Umwelt

Widerstand in den Bäumen

Klimaschützer protestieren gegen geplanten Kiesabbau im Altdorfer Wald. Anwohner unterstützen die meist jungen Leute und liefern Baumaterial.

21.04.2021

Von DPA

Die Klimaschützer Samuel Bosch (r.) und Rebeca Schuler bauen Baumhütten und protestieren damit gegen den geplanten Kiesabbau. Foto: Felix Kästle, dpa

Samuel Bosch hängt kopfüber in seinem Klettergurt, die Arme und Beine von sich gestreckt. Die langen Haare des 18-Jährigen hängen gen Boden. Neben ihm lehnt sich die 19-jährige Rebeca Schuler entspannt an einen Baum. Meterhoch ragen die Fichten zwischen den beiden in den Himmel. Sie sind hier, um genau das zu schützen. Den Altdorfer Wald bei Vogt im Landkreis Ravensburg. Seit Ende Februar haben sich die beiden Klimaaktivisten in selbst gebauten Baumhäusern eingerichtet. Mit ihrem Camp wollen sie einen geplanten Kiesabbau und die Rodung zahlreicher Bäume des Waldes verhindern.

Zu dritt waren sie zu Beginn ihres Protests. Mittlerweile halten sich rund 20 Waldbesetzer in der Baumhaussiedlung auf. Am Wochenende seien bis zu 50 Menschen da, berichtet Bosch.

Zehn Baumhäuser haben sie bereits gebaut, nochmal so viele sind im Entstehen. Zwischen den Häusern prangen zahlreiche Banner. „Altdorfer Wald bleibt“, „Peace statt Kies“ und „Wir tanzen im Wasserwerferregen“ steht darauf. Ein Großteil der Aktivisten geht nach eigener Aussage noch zur Schule oder studiert. „Das läuft im Moment ja sowieso vor allem online“, sagt Schuler.

Bei ihrem Protest orientieren sie sich an den Waldbesetzungen im Dannenröder Forst in Hessen und im Hambacher Forst in Nordrhein-Westfalen. Letztere hatte im Herbst 2018 bundesweit für Schlagzeilen gesorgt als die Polizei in einem Großeinsatz mehr als 80 illegal errichtete Baumhäuser räumte – von dieser Größenordnung ist das Camp in Oberschwaben derzeit noch entfernt. Doch die Klimaaktivisten bauen täglich weiter. Material hätten sie genug. Schuler: „Das wird uns größtenteils von Anwohnern gespendet.“

Mit rund 10 000 Hektar ist der Altdorfer Wald das größte zusammenhängende Waldgebiet Oberschwabens. Weil der Boden reich an Kies ist, gibt es bereits mehrere Kiesgruben.

Nach Plänen des Regionalverbands Oberschwaben-Bodensee soll nun eine zusätzliche Fläche von elf Hektar für die Förderung von Kies freigegeben werden. Abbauen will den für die Baubranche wichtigen Rohstoff das Unternehmen Meichele und Mohr.

Aus Sicht der Waldbesetzer eine Gefahr für die Umwelt. „Dabei geht es nicht nur um den Wald als CO2-Speicher“, sagt Samuel Bosch. Das Waldgebiet sei auch Einzugsgebiet der Quelle Weißenbronnen, die Teile Oberschwabens mit Trinkwasser versorge. Die Aktivisten sehen deshalb auch die Grundwasserversorgung in Gefahr.

Alexander Knor vom Verein „Natur- und Kulturlandschaft Altdorfer Wald“ sieht das ähnlich: „Das Quellwasser wird unverändert in das Trinkwasser eingespeist.“ Das sei selten in Deutschland. Sollte es zu dem geplanten Kiesabbau kommen, würde der Filtereffekt durch die Erde wegfallen. Kritisch sieht er auch, dass ein Teil des in Oberschwaben abgebauten Kieses nach Österreich und in die Schweiz exportiert werde, wo die Förderung des Rohstoffs durch höhere Umweltauflagen teurer sei.

Der Direktor des Regionalverbands Bodensee-Oberschwaben, Wilfried Franke, widerspricht. Mit dem Kies, der in den Regionen Bodensee-Oberschwaben und Donau-Iller gewonnen wird, werde nahezu die östliche Hälfte Baden-Württembergs versorgt.

Der Anteil des ins Ausland exportierten Kieses betrage nicht einmal zehn Prozent, sagt Franke. Eine Gefahr für die Trinkwasserversorgung hält er für unbegründet.

Für den Geschäftsführer des Kiesunternehmens Meichele und Mohr ist die Waldbesetzung illegal. Das Land Baden-Württemberg sei am Zug, jetzt für Klarheit zu sorgen. Das besetzte Waldstück gehört em Staat. Ein Sprecher des Landwirtschaftsministeriums verweist auf die Behörden vor Ort. Im Landratsamt Ravensburg prüft man den Vorgang.

Die Aktivisten rechnen bereits damit, dass ihr Camp irgendwann geräumt wird. Um es Polizei und Ordnungsbehörden möglichst schwer zu machen, haben sie ihre Baumhäuser in mehreren Metern Höhe gebaut. Auch weitere Maßnahmen seien geplant, darunter das Anketten an Bäume. „Die müssen uns schon aus den Bäumen pflücken“, sagt Bosch. Dass sie sich strafbar machen könnten, ist ihnen bewusst. „Wir kennen das Risiko“, sagt Rebeca Schuler. „Aber uns ist es wichtiger, dass wir eine lebenswerte Zukunft haben.“ dpa

Zum Artikel

Erstellt:
21. April 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
21. April 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 21. April 2021, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Inhalt nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen
Facebook Sport      Faceboook      Instagram      Twitter      Tagblatt-App