Falsche Strategie

Leitartikel zur Situation des Bahnverkehrs im Südwesten

Dass Boris Palmer manchmal der Kragen platzt, ist nichts Neues. Der Oberbürgermeister von Tübingen ist bekannt für seine klaren Worte. In dieser Woche hat sich Palmer wieder einmal den Frust von der Seele geschrieben.

13.12.2019

Von David Nau

In einem Brief an Bahnchef Richard Lutz monierte er, die Qualität des Bahnverkehrs sei „so schlecht wie nie zuvor“. Er spricht von „Dummheit“ und „Managementversagen“, die Situation um Tübingen sei „ins Groteske übersteigert“.

Wer im Südwesten häufig mit der Bahn unterwegs ist, wird Palmer zumindest teilweise zustimmen. Was der Grüne allerdings vergisst: Seit 2011 ist sein Parteifreund Winfried Hermann als Verkehrsminister für den Schienenverkehr im Land verantwortlich. Untätigkeit kann man Hermann zwar nicht vorwerfen, der fast täglich im Land unterwegs ist, um die Qualität des Schienenverkehrs zu verbessern. Möglicherweise aber eine falsche Strategie: Der Minister setzt auf Wettbewerb. Alles sollte besser werden: Neue Züge mit Wlan, mehr Zuverlässigkeit und mehr Pünktlichkeit versprach Hermann, wenn die alte, unzuverlässige Deutsche Bahn erst Wettbewerber auf der Schiene bekomme.

Diese Strategie erweist sich immer deutlicher als Fehlschlag: Abellio und Go-Ahead sind seit Juni im Land unterwegs, verbessert hat sich wenig bis nichts. Weil die neuen Züge nicht rechtzeitig und in ausreichender Zahl geliefert wurden, wurde der Start zum Chaos. Züge waren überfüllt, kamen zu spät oder fielen ganz aus. Auch der Fahrplanwechsel, zu dem die Betreiber am Sonntag weitere Strecken übernehmen, lässt nichts Gutes erwarten. Schon im Vorfeld wurden Notfahrpläne eingerichtet, es fehlen Fahrzeuge und Lokführer, eine Strecke wird deswegen von Beginn an nur teilweise befahren. Fast schon ironisch ist, dass ausgerechnet die ungeliebte Deutsche Bahn jetzt der große Retter ist und den neuen Anbietern mit Fahrzeugen und Personal aushilft.

Ja, in erster Linie liegt die Verantwortung für die teils chaotischen Zustände bei den Herstellern, die Fristen nicht einhielten und noch immer nicht einhalten. Allerdings macht es sich Hermann zu einfach, wenn er sich für das Wlan im Zug feiern lässt, die Verantwortung für die Missstände aber den Herstellern und Betreibern zuschiebt. Das Land Baden-Württemberg ist Aufgabenträger und hat für einen funktionierenden Nahverkehr zu sorgen. Der Minister muss sich deswegen zumindest die Frage gefallen lassen, ob sein Haus, das den Bahnverkehr schließlich mit Steuergeldern finanziert, ausreichend kontrolliert hat: zum Beispiel, ob die Lieferpläne der Hersteller realistisch sind oder ob die Personaldecke der Bahnbetreiber ausreicht.

Die Leidtragenden werden auch nach dem Fahrplanwechsel wieder die vielen Menschen sein, die tagtäglich auf die Bahn angewiesen sind. Sie sollten jetzt nicht mit den Problemen alleingelassen werden, sondern für Verspätungen und Zugausfälle zumindest großzügig entschädigt werden – schließlich erhält das Land für jeden ausgefallenen Zug Strafzahlungen von den Betreibern.

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Erstellt:
13. Dezember 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
13. Dezember 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 13. Dezember 2019, 06:00 Uhr

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