Für ein Tübinger Hospiz

Wer will, bekommt auch nachts Vanillepudding

Difäm-Direktorin Gisela Schneider und Constanze Scholzgart von den Tübinger Hospizdiensten wollen mit dem ersten Tübinger Hospiz ein Haus schaffen, in dem alles für die schwerkranken Gäste getan wird.

15.12.2018

Von Ulrich Janßen

Hospiz-Gründerinnen: Gisela Schneider (links) und Constanze Scholzgart. Bild: Ulrich Metz

Dass sie einmal Missionsärztin werden wollte, wusste Gisela Schneider schon mit 17 Jahren. Damals ging sie, die Bauerntochter vom Eckhof in Weilheim, in die elfte Klasse des Wildermuth-Gymnasiums und war fasziniert von dem, was sie „Lebensbilder“ nennt, Lebensgeschichten von Menschen wie Albert Schweizer oder Ida Scudder, die aus christlichem Geist heraus in die Fremde gingen, um zu helfen. Wie ihre Vorbilder wollte sie nach Afrika, in Länder, in denen es keine oder nur wenig medizinische Hilfe gab: „Ich wollte dahin, wo sonst niemand war.“

Ihren Plan verfolgte sie unbeirrbar. Noch vor dem Ende ihres Medizinstudiums schrieb sie die ersten Briefe nach Afrika. Gab es vielleicht irgendwo eine Klinik, die eine angehende Ärztin brauchen konnte? Bald meldete sich ein Krankenhaus aus dem kleinen westafrikanischen Küstenstaat Gambia. In Sibanor, einer Ortschaft im Landesinneren könne sie ihre Famulatur beginnen, schrieb man ihr. „An dem Tag, als ich kommen sollte“, erinnert sie sich, „gab es gerade einen Staatsstreich.“ 1981 war das, und Schneider überlebte nur, weil ihr Flieger mit Motorschaden im senegalesischen Dakar festsaß. So entging sie einer Schießerei auf dem Flughaben in Gambias Hauptstadt Banjul. Bekam sie damals nicht Angst vor Afrika? „Für mich“, sagt sie, „war das eher wie ein Wecksignal.“ Angst habe sie in Afrika nie gehabt. Stattdessen genoss sie die Wärme, Gastfreundschaft und Fröhlichkeit der Afrikaner.

Zwanzig Jahre lebte sie auf dem Kontinent, wo sie bald nicht nur als Ärztin gefragt war, sondern auch als pragmatische und effektive Aufbauhelferin. Sie leitete Kliniken, organisierte Gesundheitsprogramme, Ausbildungen für Pflegekräfte und war schließlich verantwortlich für das nationale HIV-Behandlungsprogramm in Gambia. Ihre Erfahrungen mit HIV und Aids führten sie 2005 nach Uganda, wo sie an der Universität von Kampala ein Institut aufbaute, an dem der Umgang mit HIV und Aids, Malaria, Tuberkulose und anderen Infektionskrankheiten erlernt werden konnte.

2007 kam Gisela Schneider zurück nach Tübingen, übernahm die Leitung des Deutschen Instituts für ärztliche Mission (Difäm) und hat nun die Aufgabe, zusammen mit Partnern das erste Hospiz in Tübingen aufzubauen und zu betreiben. Wie kam es dazu? Das kann einem am besten Constanze Scholzgart erzählen, die stellvertretende Vorsitzende der ehrenamtlichen Tübinger Hospizdienste. Dieser Verein, der seit 1998 Sterbende begleitet, gab nicht nur den Anstoß zum Bau des Hauses gab, sondern betreut auch die ehrenamtlichen Helfer im Hospiz.

Das erste Haus, in dem schwerkranke Menschen in Würde (und mit einer individuell abgestimmten Palliativversorgung) sterben können, gründete die Ärztin Cicely Saunders 1967 in London. Von England aus gelangte die Erkenntnis, dass man Sterbenden mit Morphiumgaben das Leben enorm erleichtern kann, auf den Kontinent. In Deutschland war es das Paul-Lechler-Krankenhaus in Tübingen, das sich in den Siebziger Jahren als eines der ersten Klinken auf die Versorgung schwerstkranker Patienten konzentrierte. Die Ärzte Aart van Soest und Thomas Schlunk, der 1989 zum Paul-Lechler-Krankenhaus kam, gelten heute als Pioniere.

Ihnen ging es nicht mehr um die Heilung der Patienten, sondern um die Linderung ihrer Beschwerden mit allen Mitteln. Und das nicht nur in der Klinik: Mit dem „Tübinger Projekt“ gibt es seit 1991 sogar ein Palliativ-Angebot für Menschen, die ihre letzte Lebenszeit zuhause verbringen wollen. Dass sich die Hospizdienste mit dem Difäm, dem Träger des Paul-Lechler-Krankenhauses zusammentaten, um endlich auch das letzte fehlende Stück ins Puzzle einzusetzen, war daher nur konsequent. „Jetzt wird etwas komplett“, freut sich Schneider. 2020 soll das Hospiz neben dem Krankenhaus eröffnet werden, das „Tübinger Projekt“ wird ins Erdgeschoss einziehen.

Das Nürtinger Architekturbüro „weinbrenner.single.arabzadeh“ hat einen schönen, luftig und zugleich solide und erdverbunden wirkenden Bau geplant, in dem acht Gäste Platz finden. Dass die Kranken sich als Gäste fühlen sollen, ist Scholzgart und Schneider wichtig. So werden die Zimmer zwar so angelegt, dass es Platz für die medizinische Versorgung gibt. Doch genauso wichtig ist es, dass die Gäste sich auch individuell einrichten können: „Wer seinen geliebten Lehnstuhl mitbringen will oder ein Bild, das ihm viel bedeutet, kann das tun.“ Auch W-Lan wird es geben. „Das Internet“, meint Scholzgart. „ist in der letzten Lebensphase ein total wichtiges Mittel, um mit allen in Kontakt zu bleiben.“ Von anderen Hospizen weiß man, dass die Gäste im Schnitt knapp 30 Tage im Haus verbringen.

In dieser kurzen Zeit wird im Hospiz alles auf die Bedürfnisse der Gäste abgestimmt. Wer an die frische Luft will, kann jederzeit nach draußen, Sonne und Regen spüren. Man kann allein auf dem Zimmer essen oder mit anderen im Gemeinschaftsraum. Die Speisen kommen aus dem Paul-Lechler-Krankenhaus, doch gibt es zusätzlich eine Küche, falls jemand plötzlich in der Nacht einen Heißhunger auf Vanillepudding verspürt. Willkommen sind selbstverständlich nicht nur die Gäste, sondern auch ihre Angehörigen. Sie finden ein Bett im Haus und werden ebenso freundlich begleitet wie die Kranken.

Wer will, bekommt auch spirituellen Beistand. Das kann ein Gebet sein, ein Gespräch über das Sterben oder eine Krankensalbung. „Manche wünschen sich das“, sagt Schneider und betont, dass niemand zu irgendetwas gedrängt werde. Das Difäm ist über das Diakonische Werk zwar mit der Evangelischen Kirche verbunden, aber das spielt für das Hospiz keine Rolle. „Wir haben auch schon Kontakt mit der Katholischen Klinikseelsorge aufgenommen“, sagt Schneider, „und holten neulich mal einen Imam, weil sich eine muslimische Frau das gewünscht hat.“

Schneider ist den Umgang mit anderen Religionen gewohnt. In Gambia sind 90 Prozent der Einwohner muslimisch, darauf musste sich Schneider, die immerhin für einen evangelischen Missionsdienst arbeitete, einstellen. Das gelang gut, sagt sie: „In Gambia bemüht man sich um ein respektvolles Miteinander.“ Was sie in Afrika aber auch lernte: „Was nicht so gut ankommt, ist, wenn man keine Position hat.“

Sie selbst ist überzeugte Christin, nennt den Glauben „ihr Rückgrat“. Gleichzeitig ist ihr sehr wichtig, andere Religionen und Meinungen zu akzeptieren: „Man muss es aushalten“, findet sie, „wenn jemand anders ist.“ Dass sie selbst eine „Mission“ hat, sei kein Widerspruch. Es bedeute nicht, dass sie andere missionieren will, sondern: „Echt zu sein, authentisch zu sein.“ Sie selbst strahlt das aus. Eine kluge Frau, die weiß, was sie will. Und die ihre Arbeit mit Freude macht. Bis heute hat sie ihre Entscheidung aus der elften Klasse nicht bereut.

Gisela Schneider Difäm-Direktorin

1958 geboren in Tübingen

1977 Abitur am Wildermuth-Gymnasium

1977 bis 1983 Medizinstudium und Promotion in Tübingen

1984 Tropenmedizinische Weiterbildung an der London School für Tropical Medicin

1984 bis 2004 Aufbau und Leitung einer Klinik in Gambia, verantwortliche Mitarbeit an verschiedenen Gesundheitsprogrammen

2005 bis 2007 Leiterin des Trainingsdepartments am Infectious Diseases Institute der Universität Kampala

seit März 2007 Direktorin des Deutschen Instituts für ärztliche Mission

Constanze Scholzgart Geschäftsführerin

1963 geboren

1984 Abitur

1981 bis 1985 Pflegehelferin

1994 bis 2016 Angestellte bei Transtec

2009/2010 nebenberufliche Ausbildung zur ehrenamtlichen Begleitung Sterbender und Schwerkranker

Seit 2011 im Vorstand der Tübinger Hospizdienste

Seit 2016 Angestellte des Tübinger Fördervereins für krebskranke Kinder

Seit 2017 Geschäftsführerin des Vereins Tübinger Hospizdienste.

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Erstellt:
15. Dezember 2018, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
15. Dezember 2018, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 15. Dezember 2018, 01:00 Uhr

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