Umweltprämie · „Das sind tolle Autos“

Wer einen Altdiesel verschrottet, kriegt bis zu 10000 Euro · Für Möck ist das schön und traurig

An die Zeit der staatlichen Abwrackprämie kann sich Benjamin Möck noch gut erinnern. „Das war verrückt und ein bisschen chaotisch damals“, meint der Juniorchef des Tübinger Autoverwerters Möck.

30.11.2017

Von Ulrich Janßen

Gerade mal 30000 Kilometer ist dieser B-Klasse Mercedes gelaufen. Jetzt wird er zerlegt und ausgeschlachtet. Bild: Metz

2500 Euro bot die Bundesregierung im Jahr 2009 allen, die ein mindestens neun Jahre altes Auto verschrotten ließen. Etwa 1,8 Millionen Autobesitzer machten davon Gebrauch und kauften einen Neuwagen. Bei Möck landeten auf diese Weise Hunderte alter Autos.

Wer damals mit staatlicher Unterstützung einen Diesel mit grüner Euro 4-Plakette kaufte, kann ihn heute gleich wieder zur Autoverwertung fahren – und eine stattliche Prämie kassieren. Nur zu gern erklärten sich nämlich die deutschen Autohersteller beim ersten „Dieselgipfel“ der Bundesregierung bereit, den Besitzern älterer Dieselfahrzeuge (das sind Diesel mit Euro 1 bis Euro 4-Abgasnorm) eine „Umweltprämie“ für den Kauf eines Neuwagens anzubieten. Die Prämie richtet sich nach dem Preis des neuen Modells. Wer sich den Kleinwagen „up!“ zulegt, bekommt 2000 Euro, für einen 262 PS starken SUV wie den VW Touareg V6 TDI, der (zumindest auf dem Prüfstand) die Euro 6-Abgasnorm erfüllt, gibt es stolze 10 000 Euro Rabatt.

Bis Jahresende läuft die Verkaufs-Aktion noch, die Folgen kann Benjamin Möck seit Wochen auf dem Firmenareal an der Reutlinger Straße besichtigen. Dort sieht es momentan aus wie auf dem Hof eines gutsortierten Gebrauchtwagenhändlers. Bis zu 15 Diesel-Fahrzeuge werden pro Tag bei Möcks abgegeben. „Da sind Audi A4 oder Tiguans von 2010 dabei, neulich hatten wir sogar einen sechs Jahre alten Opel Astra.“

Die meisten Fahrzeuge sind technisch und optisch einwandfrei. „Das sind tolle Autos, qualitativ hochwertig, ordentlich gepflegt und gewartet“, meint Möck. Selbst in Deutschland könne man solche Autos noch problemlos verkaufen. „Mit denen könnten Sie fünf Jahre pannenfrei herumfahren.“

Doch Fahren ist nicht erlaubt. Bedingung für die Prämie ist, dass ein anerkannter Autoverwerter die Verschrottung des Fahrzeugs auf roten, gelben und blauen Formularen mit Stempel und Unterschrift bestätigt. Dass ein komplett unversehrtes, gerade mal sieben Jahre altes Auto in die Presse muss, nur damit der Kunde ein Auto mit womöglich mehr PS und höherem CO2-Ausstoß kauft, leuchtet dem erfahrenen Autoverwerter nicht ein: „Da bin ich ratlos“, gibt er zu.

Dabei ist die Verschrottungsaktion für ein regionales Verwertungsunternehmen wie Möck wirtschaftlich durchaus vorteilhaft. „Bei den Autos kann man ja ganz viele Teile wiederverwenden.“ Leuchten, Batterien, Türen, komplette Front- oder Heckpartien landen bei Möck im Teile-Lager. Metalle und Kunststoffe werden maschinell getrennt und wieder verwertet. Insgesamt, sagt Möck, gelangen über 90 Prozent eines Autos wieder in den Produktionskreislauf.

Ökologisch sinnvoll wird die Tauschaktion durch dieses „Upcycling“ allerdings nicht. Auch bei der besten Aufbereitung kommen am Ende keine reinen Rohstoffe mehr heraus, sagt Odette Deuber, Geschäftsführerin der Tübinger Klimaschutzagentur Klimaktiv. Sie hält es für „irrwitzig“, dass sieben Jahre alte Autos verschrottet werden, um den Kauf von neuen SUVs zu befördern. „So wird Wohlstandsmüll produziert“, meint die Klimawissenschaftlerin, die mit ihrer Firma die Vor- und Nachteile von Umweltschutzmaßnahmen bewertet. Selbst wenn ein beträchtlicher Teil der Metalle zurückgewonnen werden kann, bleiben noch die riesigen Mengen an CO2 übrig, die bei der Autoproduktion freigesetzt werden. „Man hat eine Chance vertan, Abgase tatsächlich zu reduzieren“, sagt Deuber.

Bei Möck hat man sich auf den Andrang inzwischen eingestellt. „Wir haben das Personal aufgestockt“, sagt Benjamin Möck, „und beim Regierungspräsidium beantragt, dass wir mehr Autos zwischenlagern dürfen.“ Das sei umgehend bewilligt worden. Möck lobt auch die Kooperation mit den Autohäusern. „Neunzig Prozent der Autos bekommen wir direkt von den Händlern geliefert, mit Schlüssel und Papieren, das klappt prima.“

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Erstellt:
30. November 2017, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
30. November 2017, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 30. November 2017, 01:00 Uhr

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