Entsorgung

Warum nun sogar Gelbe Säcke knapp werden

Die Lager in einigen Kommunen sind leer, Nachschub kommt nur verzögert. So können Verbraucher reagieren.

25.11.2021

Von Caroline Strang

Der Inhalt soll recycelt werden, doch für die Säcke selbst fehlen die Rohstoffe. Foto: David Ebener/dpa

Stuttgart. Normalerweise strengstens verboten: Wer statt eines Gelben Sackes nur eine durchsichtige Mülltüte mit Kunststoffabfällen zur Abholung auf den Gehsteig stellt, riskiert, dass die Entsorgungsfirma sie ignoriert und einfach liegen lässt. Denn Gelbe Säcke werden eigens dafür produziert, dass in ihnen Kunststoffe entsorgt werden, offiziell werden nur sie akzeptiert und abgeholt. Sie sind besonders dünn und durchsichtig, dass schon auf einen Blick gesehen werden kann, ob Fremdstoffe darin sind.

Nun befinden wir uns ja derzeit nicht in normalen Zeiten. Weil Rohstoffknappheit inzwischen auch die Produktion von Gelben Säcken betrifft und zu wenige produziert und geliefert werden, gelten in einigen Regionen Deutschlands schon neue Regeln. So darf man in der 80 000-Einwohner-Stadt Neumünster in Schleswig-Holstein inzwischen auch einfache Plastiktüten rausstellen, ganz offiziell, wie das Landratsamt auf seiner Homepage verkündet. Denn: „Die Lieferung der gelben Säcke ist nicht möglich, da es den Herstellern derzeit an Kunststoffgranulat zur Herstellung der Säcke fehlt. Dies gilt für Lieferungen aus Europa und Lieferungen aus China zeichnen sich derzeit auch nicht ab.“ Vor März 2022 sei nicht mit Nachschub zu rechnen.

Ähnliche Meldungen gibt es auch aus anderen Regionen wie dem bayerischen Landkreis Freising. Bernhard Schodrowski ist Pressesprecher des Bundesverbands der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft (BDE). Er bestätigt: „Die Säcke werden in einzelnen Regionen über ganz Deutschland verteilt knapp, aber nicht bundesweit.“ Es gebe rund 400 Vertragsbezirke für die Entsorgung von Verpackungsabfällen, die Hälfte davon nutze den Gelben Sack, die andere die Gelbe Tonne. In manchen Regionen seien die Vorräte gerade aufgebraucht, selbst wenn die Entsorgungsunternehmen schon vor Monaten rechtzeitig bestellt haben. „Manche haben einfach keine Lieferung bekommen“, sagt Schodrowski. Andere wiederum hätten noch genügend Vorräte.

Fragt man bei der Remondis SE & Co. KG nach, dem größte deutschen Unternehmen für Recycling, so ist dort ebenfalls von Problemen die Rede. „Auch wir bei Remondis haben die Engpässe bei gelben Säcken teilweise zu spüren bekommen“, bestätigt eine Sprecherin, zum Beispiel in Zweibrücken sowie im Umland von Hannover. Sie erklärt auch warum: „Die Lieferschwierigkeiten kommen zustande, weil Sackhersteller international Probleme mit der Versorgung von Rohstoffen für die Produktion von Feinfolien melden – es ist also der Rohstoffknappheit zuzuschreiben.“

Schodrowski kann diese Einschätzung bestätigen. „Die Produktion von Gelben Säcken ist mancherorts ins Stocken gekommen“, sagt auch er. Die dafür benötigten Kunststoffe seien knapp, das verzögere die Produktion. „Die Tüten kommen teilweise auch aus Asien, dort gab es zeitweise Probleme in den Produktionsabläufen – zum Beispiel durch Stromsperren.“  Hersteller von dort meldeten nun, dass sie nicht in gewohntem Umfang liefern könnten oder sich die Lieferung verzögere.

Es gebe keinen Notstand, die Situation sei keine Katastrophe, sagt der BDE-Sprecher. „Aber man muss reagieren und es im Auge behalten. Denn die getrennte Sammlung sei essenziell wichtig für die Kreislaufwirtschaft. „Gelbe Säcke sind ein Arbeitsmittel, die Voraussetzung für eine vernünftige Getrennt-Sammlung.“ Auf diese habe auch jede Kundin und jeder Kunde ein Recht, denn mit jedem Kauf von Verpackungen bezahle er für die Entsorgung mit.

Wie lange das Problem andauern wird, ist unklar. Manche Experten gehen davon aus, dass sich die Situation erst im nächsten Frühjahr entspannt. Einige Unternehmen schaffen in der Zwischenzeit intern einen Ausgleich. Wie Remondis, das mit Umschichtungen reagiert. „Den Engpässen konnten wir zum Teil entgegenwirken, indem wir auf Lagerbestände aus anderen Gebieten zurückgegriffen haben“, sagt die Remondis-Sprecherin. Mittlerweile sei auch Nachschub eingetroffen.

Die Krise könnte aber auch längerfristige Auswirkungen haben. „Grundsätzlich lässt sich sagen, dass der Engpass bei Gelben Säcken symbolisch für die Rohstoffknappheit steht, die wir in den vergangenen Monaten auch in vielen anderen Stoffgruppen erlebt haben“, erklärt jedenfalls die Remondis-Sprecherin. „Umso wichtiger ist es, auf Recycling zu setzen und Rohstoffe im Kreis zu führen, um nicht von Rohstoffimporten und funktionierenden Lieferketten abhängig zu sein.“ Schodrowski nimmt auch die Verbraucher in die Pflicht und mahnt: „Gelbe Säcke sollten sachgerecht eingesetzt werden, nicht zur Pfandflaschensammlung oder zur Abdeckung eines Fahrradsattels gegen Regen.“

Preissprünge bei Kunststoffen

Die Hersteller von Kunststoffprodukten schlagen angesichts der anhaltenden Rohstoffverknappung Alarm: Ausbleibende Kunststofflieferungen haben bereits zu Einschränkungen der Produktions- und Lieferfähigkeit geführt. Seit Monaten setzen teilweise drastische Preissprünge bei Kunststoffen die überwiegend mitteständischen Kunststoff-Verarbeiter noch mehr unter Druck. Betroffen sind alle Bereiche der Kunststoff verarbeitenden Industrie, sowie alle Kunststofftypen angefangen von den Standard-Kunststoffen wie PP, PE und PVC, über die Technischen Kunststoffe wie ABS, PC und PA bis hin zu den Hochleistungskunststoffen wie PVDF und PTFE, wie der Gesamtverband Kunststoffverarbeitende Industrie erklärt.

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Erstellt:
25. November 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
25. November 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 25. November 2021, 06:00 Uhr

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