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Wintermärchen hat viele Väter
Vater des EM-Erfolgs: Handball-Nationaltrainer Dagur Sigurdsson gab seiner Mannschaft klare taktische Vorgaben, die die Spieler gut umsetzen konnten. Foto: Eibner
Trainer, Taktik, Turnier-Euphorie: Für den EM-Titel musste einiges zusammenkommen

Wintermärchen hat viele Väter

Acht Spiele in 15 Tagen - die deutschen Handballer haben in Polen ein Mammutprogramm absolviert. Trotzdem hatten die frisch gebackenen Europameister noch Kraft, um den sensationellen Titelgewinn zu feiern.

02.02.2016
  • SWP

Krakau - Müde sahen die frischgebackenen Europameister aus, als sie gestern aus ihren Hotelzimmern in die Lobby kamen - die Siegesfeier bis morgens um 7 Uhr im Krakauer Nachtleben hatte sichtbar Kraft gekostet. Nach 15 Tagen bei der Handball-EM in Polen und dem sensationellen 24:17-Finalsieg gegen Spanien haben sich alle Akteure nun ein paar Tage Ruhe verdient. Das deutsche Wintermärchen hat viele Gründe:

- Trainer Dagur Sigurdsson ist ohne Frage der Vater des Erfolgs. Vor eineinhalb Jahren hat der 42-Jährige das Amt als Bundestrainer angetreten und Deutschland, das nur dank einer Wildcard überhaupt am Turnier teilnehmen durfte, in Katar auf WM-Platz sieben geführt. Nun hat der Isländer mit Deutschland sensationell Gold geholt.

- Taktik Sigurdsson und seine Co-Trainer Axel Kromer und Alexander Haase haben in Polen nicht viel Schlaf bekommen. Permanent tüftelte das Trio an der Taktik für den jeweiligen Gegner und stellte damit mehr als einmal nominell besser besetzte Mannschaften vor große Probleme. Sich die taktische Vorgabe zu überlegen ist das eine, sie den Spielern glaubhaft zu vermitteln das andere. Sigurdsson ist beides perfekt gelungen. Der erst 23-jährige Finn Lemke, eine der positiven Überraschungen des Turniers, sagte: "Wir waren vor dem Finale sehr selbstbewusst. Einfach weil der Plan, den Dagur uns gegeben hat, für uns schlüssig war."

- Jugend Eigentlich wollten die deutschen Handballer bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio um Gold mitspielen - nun besteht bereits vier Jahre früher die Chance dazu. Aufgrund des Fernziels 2020 setzte Sigurdsson auf die Jugend. Mit 24,6 Jahren gewann das jüngste Team der EM den Titel. Im Finale hat man gesehen, dass die Jugendlichkeit ein Vorteil war. "Junge Leute regenerieren schneller", hatte Sigurdsson bereits nach der Vorrunde gesagt. Im Finale wirkten die Deutschen fitter als die Spanier und hatten die Kraft und Spritzigkeit, durch schnelles Rückzugsverhalten das gefährliche Konterspiel der Iberer zu unterbinden.

- Spieler Letzten Endes sind es aber die Spieler, die mit ihrer Leistung den EM-Titel geholt haben. Nach den vielen verletzungsbedingten Ausfällen fehlten dem DHB-Team die Stars. Nur als Kollektiv konnte Deutschland Erfolg haben. Das haben alle, die in Polen dabei waren, verstanden und sich als eingeschworene Truppe präsentiert. Das alleine reicht jedoch nicht, um Europameister zu werden. Es mussten einige Spieler über sich hinauswachsen. Andreas Wolff beispielsweise, eigentlich als Nummer zwei hinter Carsten Lichtlein angereist. Im Finale ließ der 24-Jährige die Spanier verzweifeln, hielt fast die Hälfte der Bälle und wurde als bester Keeper der EM ausgezeichnet. Oder Tobias Reichmann, ebenfalls nur als zweiter Mann hinter Patrick Groetzki eingeplant. Als dieser verletzt absagte, übernahm Reichmann Verantwortung und spielte ein starkes Turnier. Mit 46 Treffern in acht Partien wurde der Rechtsaußen, der in Polen für den Topklub Kielce spielt, hinter dem Spanier Valero Rivera (48) zweitbester Werfer der EM. Zudem glänzte der 27-Jährige als sicherer Siebenmeterschütze (26/29), auch wenn ihm im Finale zweimal die Nerven versagten. Dank der grandiosen Abwehr und Wolff im Tor hatten die Fehlwürfe keine negativen Folgen. Als bester Rechtsaußen wurde Reichmann ins All-Star-Team der EM gewählt.

- Welle Immer wieder sprach Dagur Sigurdsson die vergangenen Tage von der "richtigen Welle", auf der das deutsche Team durch die Europameisterschaft ritt. So auch nach dem Finalsieg: "Wir hatten während des gesamten Turniers die richtige Welle erwischt und haben uns von Spiel zu Spiel gesteigert, nachdem wir das erste Spiel gegen Spanien verloren hatten." Trotz der Niederlage hatten die deutschen Spieler dabei gesehen, dass sie mit einem der Titel-Favoriten mithalten können. Als dann gegen Schweden der knappe 27:26-Sieg gelang und anschließend Slowenien (25:21) und Ungarn (29:19) überzeugend geschlagen wurden, glaubten die Spieler endgültig an sich und das Weiterkommen. Gegen Russland bewiesen sie ebenso Nervenstärke (30:29) wie gegen Dänemark (25:23) und vor allem im Halbfinale gegen Norwegen, das erst in der Verlängerung 34:33 gewonnen wurde. Einen solchen Lauf kann man nicht einplanen, sondern nur darauf hoffen. Dass das Team im Finale dann seine beste Leistung abruft und Spanien auseinandernimmt - 15 Tage nachdem man gegen den Finalgegner noch 29:32 verloren hat - war die Krönung eines perfekten Turniers. "Wir hatten keine Chance", sagte Spaniens Trainer Manuel Cadenas - und hatte damit vollkommen recht.

Begeisterung - Auch fernab der Heimat haben die Spieler mitbekommen, was in Deutschland abgeht. Zwar war von der Euphorie im Vor- und Hauptrundenspielort Breslau noch nicht viel spürbar, doch ab dem Umzug nach Krakau, wo Halbfinale und Endspiel stattfanden, war allen Beteiligten klar, dass sie zuhause eine Handball-Begeisterung ausgelöst haben. Das Finale sahen im Schnitt 12,98 Millionen Zuschauer. In der Spitze fieberten 17,4 Millionen mit, bei einem Marktanteil von 48,9 Prozent. Da sich die öffentlich-rechtlichen Sender mit dem Rechteinhaber beIN aus Katar für die WM 2017 bislang nicht einigen können, ist aber noch unklar, ob und wo die WM-Spiele übertragen werden.

- Zukunft Wenn die jüngste Mannschaft des Turniers den EM-Titel holt, obwohl sieben wichtige Spieler verletzt sind, muss man sich um die Zukunft keine Sorgen machen - außer man spielt nicht für Deutschland. "Das war die Geburtsstunde einer heldenhaften Mannschaft", sagte Final-Held Andreas Wolff nach dem Triumph euphorisiert und kündigte vollmundig den Olympia- und für das kommende Jahr den WM-Sieg an. DHB-Vize Bob Hanning war da deutlich vorsichtiger: "Um Weltklasse zu sein, muss man mehrmals Weltklasse-Leistungen abliefern."

Probleme Der Erfolg bringt auch Probleme mit sich. Beispielsweise vor den Olympischen Spielen (5. bis 21. August), für die das DHB-Team als Europameister qualifiziert ist. Mit den nachnominierten Kai Häfner und Julius Kühn, die großen Anteil am Titelgewinn hatten, hat der Bundestrainer nun 18 EM-Helden. Hinzu kommen fünf Verletzte, darunter Uwe Gensheimer. Nach Rio dürfen nur 14 Spieler mit - Sigurdsson muss schon bald schwere Entscheidungen treffen.

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02.02.2016, 08:30 Uhr
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