Tübingen·Wissenschaft

Warum Vielfraße länger leben

Wie kam es zum Aussterben der Stegodonten? Tübinger Forscher untersuchten am Senckenberg-Zentrum die Speisepläne von Elefanten und ihren Verwandten.

07.05.2019

Von ST

Wegen seines Speiseplans war der asiatische Elefant (links) dem Stegodon mit seinen langen Stoßzähnen überlegen: Er lebt bis heute, sein Verwandter starb vor 10000 bis 12000 Jahren aus.Abbildung: Nicola Heath

Wissenschaftler vom Tübinger Senckenberg-Zentrum haben mit chinesischen Kolleginnen und Kollegen die Ernährungsgewohnheiten des Asiatischen Elefanten und dessen ausgestorbenem Verwandten, dem Stegodon untersucht. Dafür nahmen sie einen Zeitraum im sogenannten Pleistozän vor rund 700000 Jahren in den Blick.

Eine zentrale Frage dabei: Warum starb das Stegodon mit seinen langen Stoßzähnen vor etwa 10000 bis 12000 Jahren aus, während die Asiatischen Elefanten bis heute überlebten? Die Wissenschaftler kamen zu dem Schluss, dass sich die Asiatischen Elefanten vielfältiger ernährten und sich dadurch einen Vorteil verschafften. Die Studie mit Tübinger Beteiligung erschien vor wenigen Wochen im Fachjournal „Quaternary Science Reviews“.

Überraschende Koexistenz

Das untersuchte Stegodon orientalis gehört zur Familie der Rüsseltiere und war – trotz seines relativ langen, niedrigen Körperbaus – ein sehr naher Verwandter des heutigen Asiatischen Elefanten, Elephas maximus. „Zur Zeit des Pleistozäns, vor etwa 700000 Jahren, lebten in Südostasien Stegodon- und Elefantenherden in überraschender Koexistenz“, erklärt Prof. Hervé Bocherens vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Uni Tübingen. „Doch nur der Asiatische Elefant hat bis in die heutige Zeit überlebt – wir sind nun den Gründen hierfür nachgegangen.“

Dafür untersuchte der Wissenschaftler gemeinsam mit seinen chinesischen Kollegen fossile, etwa 80000 Jahre alte Zähne der beiden Rüsselträger aus der südchinesischen Höhle Quzai. „Wir konnten anhand von Kohlen- und Sauerstoff-Isotopie im Zahnschmelz der Tiere zeigen, dass sich die Asiatischen Elefanten flexibler ernährten, als Stegodonten“, ergänzt Jiao Ma, Erstautorin der Studie von der Chinese Academy of Sciences in einer Pressemitteilung.

So genannte C4-Pflanzen, darunter etwa krautige Gewächse in der Savanne, hinterlassen in Überresten der Pflanzenfresser eine andere chemische Signatur, als Gehölz- oder C3-Pflanzen aus bewaldeten Gebieten. Diese über Jahrmillionen erhaltenen Signale, die auch nach dem Tod der Tiere lange messbar bleiben, zeigen: Stegodon bevorzugte die Nahrungsaufnahme in dichten Wäldern, während die Asiatischen Elefanten sich sowohl in der Savanne als auch in den bewaldeten Gebieten ernähren konnten.

„Diese unterschiedliche Ernährungsmethode könnte sowohl eine Erklärung für die parallele Existenz der beiden Rüsseltiere im Pleistozän als auch einer der Gründe für das Aussterben von Stegodon sein“, sagt Bocherens. Während ihres gemeinsamen Auftretens besetzten die Tiere unterschiedliche Nischen, und der Konkurrenzdruck war nicht so hoch.“ Der Asiatische Elefant konnte sich, so Bocherens weiter, aufgrund seiner flexiblen Ernährung besser auf veränderte Umweltbedingungen einstellen: „Dies war dann wahrscheinlich der ausschlaggebende Faktor für sein Überleben.“

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Erstellt:
7. Mai 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
7. Mai 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 7. Mai 2019, 01:00 Uhr

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