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Stuttgart/Tübingen · Messe CMT

Wenn Hölderlin auf Knopfdruck spricht

Tübingen wirbt im Jubiläumsjahr mit dem berühmten Turmbewohner. Ein Trend kommt den Tourismus-Verantwortlichen spanisch vor.

14.01.2020

Von Thomas de Marco

Mundartdichter Wilhelm König (rechts) lässt sich von Sebastian Blau auf der CMT das Hölderlin-Soundboard erklären.Bilder: Thomas de Marco

In Halle 6 trifft der moderne Mundartdichter Wilhelm König auf das vor 250 Jahren geborene Lyrikgenie Friedrich Hölderlin, das von 1807 bis 1843 in Tübingen gelebt hat: Auf der Tourismusmesse CMT in Stuttgart besucht König den Städteperlen-Stand C 8, den sich Tübingen mit Reutlingen und Metzingen teilt. Vor ihm steht das Soundboard, mit dem per Knopfdruck kurze Zitate von Friedrich Hölderlin abgerufen und vom Hörer in einer individuellen Sequenz angeordnet werden können.

„Doch weh’ mir“ oder „der Güter gefährlichstes“ erklingt da, gesprochen von Stimmen in verschiedenen Stimmungen und Rhythmen. „Ich finde das gut“, sagt König, der 1935 in Tübingen geboren wurde und in Dettingen/Erms lebt. Er veranstaltet seit 1976 jährlich die Mundartwochen in Reutlingen und hat die Mundartgesellschaft Württemberg gegründet. „Ich verehre Hölderlin und bin schon froh, dass er heute überhaupt noch zitiert wird.“

Sebastian Blau, Mitarbeiter bei der Tübinger Wirtschaftsförderung, erklärt König das Soundboard, das 36 Zitatschnipsel gespeichert hat. Mehrere ähnliche Apparate stehen demnächst im neu konzipierten Hölderlin-Museum, das am 15. Februar wiedereröffnet wird. „Mit moderner Technik sollen junge Leute angesprochen und für Hölderlin interessiert werden“, betont Gabriele Eberle, die Geschäftsführerin des Tübinger Bürger- und Verkehrsvereins. Spielerisch, so das Museumskonzept, werde an die schwierige Lyrik und Metrik des Meisters herangeführt, sagt Blau.

Tübingen setzt diesmal bei der CMT voll auf Hölderlin: „Wer nicht zweifelt, wird nicht überzeugt“ – dieses Dichterwort aus seinem Roman „Hyperion“ hat es auf einen Bierdeckel geschafft. Bei einem Gewinnspiel lassen sich einzelne Buchstaben-Klötze zum Zitat zusammenfügen. Die Beschäftigung mit dem Soundboard leidet allerdings stark unter der Nähe der Bühne des Südwestrundfunks, auf der laute Musik ertönt. Da hilft es auch wenig, dass am Samstag dort Teile des Hölderlin-Musicals aus Lauffen aufgeführt werden.

Trotzdem stellt auch der Reutlinger CDU-Bundestagsabgeordnete Michael Donth am Städteperlen-Stand seine Hölderlin-Sequenz zusammen. „Mir gefällt das Soundboard, aber zur Veröffentlichung taugt meine Zitatensammlung sicher nicht“, sagt er scherzend. Generell hält sich das Interesse am Soundboard freilich in Grenzen.

Tübingen wäre aber nicht Tübingen, wenn nicht schon vor Eröffnung der CMT in diversen Leserbriefen im TAGBLATT Kritik am Hölderlin-Konzept der Stadt laut geworden wäre. Immerhin bleibt solchen Puristen in Stuttgart erspart, dass ein Darsteller in Kleidung aus Hölderlins Zeit dessen Gedichte am Tübinger Stand rezitiert. So einer schaut kurz mal vom Nürtinger Stand vorbei, dort haben sie ein Dichter-Double in ein zeitgenössisches Wams gesteckt. Schließlich hat Hölderlin in Nürtingen seine Jugend verbracht.

Nur vom Hörensagen kennt Ute Überschär aus Leinfeld-Echterdingen den Dichter. Sie besucht den Stand, weil sie diese Woche ohnehin nach Tübingen kommt und Zeit hat, sich ein bisschen umzuschauen. „Ich kenne die Stadt nicht wirklich. Deshalb ist der Stand auf der CMT für mich auf jeden Fall hilfreich“, sagt sie.

„Es ist wunderbar wie immer, zu uns kommen sehr viele interessierte Besucherinnen und Besucher an den Stand“, freut sich Laura Beck vom Bürger- und Verkehrsverein, die auch Stadtführungen anbietet. Sie müsse schon auch Detailfragen beantworten. „Man merkt, dass sich viele bereits auskennen“, sagt Beck.

Verkehrsvereins-Geschäftsführerin Eberle registriert häufig ehemalige Tübingerinnen und Tübinger. „Die wollen wissen, was sich alles in der Stadt getan hat und ob es beispielsweise die Weinstube Mayerhöfle noch gibt.“ Und sind diese Ehemaligen denn auch zu einem Wiedersehen in Tübingen zu bewegen? „Ich hoffe! Ich habe ihnen jedenfalls viel Material in die Hand gedrückt“, sagt Eberle.

Eine ganz interessante Entwicklung hat Stadtführerin Beck in den vergangenen Jahren gemacht: „Es kommen immer mehr Touristen aus Spanien. Die haben Tübingen seit zwei, drei Jahren ganz stark für sich entdeckt.“

36 kurze Hölderlin-Zitate erklingen auf per Knopfdruck mit dem Hölderlin-Soundboard.

Festliche Eröffnung des Hölderlinturms am 15. Februar

Der Hölderlinturm, in dem der Dichter 1807 bis 1843 gelebt hat, wird am 15. Februar mit geladenen Gästen wiedereröffnet. Diese Feier wird für Interessierte live in den Ratssaal im Rathaus übertragen. Einen Tag später ist das neu konzipierte Museum für alle Besucherinnen und Besucher bei freiem Eintritt geöffnet. Die Umbauarbeiten hatten im Frühjahr 2017 begonnen, das Budget beträgt rund 2,23 Millionen Euro. Die Museumskonzeption setzt nun auf interaktive Angebote für Gäste. So ist ein Sprachlabor eingerichtet worden mit fünf Arbeitsplätzen, an denen unter anderem jeweils eines der Soundboards benutzt werden kann. „Wir erhoffen uns vom neuen Museum eine deutliche Steigerung der Besucherzahlen“, sagt Florian Mittelhammer vom Kulturamt der Stadt Tübingen. Vor dem Umbau waren im Jahr 2016, als noch Eintrittsgeld verlangt wurde, 3650 Besucherinnen und Besucher sowie rund 4000 Gäste bei Veranstaltungen im Hölderlinturm gezählt worden.

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Erstellt:
14. Januar 2020, 01:30 Uhr
Aktualisiert:
14. Januar 2020, 01:30 Uhr
zuletzt aktualisiert: 14. Januar 2020, 01:30 Uhr

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