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Tübingen

Wenn das Leben wieder einen Sinn ergibt

Nach dem Studium wurde Mariann krank. Sie war in Kliniken und Psychiatrien, versuchte, sich das Leben zu nehmen. Jetzt will sie endlich wieder normal leben. Die Tübinger Gesellschaft für Sozialpsychiatrie und Rehabilitation hilft ihr dabei.

27.12.2018

Von Lisa Maria Sporrer

Oft ist Leid auf den ersten Blick unsichtbar, sogar für Betroffene. „Ich wusste selber nicht, was mit mir los ist. Ich konnte nicht mal sagen, dass es mir nicht gut ging“, sagt Mariann, die eigentlich anders heißt. Zurückhaltend sitzt sie in ihrer Wohnung in Tübingen und spricht über ihre Gefühle, die ersten Anzeichen ihrer schweren Depression, die Panik, als sie nach dem Suizidversuch in der Psychiatrie wieder zu sich kam.

Wie fühlt sich Glück an, Trauer, Neid, Wut? Emotionen sind komplexe Verhaltensmuster und bisweilen brechen Gefühle mit einer Wucht herein, die wanken lässt, zornig macht, überglücklich und todtraurig. Worte dafür aber haben wir keine. Verliebtsein? Es gibt die Metapher von den Schmetterlingen im Bauch und für unangenehme Gefühle schöpfen wir aus einem Fundus negativer Bilder: ein Abgrund, ein Scherbenhaufen, ein Abstellgleis, Dunkelheit.

Wenn Menschen mit Depressionen ihre Gefühle beschreiben, ist oft die Rede von Nebel. Nichts macht mehr Spaß. Man steht einer Welt gegenüber, die nicht real wirkt. „Es war einfach alles wabbelig“, sagt Mariann, gebürtig aus Norddeutschland. Nach der Schule machte sie eine Ausbildung zur Krankenschwester, anschließend studierte sie in Tübingen Religionswissenschaft, Soziologie und Philosophie. Die Welt schien in Ordnung. Mariann hatte innovative Ideen, forschte über neuere religiöse Bewegungen, ein aktuelles Thema, hätte ohne weiteres nach dem Studium einen Job gefunden.

Aber schon während der Magisterarbeit kam ihr das eigene Verhalten komisch vor. Sie starrte stundenlang auf ihren Bildschirm, konnte nicht mehr klar denken, hatte das Gefühl sich nicht mehr bewegen zu können. Ihre Abschlussarbeit schrieb sie fertig, 2004 war das. „Danach hielt ich mich noch eine kurze Zeit über Wasser. Solange, bis ich mich nicht mehr halten konnte.“ Das Leben verlor für sie an Bedeutung. Essen und Waschen fielen ihr zunehmend schwerer, beim Einkaufen bekam sie Panikanfälle. Irgendwann gelang es ihr nicht mehr, aus dem Bett aufzustehen.

In Deutschland besteht nach Zahlen des Robert Koch-Instituts bei jedem zehnten Erwachsenen eine aktuelle depressive Symptomatik. Während rote Schleifen Solidarität mit HIV-Infizierten demonstrieren und sich Prominente vor einigen Jahren öffentlichkeitswirksam Eiswasser über den Kopf kippten, um auf eine seltene Muskelerkrankung aufmerksam zu machen, haben es psychische Erkrankungen noch nicht aus der gesellschaftlichen Tabu-Zone rausgeschafft. Viele depressiv Erkrankte werden von ihrer Umgebung nicht Ernst genommen. Kommentare wie „Reiß dich mal zusammen“, „Du musst einfach deinen Hintern hochkriegen“, oder „Stell dich nicht so an“ zeigen, wie schwierig es ist, sich in die Lage Depressiver hineinzuversetzen.

Auch Mariann hatte 2004 noch keine Ahnung, wie die Krankheit ihr Leben verändern würde. 34 Jahre alt war sie damals. „Irgendwann dachte ich, das kann ja nicht so weitergehen. Auch wegen den Kopfschmerzen.“ Ihr Hausarzt, den sie wegen der Migräne aufsuchte, überwies sie in die Psychosomatik am Universitätsklinikum Tübingen. Die Diagnose: schwere Depression.

„Ich konnte die Diagnose nicht annehmen. Das war mir völlig fremd. Da gab es plötzlich einen Überbegriff für die ganzen Gefühle, meine Stimmungen, mein Leben“, sagt Mariann. Erst als sie in den Gesprächskreisen in der Klinik von den anderen Patienten hörte, dass es ihnen ähnlich geht, dass sie ähnlich empfinden, fühlte sich Mariann nicht mehr alleine. „Ich dachte: das kenne ich doch. Und wenn sie auch eine Depression haben und ich habe die gleichen Probleme, dann ist es wirklich eine Depression.“

Immer wieder huscht der 48-Jährigen ein Lächeln über die Lippen. Es gab Lichtblicke in den vergangenen 14 Jahren, sagt sie und erzählt von ihrem Freund, den sie bei einem Krankenhausaufenthalt kennengelernt hat. Und es gibt einen Rettungsanker. Täglich haben Sabine Munz-Wulfrath und abwechselnd eine weitere Kollegin des Ambulant-Betreuten Wohnens, Kontakte mit Mariann und besuchen Sie in Ihrer 1-Zimmer-Wohnung oder treffen sich mit ihr an anderen Orten.

Munz-Wulfrath ist nicht nur die Bereichsleiterin des Ambulant-Betreuten Wohnens der Tübinger Gesellschaft für Sozialpsychiatrie und Rehabilitation, sie ist auch eine von Marianns sozialer Betreuerin. Mariann in das Wohnprogramm aufzunehmen war heikel, sagt Munz-Wulfrath. Denn Mariann hat zwei Suizidversuche hinter sich. Bei ihrem ersten Klinikaufenthalt wurde bei ihr eine posttraumatische Belastungsstörung festgestellt. Sie konnte nicht mehr arbeiten, nichts mehr aufnehmen. Der 1-Euro-Job, den sie vom Jobcenter vermittelt bekam, überforderte sie. Sie machte eine Reha. Die Ärzte dort bescheinigten ihr, nicht mehr arbeiten zu können. Seit 2009 bekommt Mariann eine Arbeitsunfähigkeitsrente. „Ich hatte keine Arbeit, verbrachte viel Zeit in Kliniken, in Psychiatrien. Ich wollte dem ein Ende bereiten.“ Sie schluckte eine Überdosis Tabletten. Dann wachte sie in der Psychiatrie wieder auf. „Das war so schrecklich: zu wissen, es ist schief gegangen.“

Suizidgefährdete Menschen gehören eigentlich in den sogenannten geschützen Bereich, eine geschlossene Station. „Wir konnten aber von Anfang an offen mit dem Thema Suizid umgehen“, sagt Munz-Wulfrath, die Mariann in Vorgesprächen kennengelernt hat. „Den Knoten, gar nicht mehr leben zu wollen, können wir immer wieder lockern. Wir reden, dann bleibt Zeit zum durchatmen und schließlich geht es weiter.“

Eine Alternative zum Betreuten Wohnen hätte es ohnehin nicht gegeben. „Ich hätte es alleine probieren müssen“, sagt Mariann. Anfangs, vor anderthalb Jahren, kamen die beiden sozialen Betreuerinnen täglich Kontakt zu Mariann. Mittlerweile reicht es, wenn sie einmal die Woche kommen und ansonsten mit ihr telefonieren. Mariann ist wieder zuversichtlicher geworden, selbständiger. Und vorallem: deutlich weniger suizidal. Sie ist sehr zurückhaltend, wenn sie über Gefühle redet. Ihr Leben bestand die vergangenen Jahre schließlich aus einem Klima aus Angst und Scham.

Morgens kommt sie noch immer schwer aus dem Bett und auch das Einkaufen alleine bereitet ihr noch Probleme. Aber sie hat wieder eine Pespektive: eine Promotion. Einen Doktorvater hat sie auch schon gefunden. Das Thema ist innovativ und es macht ihr Spaß.

Sie kennt nun auch wieder Glücksmomente: „Es ist einfach nur schön, hier in meiner Wohnung mit meinem Freund zu sitzen und einen Kaffee zu trinken.“ Munz-Wulfrath habe ihr entscheidend geholfen. Ohne Unterstützung wäre es nicht gegangen, sagt sie. „Ein Wochenende alleine zu sein reicht mir schon aus. Einen ganzen Monat alleine zu sein, keine Unterstützung zu haben, könnte ich mir nicht vorstellen.“

Weihnachtsspendenaktion: Projekt „Renovierung“

Die Tübinger Gesellschaft für Sozialpsychiatrie und Rehabilitation hilft Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen wie Psychosen, Schizophrenien oder Depressionen dabei, wieder in den Alltag und einen Beruf zurückzufinden. Jetzt möchte die Gesellschaft eine Wohnung renovieren, die ihr vor vier Jahren geschenkt wurde, um dort Menschen mit psychischen Erkrankungen zu ermöglichen, im Leben wieder Fuß zu fassen. Ambulante Betreuer helfen den Klienten, unterstützen sie beim Aufbau einer Tagesstruktur, sind Ansprechpartner in Krisensituationen. Die 3-Zimmer-Wohnung am Rande der Altstadt ist im Lauf der Jahrzehnte sehr heruntergekommen. „Wir haben immer fleißig geputzt, aber jetzt ist einfach alles marode“, sagt Sabine Munz-Wulfrath, die den Bereich „Ambulant-Betreutes Wohnen“ leitet. 45000 Euro braucht die Gesellschaft, um die Böden zu erneuern und die Elektro- und Sanitärinstallation wieder instandzusetzen.

Spenden können Sie auf das TAGBLATT-Konto bei der Kreissparkasse Tübingen (IBAN: DE94 6415 0020 0000 1711 11). Bitte notieren Sie Ihre vollständige Adresse, wenn Sie eine Spendenquittung benötigen. Vermerken können Sie auch, wenn Sie nicht erwähnt werden oder ein bestimmtes Projekt unterstützen wollen. „Hospiz“ ist in diesem Jahr Projekt 1, die „Renovierung“ Projekt 2.

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Erstellt:
27. Dezember 2018, 01:30 Uhr
Aktualisiert:
27. Dezember 2018, 01:30 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. Dezember 2018, 01:30 Uhr

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