Filter

Frische Luft nicht gleich für alle

Die Hersteller der Geräte haben ihre Lagerbestände aufgefüllt, um erste Nachfragen decken zu können. Die Politik, aber auch die Situation am Weltmarkt limitieren die Produktionsmöglichkeiten.

24.07.2021

Von Julia Kling

Laut Herstellern filtern die Geräte bis zu 99 Prozent der Viren aus der Luft. Gelüftet werden muss aber trotzdem. Foto: Sven Hoppe

Wie viele Kommunen sich letztlich für den Kauf entscheiden, ist offen. Dennoch bereiten sich die Hersteller von Luftreinigungs- und Luftfiltergeräten auf einen Ansturm vor. Ihr Optimismus ist abegründet in der Ankündigung von Ministerpräsident Winfried Kretschmann, das Förderprogramm zur Anschaffung solcher Geräte für Schulen noch vor der Sommerpause in trockene Tücher bekommen zu wollen. Dieses Tempo sei aber auch angeraten, sind sich Hersteller im Land einig. Denn: Die Zeit werde knapp.

Der Markt scheint groß: Bis zu 67 000 Klassenzimmer gibt es dem Städtetag zufolge allein in Baden-Württemberg. „Bis vor wenigen Wochen haben nur vereinzelt Schulen – zumeist in privater oder kirchlicher Trägerschaft – unsere antiviralen Luftreiniger bestellt“, sagt Jan-Eric Raschke, Director Air Solution Systems beim Hersteller für Luftfiltersysteme Mann+Hummel. Inzwischen verzeichne das Unternehmen aus Ludwigsburg ein starkes Plus bei den Auftragseingänge. „Mehrere Hundert Geräte wurden bereits bestellt“, sagt Raschke. Diese könnten auch problemlos ausgeliefert werden. „Bis Anfang Oktober können wir mehrere Tausend Einheiten liefern.“ Den erwarteten sprunghaften Anstieg beim Bedarf könne keiner am Markt bedienen. „Hier müssen wir den Erwartungen den Zahn ziehen“, sagt Raschke. „Wer im September bestellt, wird sich voraussichtlich etwas gedulden müssen.“

„Kostbare Zeit verschlafen“

Raschke kritisiert, dass sich die Verantwortlichen in der Politik mit ihrer Entscheidungen für eine Förderung von Luftfiltergeräten an Schulen viel Zeit gelassen haben. Dieses Zögern könne der Markt nun nicht kompensieren. „Hier wurde kostbare Zeit von April bis zum heutigen Tage leider verschlafen“, konstatiert auch Innofluid-Geschäftsführer Ralf Krieger, dessen Unternehmen Luftfilter in Kuchen im Kreis Göppingen produziert.

Auch Martin Törpe vom Hersteller Al-Ko Therm sieht Versäumnisse auf Seiten der Politik. „Wichtig ist aber, dass sich jetzt was tut.“ Bislang sei beim Unternehmen aus Jettingen-Scheppach zunächst die Nachfrage immens angestiegen. „Ab August rechnen wir mit einem großen Ansturm bei den Bestellungen.“ Wie lange dann die Geräte am Lager ausreichten sei nicht abzusehen. „Wir haben versucht die Kapazitäten so weit wie möglich hochzufahren“, berichtet Törpe. „Wir werden die Geräte aber nicht im großen Stil auf Lager legen.“ Das liege nicht an mangelnden Kapazitäten.

Viel mehr bekommen Al-Ko Therm und auch Mann+Hummel – anders als Innofluid, das die benötigten Komponenten von deutschen Herstellern bezieht – die Folgen der momentan fragilen Lieferketten weltweit zu spüren. Vor allem Ventilatoren, die mit Leiterplatten aus China ausgestattet sind, seien derzeit ein rares Gut.

„Hier ist gerade nichts planbar. Wie viel geliefert wird hängt von der Tagesform ab“, sagt Törpe. „Namhafte Zulieferer haben bereits Engpässe und mehrere Monate Lieferzeiten“, berichtet auch Raschke. „Das wird zu einem Flaschenhals bei der Produktion.“ Hinzu komme, dass es in diesem Bereich jedoch nur sehr begrenzt Alternativprodukte am Markt gebe – die dann auch die hohen Anforderungen von Seiten der Politik erfüllten.

„Die Qualitätskriterien sind wichtig.“ Törpe begrüßt die Rahmenbedingungen, die etwa Bayern schon festgezurrt hat. Darin ist festgeschrieben, dass bis zu sechsmal je Stunde das Raumvolumen gefiltert werden muss und ein Hepa-Filter der Klasse H13 oder H14 zum Einsatz kommt. Zudem ist die Geräuschkulisse Thema. Im Klassenraum darf von den Geräten im Normalbetrieb ein Schalldruckpegel von 40 Dezibel nicht überschritten werden, was in etwa der Lautstärke von Flüstern oder leiser Musik entspricht. „Drei Viertel der Anbieter am Markt können diese Anforderungen aber nicht erfüllen“, sagt Törpe. Dennoch sei der Ansatz richtig, da so vermieden werde, dass Billig-Anbieter unzureichende Geräte an Kommunen verkauften.

Was Schulen den Präsenzunterricht im Herbst und Winter garantieren soll, ist Törpe für das heimische Wohnzimmer jedoch eine Nummer zu groß. „Das wäre übertrieben.“ Es gebe im täglichen Leben so viele andere Möglichkeiten, um sich anzustecken. „Die Leute sollen lüften.“

2 Jahre hält ein Hepafilter in den mobilen Geräten laut den Herstellern mindestens. Ein neuer Filter koste bis zu 300 Euro. Die Geräte dagegen kosten je nach Größe bis zu 4000 Euro.

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Erstellt:
24. Juli 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
24. Juli 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 24. Juli 2021, 06:00 Uhr

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