„Auf Corona gut vorbereitet“

Interview mit Berthold Huber über die Bahn und das Virus

Die Deutsche Bahn ist präpariert für den Ernstfall, sagt Personenverkehrs-Vorstand Berthold Huber. Das Virus wirkt sich bereits jetzt auf die Fahrgastzahlen aus.

07.03.2020

Von Dorothee Torebko & Dieter Keller

Mehr Züge. mehr Plätze: Die Bahn will die Auslastung besser steuern. Foto: Max Lautenschläger/ Deutsche Bahn AG Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Wohin man schaut: alles voller Züge. So sieht es in Berthold Hubers Büro im Bahn-Tower, der Berliner Zentrale der Deutschen Bahn, aus. Im Eckbüro des Personenverkehrs-Vorstands stehen Modell-Regionalbahnen, an den Wänden hängen Fotos von Güter- und Fernzügen – Zeugen von Hubers DB-Stationen über die letzten 22 Jahre. Heute ist er zuständig für Preise und ICE. Seit neuestem beschäftigt er sich mit einem ungewöhnlichen Thema: Corona.

Sie gelten als leidenschaftlicher Bahnfahrer. Was war die größte Verspätung, die Sie hatten?

Berthold Huber: Das waren anderthalb Stunden auf der Schnellfahrstrecke zwischen München und Berlin. An dem Tag hat ein Eisbrocken eine Antenne abgerissen, dadurch wurde das Signal nicht mehr korrekt erkannt. Wir sind evakuiert worden. Das hat ordentlich funktioniert, weil die Zugbegleiter informiert und nebenbei für gute Stimmung gesorgt haben. Ich hatte aber einen Riesen-Vorteil. Ich bin direkt in den Speisewagen umgestiegen und wurde wie die anderen Fahrgäste auch mit einem Glas Bier empfangen. So eine Verspätung kommt auf der Strecke aber selten vor.

Wird über die Bahn mehr geschimpft als über andere Verkehrsträger?

Ja, aber das beklage ich nicht. Wir sind für viele Menschen Bestandteil ihres Alltags. Es gibt nichts Ärgerliches, als wenn wichtige Alltagsabläufe gestört werden. Deswegen sage ich Mitarbeitern, die sich über schimpfende Kunden beklagen: Lass uns die Ärmel hochkrempeln und stolz auf unsere Arbeit sein! Wir sind wichtig für die Leute und wollen den Alltag für sie besser machen.

Derzeit bestimmt Corona die Schlagzeilen. Droht der Bahn das Chaos?

Ich sehe in unseren Zügen keine chaotischen Zustände. Im Gegenteil sind die Kunden und Mitarbeiter sehr besonnen und ruhig. Wir haben uns aber auch gut vorbereitet.

Wie denn?

Wir arbeiten intensiv mit den Behörden zusammen. Falls wir einen Verdachtsfall haben, setzt der Zugchef einen klar definierten Prozess in Gang. Am nächsten Bahnhof kommen Bundespolizei und medizinische Fachkräfte dazu und prüfen, ob das ein begründeter Corona-Fall ist. Trifft das zu, wird der Fahrgast ins Krankenhaus gebracht. Die Gäste, die mit dem Passagier in Kontakt kamen, werden registriert, der Wagen geräumt und über Nacht desinfiziert. Zudem reinigen wir die Züge an den sensiblen Stellen häufiger als bisher und haben Hotlines für Kunden und Mitarbeiter eingerichtet.

Wie viele Fahrgäste werden Sie durch Corona verlieren?

Das ist noch nicht absehbar. Der Bahn-Betrieb läuft derzeit regulär. Allerdings spüren wir in den letzten drei, vier Tagen, dass die Buchungen zurückgehen. Große Messen wie die ITB werden abgesagt und Unternehmen schränken Dienstreisen ein – das wirkt sich natürlich auf die Fahrgastzahlen aus. Doch eines ist auch klar: Wichtiger als wirtschaftliche Interessen ist die Gesundheit der Menschen.

Im März können Kunden Tickets teils für 12,90 EUR kaufen. Wer aber attraktive Sprinter-Strecken fahren will, zahlt oft über 100 EUR. Wann werden auch diese Strecken billiger?

Bei der Super-Sparpreis-Aktion bieten wir über 500 000 Tickets so günstig wie noch nie an. Natürlich sind da auch attraktive Strecken dabei. 180 Tage kann im Voraus gebucht werden. Grundsätzlich ist es so: Wenn man kurzfristig bucht und der Zug schon relativ voll ist, sind die Sparpreise teurer. Dann schließen wir die Kontingente an günstigen Preisen, weil sonst die Züge zu voll sind. Mit solchen 12,90-EUR-Aktionen wollen wir Kunden für die weniger ausgelasteten Züge und Randzeiten gewinnen. Das kommt gut an. Im letzten Jahr haben wir über 50 Mio. Sparpreis-Tickets verkauft.

Im Januar hat die Bahn 11 Prozent mehr Kunden gehabt. Sind die Züge bald zu voll?

Nein. Bereits im letzten Jahr hatten wir 10 Prozent weniger überlastete Züge. Und in diesem Jahr haben wir im Schnitt 10 bis 15 Züge mehr zur Verfügung. Das sind rund 10 000 Sitzplätze mehr als im Vorjahr. Wir kriegen die Menschen gut befördert, weil wir die Auslastung heute besser steuern als früher.

Dennoch bekommt man im ICE manchmal keinen Platz. Wäre da nicht eine verpflichtende Sitzplatzreservierung sinnvoll?

Solange ich Bahn-Vorstand bin, wird es keine Reservierungspflicht geben. Ich will das System nicht schließen, ich will es verdichten. Meine Vision ist es, alle halbe Stunde und am liebsten 24 Stunden nonstop zu fahren. Wenn ich eine S-Bahn verpasse, ist das kein Problem – denn spätestens in 10 Minuten fährt die nächste. Vergleichbar stelle ich mir das im Fernverkehr auch vor.

Die Züge sollen bald schneller fahren. Wie viel Zeit sparen die Kunden?

Wir wollen den ICE 4 mit 265 statt mit 250 Kilometern pro Stunde fahren. Aber deswegen sind Sie nicht eine halbe Stunde früher am Ziel. Beschleunigung ist noch wichtiger als Höchstgeschwindigkeit, weil die Züge oft halten. Wir bekommen dadurch zusätzliche Reserven in den Fahrplan und verbessern die Pünktlichkeit. Oder wir können an manchen Stellen einen zusätzlichen Halt einbauen, der immer Zeit kostet.

Die Bahn beschäftigt sich mit Konzepten wie Ridepooling, bei dem Gäste mit ähnlichen Routen gemeinsam befördert werden. Warum?

Wir wollen eine echte Verkehrswende in Deutschland. Dafür knüpfen wir ein Netz, das den Kunden die Möglichkeit gibt, auf ihr eigenes Auto oder eine Autofahrt zu verzichten. Das gehört zu der Strategie der Starken Schiene: Die Schiene ist das Rückgrat der Verkehrswende, aber andere Dienste gehören dazu. Wir wollen nicht mehr Verkehr, sondern mehr Mobilität! Dafür bauen wir neue Angebote in den öffentlichen Personenverkehr hinein.

In Hamburg gibt es Ioki, in Berlin Clevershuttle…

Genau. In Hamburg ist das Ridepooling in den Tarif des Verkehrsverbundes integriert. In den Stadtteilen, wo wir das anbieten, sind 70 Prozent der Fahrten mit S-Bahn und Bushaltestellen verknüpft, sie ersetzen also den Nahverkehr nicht. Das ist entscheidend. Wir haben eine neue Studie erstellt, nach der sich mit solchen Konzepten in Hamburg 1000 Tonnen CO2 pro Tag durch weniger private Autofahrten einsparen ließen. Solche Analysen wollen wir vielen deutschen Großstädten anbieten.

Bei der Deutschen Bahn hochgearbeitet

Berthold Huber, Mitglied des Vorstands der Deutsche Bahn AG. Foto: dpa

Der gebürtige Heidelberger Berthold Huber startete seine berufliche Laufbahn nach dem Studium der Politikwissenschaften 1990 als Unternehmensberater. Sieben Jahre später stieg er bei der Deutschen Bahn ein. Hier arbeitete der verheiratete Vater von vier Kindern unter anderem bei der DB Netz und der DB Regio Bayern. Von 2010 bis 2015 war er Chef der DB Fernverkehr AG, ehe er in den Vorstand des Bahn-Konzerns einzog. Hier ist der 56-Jährige für den Fern- und Nahverkehr zuständig. dot/dik

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Erstellt:
7. März 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
7. März 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 7. März 2020, 06:00 Uhr

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