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Neue Erkenntnisse über Vermischung früher Völker - Tübinger Forscher beteiligt

Eiszeit-Gene sorgen für Sensation

Ein Forscher-Team mit Tübinger Beteiligung hat analysiert, dass sich am Ende der Eiszeit Europäer mit Einwanderern aus dem Nahen Osten mischten.

07.05.2016

Von MADELEINE WEGNER

In einer Studie haben Wissenschaftler Mischungen von Europäern und Einwanderern aus dem Nahen Osten festgestellt. Foto: dpa

Tübingen. Selbst die frühen Menschen, die vor Jahrtausenden in Europa lebten, scheinen offen für andere Völker gewesen zu sein. Wie Tübinger Wissenschaftler zusammen mit anderen Forschern nun herausfanden, haben sich am Ende der Eiszeit Europäer mit Einwanderern aus dem Nahen Osten vermischt. Dieses Forschungsergebnis ist eine Sensation. Die Wissenschaftler sprechen davon, die genetische Geschichte der Menschen in Europa neu zu schreiben. Bislang ging man davon aus, dass die einzige bis heute überlebende Menschenart - der anatomisch moderne Mensch - Europa erstmals vor rund 45 000 Jahren erreichte und hier bis heute ununterbrochen lebte.

Doch dies ist nur ein Teil der Geschichte, wie eine groß angelegte genetische Studie nun ergab. Die Forscher analysierten dazu das komplette Erbgut von 51 prähistorischen Menschen, die vor 45 000 bis 7000 Jahren lebten. Sie untersuchten auch Funde von sieben Individuen, deren Überreste in Höhlen der Schwäbischen Alb ausgegraben wurden.

Die Urgeschichte der Europäer ist komplex. Vor rund 14 500 Jahren muss es eine Wanderungsbewegung von Menschen aus dem Nahen Osten nach Europa gegeben haben. "Das Klima hat immer wieder Einfluss auf das Überleben und die Wanderungsbewegungen der modernen Menschen genommen", sagt Johannes Krause. Er leitet die Tübinger Arbeitsgruppe und ist zugleich Direktor am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena. Die prähistorischen Menschen lebten sogar vor 25 000 bis 19 000 Jahren in Europa, als weite Teile des Kontinents von Eis bedeckt waren. Bereits aus früheren Untersuchungen wussten die Forscher, dass das Überleben oft nur in einzelnen Rückzugsorten möglich war. Auch das lässt sich an den Genen ablesen.

Erst die in den vergangenen Jahren stark verbesserten Verfahren haben solche Untersuchungen ermöglicht. Doch die Analyse alter DNA ist für Wissenschaftler eine große Herausforderung. Sie müssen das Erbgut aus Jahrtausende alten menschlichen Überresten aufwendig rekonstruieren, weil es stark zerfallen ist. Außerdem ist es mit der DNA von Mikroorganismen und möglicherweise von heute lebenden Menschen verunreinigt.

"Besonders überraschend war ein Befund, der die Urgeschichte revolutioniert: In der Warmzeit vor 14 500 Jahren erscheint eine neue genetische Komponente in Europa, deren Spur in den Nahen Osten führt", sagt Cosimo Posth. Er hat die schwäbischen Knochen im Rahmen seiner Doktorarbeit im Labor in Tübingen aufgearbeitet. Zuvor hatten Forscher die genetischen Neuerungen bei den Europäern mit Bevölkerungsumwälzungen in Europa selbst erklärt. "Nun ist klar, dass Menschen aus dem Nahen Osten nach Europa eingewandert sind und so bei der Vermischung ein neuer Genpool entstand."

Die Analysen zeigten auch, dass die frühesten modernen Menschen in Europa nicht unwesentlich zur Genausstattung heutiger Europäer beitrugen. Unter anderem gebe es "eine Kontinuität zwischen den ersten modernen Menschen Europas, die vor 40 000 bis 32 000 Jahren die wunderbare Kunst der Schwäbischen Alb geschaffen haben, und den Bewohnern West- und Zentraleuropas nach der Eiszeit, vor 18 000 bis 14 500 Jahren", sagt Krause. Um das komplexe Bild der Genetik europäischer Menschen zu vervollständigen, wollen die Forscher im nächsten Schritt urgeschichtliche Menschen aus Südosteuropa und dem Nahen Osten untersuchen.

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Erstellt:
7. Mai 2016, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
7. Mai 2016, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 7. Mai 2016, 06:00 Uhr

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