Tübingen

Winnetou-Debatte: Palmer hält kulturelle Aneignung für These „voller logischer Widersprüche“

Tübingens OB Palmer hat auf die Diskussion um die Winnetou-Kinderbücher des Ravensburger Verlag reagiert. Seiner Meinung nach bestimme der laute Protest einer Minderheit, „was die Mehrheit lesen darf“.

26.08.2022

Von isi

Boris Palmer. Archivbild: Ulrich Metz

Boris Palmer. Archivbild: Ulrich Metz

Oberbürgermeister Boris Palmer hat sich zur Diskussion um die Winnetou-Kinderbücher via Facebook eingeschaltet. Am Donnerstagabend schrieb er: „Kulturelle Aneignung? Kolonialismus? Wenn ich das ernst nehme; darf es nie wieder einen europäischen Autor geben, der einen Roman über die Zeit vor 1900 schreibt und es dürfen keine Figuren vorkommen, die nicht Europäer sind. Alle Western müssen wir streichen.“

Auslöser der Debatte sind zwei Kinderbücher, ein gleichnamiger Film sowie ein Puzzle und ein Stickerbuch des Ravensburger Verlag rund um die Karl-May-Figuren. Alle Produkte wurden aus dem Verkauf genommen. In einem Instagram-Post begründete das Unternehmen dies mit dem Feedback der Nutzer, das gezeigt habe, „dass wir mit den Winnetou-Titeln die Gefühle anderer verletzt haben“. Die Kritik hatte sich zunächst an der gleichnamigen Verfilmung entbrannt, weil der Film rassistische Vorurteile bediene und eine kolonialistische Erzählweise nutze. Der Film kam am 11. August in die Kinos.

Palmer reagierte auf die Entscheidung und sprach davon, dass eine Minderheit eine Mehrheit kontrolliere: „Karl May mit dem Bannstrahl zu belegen ist Ausdruck eines verfehlten Verständnis von Kunst und Kultur. Diese darf natürlich mit heutigen Erkenntnisse und Methoden kritisiert werden. Aber ihre Verbreitung zu unterbinden ist ein kulturelles Sakrileg. Damit stellt man Kunst und Kultur in den Dienst einer politischen Ideologie, die eine andere Sicht nicht mehr zulassen will. [...] Eine Minderheit bestimmt durch lauten Protest, was die Mehrheit lesen darf. Kulturelle Aneignung ist zumindest eine These, die völlig neu ziemlich abseitig, zudem voller logischer Widersprüche ist. Wenn diese Prozess nicht bald gestoppt wird, landet noch viel mehr auf dem Index als nur Winnetou.“

Ein Bild, das die Deutschen prägte

Karl May selbst bereiste kein einziges Mal die USA, bevor er seine berühmten Abenteuerromane um den Apachen-Häuptling Winnetou schrieb. Kulturredakteurin Jana Zahner erklärt in ihrem Artikel Anfang der Woche: „In seinen Büchern verklärt er Apachen als edle Wilde und dichtet ihnen erfundene Ausdrücke und Bräuche an. Auch wenn May unbestreitbar eine Fantasiewelt entworfen hat: Wohl kaum ein anderer Autor hat das Indianerbild der Deutschen so sehr geprägt wie er.“

Der Instagram-Kanal der Organisation „Natives in Germany“ zeigt unter dem Hashtag #DankeKarlMay auf, wie wirkmächtig Klischees wie diese bis heute sind: „Als ich in der Grundschule von meiner Abstammung erzählte, begannen die anderen mich mit „Howgh“ und wildem Hand-auf-Mund-Getrommel zu begrüßen.“ In einem vom Kanal geteilten Video kritisiert eine junge Frau mit indigenen Wurzeln den neuen Winnetou-Film und fordert: „Lernt unsere wahre Kultur und Geschichte kennen. Denn unsere Geschichten sind es wert, erzählt zu werden.“

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Erstellt:
26.08.2022, 08:30 Uhr
Lesedauer: ca. 2min 20sec
zuletzt aktualisiert: 26.08.2022, 08:30 Uhr

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