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Die Nächte im Wald verbracht

Der zu Unrecht abgeschobene Afghane Hasmatullah Fazelpur ist zurück in Tübingen

Am Donnerstag kam der zu Unrecht abgeschobene Hasmatullah Fazelpur zurück nach Tübingen. In Afghanistan hat er sich über zwei Monate versteckt.

15.12.2017

Von Sabine Lohr

„Welcome back“ – willkommen zurück – hieß die Pressekonferenz, bei der Hasmatullah Fazelpur (Zweiter von rechts) berichtete, wie es ihm nach seiner rechtswidrigen Abschiebung nach Bulgarien ergangen ist. Rechts neben ihm sein Anwalt Markus Niedworok, links von ihm Übersetzerin Arezo Dadfar. Ganz links Matthias Schuh, daneben Andreas Linder, beide vom Bündnis Bleiberecht Tübingen. Bild: Sommer

Ich bin sehr, sehr glücklich“, sagte Hasmatullah Fazelpur am Mittwochabend bei einer Pressekonferenz. Am Mittag war der 23-jährige Afghane, der zu Unrecht abgeschoben worden war, am Frankfurter Flughafen angekommen. Dort holten ihn eine Flüchtlingshelferin und drei afghanische Freunde ab und brachten ihn nach Tübingen. Er werde, sagte er, wohl wieder in seinem alten Zimmer in der Anschlussunterkunft beim Landratsamt wohnen. Und dort, in seinem Bett, endlich wieder ruhig schlafen können. Denn weder in Bulgarien noch in Afghanistan habe er auch nur eine einzige ruhige Nacht
verbracht.

Nach seiner Abschiebung sei er in Bulgarien, so berichtete Fazelpur, im Gefängnis „Tag und Nacht geschlagen“ worden. Man habe ihn hungern lassen und ihn schließlich gezwungen, ein Papier zu unterschreiben. Er habe nicht gewusst, was er da unterschreibe. Er habe auch nicht gewusst, dass er nach Deutschland zurückgeholt werden sollte. „Das hat mir dort niemand gesagt.“ Dann sei er in Handschellen zum Flughafen gebracht und nach Afghanistan geflogen worden.

Dort sei er zunächst zu seinen Eltern gegangen. Doch die seien sofort von den Taliban bedroht worden, so dass er sie nach einer Stunde wieder verlassen habe. „Es ist viel zu gefährlich für meine Familie, wenn ich bei ihr bin“, sagte er. Er habe sich dann durchgeschlagen, sei mal hier, mal dort gewesen und habe auf der Straße oder im Wald geschlafen.

In Afghanistan werde er von den Taliban verfolgt und bedroht, weil er Soldat der afghanischen Regierung gewesen sei. Fazelpurs Anwalt Markus Niedworok erklärte, dass das Flüchtlingswerk des UNHCR immer wieder darauf verweise, dass afghanische Militärangehörige „im besonderen Fokus der Taliban“ stünden.

Andreas Linder vom Tübinger Bündnis Bleiberecht, der sich für Fazelpur engagiert hat, erklärte, Bulgarien sei kein sicheres Drittland und Afghanistan ein Kriegsland. „Das UNHCR fordert, dass jeder afghanische Flüchtling mindestens subsidiären Schutz bekommt.“ Doch sehr viele Asylanträge von Afghanen, vor allem von alleinstehenden Männern, würden abgelehnt.

Fazelpur bekommt nun ein Asylverfahren in Deutschland – das Bundesamt hat es an sich gezogen und angekündigt, dass er „zeitnah“ zur Anhörung eingeladen werde. Dass die rechtswidrige Abschiebung nach Bulgarien und die nach Afghanistan in diesem Verfahren eine Rolle spielen, glaubt Niedworok nicht: „Wiedergutmachung ist keine rechtliche Kategorie“, sagte er.

Der Tübinger Landtagsabgeordnete und Sprecher für Migration und Integration Daniel Lede Abal (Bündnis 90/Die Grünen) forderte in einer Pressemitteilung das Bamf „entschieden“ auf, „die Qualität seiner Verfahren und Entscheidungen endlich zu verbessern“. Und Chris Kühn, Tübinger Bundestagsabgeordneter (Grüne) wirft dem Bamf einen „eklatanten Verfahrensfehler“ vor. „Ich erwarte, dass aus diesem Fall für zukünftige Verfahren Konsequenzen gezogen werden.“

Fazelpur war das am Abend alles egal. Seine Freunde hatten für ihn nach der Pressekonferenz eine Willkommensparty organisiert. Die musste er noch durchstehen, dann durfte er endlich ins Bett – nach drei Nächten, in denen er nicht geschlafen hat.

Zurück aus Afghanistan: Hasmatullah F. wieder in Tübingen
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39:35 min

Die Abschiebeodyssee des Hasmatullah Fazelpur

Hasmatullah Fazelpur war am 3. Juni in Deutschland angekommen. Auf seiner Flucht war er in Bulgarien aufgegriffen und inhaftiert worden. Nach viermonatiger Haft habe man ihn, sagt er, gezwungen, die Fingerabdrücke abzugeben und ihn dann freigelassen. Am 8. Juni beantragte er Asyl, was das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ablehnte. Sein Anwalt Markus Niedworok stellte daraufhin einen Eilantrag, was vor Abschiebung schützt. Trotzdem wurde Fazelpur am 14. September nach Bulgarien abgeschoben. Die bulgarischen Behörden behaupten, Fazelpur sei freiwillig ausgereist. Das Verwaltungsgericht Sigmaringen ordnete daraufhin an, dass Fazelpur aus Bulgarien zurückgeholt werden müsse. Doch bevor das umgesetzt wurde, schob Bulgarien ihn am 4. Oktober nach Afghanistan ab. Das Gericht forderte daraufhin das Bundesamt auf, ihn auch von dort zurückzuholen.

Am Montag konnte Fazelpur nach Pakistan fliegen, wo er am Dienstag ein Visum für Deutschland bekam.

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Erstellt:
15. Dezember 2017, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
15. Dezember 2017, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 15. Dezember 2017, 01:00 Uhr

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