen zu heulen. Aber ich habe es durchgezogen.“

Inzwischen kann Al Sagheer problemlos darüber sprechen und sieht es als ihre Aufgabe, schonungslos Themen wie Mobbing, Diskriminierung und Flucht auf den Tisch zu bringen, sowohl auf Papier als auch im Radio. Auch vor Publikum tritt Al Sagheer auf, etwa als Moderatorin bei einem orientalischen Musikabend in der Mössinger Pausa Anfang des Jahres. Dennoch verfasst sie ihre Texte lieber schriftlich: „Da hat man mehr Zeit zum Nachdenken.“

Woher nimmt sie eigentlich so viel Motivation? Sie wolle ein Andenken hinterlassen, stellt Al Sagheer klar. „Man weiß ja nicht, wann man stirbt.“ Außerdem sei sie ein Mensch, der viel Energie habe. „Ich weiß nicht, ob sich das nur über mein ADHS erklären lässt.“
Als Kind habe sie die Diagnose bekommen, inzwischen gehe sie gut damit um.

Das Gefühl, sich beweisen zu wollen, ist ihr nicht fremd: „Als ich nach Deutschland kam, waren viele Menschen abschätzig und haben mich verurteilt.“ Denen habe sie zeigen wollen, dass sie kein Stereotyp sei. „Jetzt weiß ich ja, wer ich bin. Und ich weiß auch, dass niemand mir befehlen kann, worin ich gut bin und worin nicht.“ Dass Al Sagheer in einigen Dingen gut ist, entging auch den Trägern des Stipendiums „Talent im Land“ nicht: Seit September erhält sie die Förderung für engagierte Schüler mit guten Noten. Bis zu ihrem Abitur 2022 wird sie etwa mit zusätzlichen Seminaren und Workshops unterstützt.

Und danach? Studieren möchte Al Sagheer einmal Internationales Recht: „Ich möchte auch international anerkannt werden.“ Und wofür sie ihre Kompetenzen eines Tages einsetzen möchte, weiß Roula Al Sagheer auch schon: „Mein Traum ist es, nach Syrien zurückzugehen und das Land wieder aufzubauen, wenn der Krieg vorbei ist.“

Eine Lebensgeschichte

Das integrative Medienprojekt „TüNews International“ und die zugehörige Radiosendung Newcomer News bei der Wüsten Welle machen Nachrichten von Geflüchteten für Geflüchtete. Jede Woche gibt es eine Wandzeitung und Radiobeiträge. TüNews, durch den Verein Kulturgut und den Landkreis ermöglicht, war für den Nationalen Integrationspreis nominiert. Schulbedingt ist Al Sagheer momentan unregelmäßiger dabei.

Ansonsten betreibt Roula Al Sagheer noch Taekwondo („man muss sich verteidigen können“) und arbeitet an einem Jugendbuch, das inzwischen auch einen Verlag gefunden hat. „Es ist die Lebensgeschichte eines Mädchens. Nicht meine eigene, aber es läuft

parallel.“

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Erstellt:
6. Oktober 2020, 22:47 Uhr
Aktualisiert:
10. November 2020, 14:50 Uhr
zuletzt aktualisiert: 10. November 2020, 14:50 Uhr

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