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Todesangst in Peru und Reifenwechsel bei minus 12 Grad

Zwei Rottenburger unternahmen eine Radtour um die halbe Welt - jetzt sind sie wieder daheim

Julian und Nico Schmieder aus Hailfingen waren anderthalb Jahre lang auf dem Fahrrad unterwegs. Am Samstag kehrten sie nach Hause zurück.

23.10.2016

Von Werner Bauknecht

Von Alaska nach Brasilien, von Lissabon nach Hailfingen: Nach 32 000 Kilometern kamen Nico (links) und Julian Schmieder am Samstag nach Hailfingen zurück

Drogenbanden, Kriminalität, rabiate Polizei – die Nachrichten aus Lateinamerika klingen eher ungemütlich. Hatten Julian Schmieder (33), Nico Schmieder (27) und ihr Kumpel Sandro Reiter (32) denn keine Angst? Das sei alles maßlos übertrieben, sagen sie. Sie können nur Gutes berichten über die Menschen in diesen Ländern.

117 mal haben sie bei Privatleuten übernachtet. „Eingeladen, einfach so.“ Das einzige, was ihnen jemals geklaut wurde, waren ein paar alte Schuhe, die sie in einer Pension vor die Tür gestellt hatten. „Die Welt“, meint Julian Schmieder, „ist besser als man glaubt.“

Im Mai 2015 starteten die beiden Hailfinger Brüder ihr Münchner Kumpel in Anchorage, Alaska. Auf der legendären Panamericana-Straße ging es nach Süden. In Kanada wurden sie einmal nachts von einem Auto überholt. Dann gab es vor ihnen einen lauten Rumms. Das Auto hatte einen Bären totgefahren. „Wenn wir dem Riesenvieh begegnet wäre – oje oje.“

In Peru ging es durch dichten Dschungel. Das sei eine Drogenzone, habe man sie gewarnt. Und tatsächlich, bald stoppte sie ein Geländewagen mit lauter Schwerbewaffneten.

„Wir sahen uns schon tot oder im Dschungel ausgesetzt“, erinnert sich Niko. Doch die mutmaßlichen Drogendealer gaben ihnen drei Tage Zeit, um die Gegend zu verlassen. Peru sei die Hölle für Radler. „Dort regiert das Auto. Menschen oder Räder sind Luft für die Autofahrer, da lebt man auf der Straße in ständiger Todesangst.“

Oft fragten sie am Abend bei Kirchen oder Sportvereinen nach einem Nachtlager. In Brasilien, kurz vor Rio, bot ihnen ein Pfarrer die Leichenhalle an. Allerdings: Wenn in der Nacht jemand sterbe, müssten sie ihr Nachtlager mit dem Toten teilen.

Zu essen gab es oft nur Spaghetti mit Tomatensoße oder Reis mit Soße. Manchmal mussten sie Proviant für zehn Tage einpacken. Und Ersatzteile. Julian kam auf 40 platte Reifen. Die schlimmste Panne war gleich zu Beginn in Alaska: „Bei Minus 12 Grad Reifenwechsel mit eiskalten Fingern. Das hat zwei Stunden gedauert, ich war fix und fertig.“

Rio de Janeiro erreichten sie rechtzeitig zu den Olympischen Spielen. Die deutschen Sportler empfingen die drei mit großem Hallo und luden sie ins Deutsche Dorf ein. Dort trafen sie Moderator Gerhard Delling, Arzt Müller-Wohlfahrt und Sven Bender von Borussia Dortmund. Der wollte ein Selfie mit ihnen machen. „Geht nicht“, sagte Julian, ein leidenschaftlicher Bayern-Fan: „Falscher Verein.“ Das olympische Fußball-Finale erlebten sie im Stadion.

„So richtig von zu Hause weg ist man eigentlich nie“, meint Nico im Rückblick. „Über die neuen Medien bist du ja immer präsent.“ Immerhin: Er hat über 300 Postkarten geschrieben. „Wie früher.“ Sandro war von Rio direkt nach München zurückgeflogen, die Schmieders landeten im August in Lissabon und fuhren die Strecke über Nordspanien, Südfrankreich und Norditalien zurück nach Hailfingen. Dort kamen sie, fast auf die Minute pünktlich, am Samstag um 16 Uhr an.

Großer Bahnhof erwartete sie da in der Rosengartenstraße. Nachbarn, Freunde und natürlich die Eltern bildeten ein Spalier. Riesenbeifall. Auch Thomas Weigel, Rottenburger Bürgermeister, und Ortsvorsteherin Sabine Kircher waren da. Es gab Sekt, Punsch und: Leberkäs.

Auf dem Büffettisch stand ein Spendenschwein: für den Film. Niko hat die gesamte Reise mit der Videokamera dokumentiert. Denn: „Wir wollen zusammen mit einem Spezialisten aus unseren Aufnahmen einen Film schneiden. Fernsehgerecht. Das wird 90 000 Euro kosten.“ Die Reise hatten die drei Männer komplett selbst finanziert. „Wir haben ganz schwäbisch Low-Budget gelebt und gerade mal 20,14 Euro am Tag verbraucht.“

Auch die Eltern waren natürlich froh, ihre zwei Söhne wieder zurück zu haben. Nein, sagte Vater Roland, Angst hatte er keine um die Jungs. Zwischendurch hatte er sie zwei Mal getroffen, einmal in Ecuador getroffen, einmal in Lissabon.

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Erstellt:
23. Oktober 2016, 18:45 Uhr
Aktualisiert:
23. Oktober 2016, 18:45 Uhr
zuletzt aktualisiert: 23. Oktober 2016, 18:45 Uhr

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