Tübingen · Nachruf

Vorausschauende Persönlichkeit

Zum Tode des Informatikers Prof. Wolfgang Rosenstiel.

02.09.2020

Von Prof. Oliver Bringmann, Prof. Hendrik Lensch

Starb an Krebs: Prof. Wolfgang Rosenstiel. Bild: Universität Tübingen

Wolfgang Rosenstiel war zuletzt Lehrstuhlinhaber für Technische Informatik und Dekan der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Tübingen. In diesen und vielen weiteren Funktionen hat er sich bis kurz vor seinem Tod mit bewundernswertem Elan für die Fakultät und den Fachbereich Informatik eingesetzt. Mit Wolfgang Rosenstiel verlieren wir einen überaus geschätzten Kollegen, einen herausragenden Wissenschaftler wie Lehrer und eine vorausschauende und hochengagierte Führungspersönlichkeit.

Geboren und aufgewachsen in Geisingen, studierte Wolfgang Rosenstiel Informatik an der TH Karlsruhe (heute KIT) und wurde dort 1984 promoviert. Seine Dissertation zum Thema „Synthese des Datenflusses digitaler Schaltungen aus formalen Funktionsbeschreibungen“ verfasste er bei Prof. Detlef Schmid. Nach einer Zeit als Postdoktorand an der TH Karlsruhe (1984-1986) und als Abteilungsleiter der Forschungsgruppe „Automation of Circuit Design“ am FZI Forschungszentrum Informatik (1986-1990) wurde Wolfgang Rosenstiel 1990 auf den Lehrstuhl für Technische Informatik an der Universität Tübingen berufen. Daneben wurde er 1990 in das Direktorium des FZI aufgenommen und erfüllte diese Aufgabe bis zuletzt.

Als Forscher war er international sehr hoch angesehen, die deutsche Forschungslandschaft in der Mikroelektronik wurde von ihm wesentlich mitgestaltet. So war Prof. Rosenstiel weltweit einer der Pioniere im rechnergestützten Schaltungsentwurf aus algorithmischen Verhaltensbeschreibungen. Bereits seit den frühen 1990er Jahren hat Prof. Rosenstiel sich sehr vorausschauend mit dem optimierten Einsatz von maschinellen Lernverfahren beschäftigt und früh die Bedeutung des Maschinellen Lernens für intelligente Prothesensteuerungen und Brain Computer Interfaces erkannt. Insbesondere hat Rosenstiel mit seiner interdisziplinären Forschung zu invasiven und nicht-invasiven Brain Computer Interfaces (BCI) international für Aufsehen gesorgt und konnte 2009 den ERC Advanced Grant zu diesem Thema einwerben.

Seine außerordentliche, international anerkannte wissenschaftliche Expertise führte zu einer beeindruckenden Anzahl von akademischen Ehren und Aufgaben. In der Lehre hat er unter anderem die Schwerpunkte Technische Informatik, Rechnerarchitektur, Entwurf und Synthese mikroelektronischer Systeme, Neuronale Netze in technischen Anwendungen, Multimediatechnik vertreten.

Als einer von sieben Professoren hat er die Informatik in Tübingen von Anfang an mitgestaltet. Wolfgang Rosenstiel hat seitdem viele unterschiedliche Leitungsaufgaben übernommen und diese in bewundernswerter Weise mit Professionalität, Engagement und Weitblick ausgefüllt. Er war Prodekan und später Dekan der Fakultät für Informatik, die bis 2002 bestand, und wurde anschließend geschäftsführender Direktor des Wilhelm-Schickard-Instituts.

Als erster hauptamtlicher Dekan der 2010 neu gegründeten Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät hat er es verstanden, in kürzester Zeit eine schlagkräftige Dekanatsverwaltung aufzubauen und wichtige strategische Weichenstellungen zu initiieren. In seiner Amtszeit konnten mit „Kontrolle von Mikroorganismen zur Bekämpfung von Infektionen (CMFI)“ und „Maschinelles Lernen in den Wissenschaften“ gleich zwei Exzellenzcluster etabliert werden.

Auch für die Gründung des Cyber Valley in Stuttgart und Tübingen hat Wolfgang Rosenstiel sich stark gemacht, so dass der Fachbereich Informatik zusammen mit dem MPI für Intelligente Systeme und der Universität Stuttgart inzwischen zu den weltweit führenden Forschungsstandorten im Bereich Maschinelles Lernen zählt.

Rosenstiel war sportlich sehr aktiv und ein begeisterter Skifahrer, Tennisspieler und Tänzer. Bereits in den späten 1980er Jahren hat er das Skiseminar ins Leben gerufen, um die Gruppen der Universität und des FZI inhaltlich näher zusammenzubringen. In einer lustigen Laune sagte er einmal, „so wie man Ski fährt, so arbeitet man, also wer schnell Ski fährt, arbeitet schnell“. Dieser Idee folgte er auch selbst und ließ es sich nicht nehmen, nach einer rasanten Abfahrt immer als erster in den Lift einzusteigen. Auch außerhalb der Universität hat Wolfgang Rosenstiel unter anderem als Vorstand der Museumsgesellschaft Tübingen immer wieder Verantwortung übernommen.

Auf dem Museumsball ließ er sich im Rahmen einer Rock-‘n‘-Roll-Show durch die Luft wirbeln. Gerne ging er auch in die Oper und organisierte über viele Jahre kulturelle Veranstaltungen in Tübingen.

Info Das TAGBLATT hatte bereits am 21. August einen Nachruf auf Prof. Rosenstiel veröffentlicht, damals hatte die Fakultät ihren eigenen Text angekündigt, um welchen es sich hierbei handelt.

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Erstellt:
2. September 2020, 20:00 Uhr
Aktualisiert:
2. September 2020, 20:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 2. September 2020, 20:00 Uhr

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