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Hartmut Gründler: „Ich falle in diesem Streit“

Vor 40 Jahren verbrannte sich der Tübinger Atomkraftgegner Hartmut Gründler in Hamburg

Als der Omnibus die Hamburger Hauptkirche St. Petri passierte, sah Klaus-Dieter Kalweit ihn. Den brennenden Mann vor dem Kirchenportal, die lodernde menschliche Fackel. Kalweit ließ sofort den Bus stoppen und versuchte vergeblich, die Flammen mit dem Mantel zu ersticken. Erst der Polizei gelang das mit einem Handfeuerlöscher. 70 Prozent der Haut waren verbrannt, als der Schwerstverletzte abtransportiert wurde. Er starb fünf Tage später in der Klinik.

16.11.2017
  • Wilhelm Triebold

Wer war dieser Mann, der sich am Buß- und Bettag vor 40 Jahren mit Benzin übergoss und anzündete? Hartmut Gründler war von Tübingen aus nach Hamburg aufgebrochen, um den dortigen SPD-Bundesparteitag mit seinem Protest zu begleiten. Gründler war kompromissloser Atomgegner, der bereits mit Hungerstreikaktionen und Ankettungen seinen Protest in rigide Formen gekleidet hatte. Nun schien er an einem Endpunkt angekommen.

Man kann in ihm, mit der zwangsläufigen historischen Distanz, entweder einen gnadenlos geradlinigen oder aber einen bis zum Unausweichlichen verbohrten Charakter erkennen – je nachdem. Einen, dem der Opfertod schließlich als eine logische Konsequenz erschien.

Gründler hatte sich zunehmend verzweifelnd abgearbeitet an der recht atomfreundlichen Politik unter dem SPD-Kanzler Helmut Schmidt, der seinerseits gerade – im Fall Schleyer – Standfestigkeit bis zur Selbstverleugnung bewiesen hatte. Überhaupt wirkte Deutschland damals vom RAF-Terror und dessen gleichfalls todesverachtender Abwehr wie paralysiert.

Und dann kam dieser Einzelkämpfer – der einige Verbündete, aber noch weniger Vertraute hatte – und mahnte: Hier stehe ich und kann nicht anders, wenn ihr’s nicht anders wollt. Gründler, der den Kanzler und die zuständigen Minister Hans Matthöfer und Werner Maihofer mit wortmächtigen Anklage-Schriften eindeckte, deutete für sich drei Möglichkeiten an, falls er den Nuklearwahn nicht stoppen könne. Entweder würde er wieder Lehrer sein, wie früher bereits. Oder aber weiter folgenlos hungerstreiken. Oder aber, wie er schrieb: „Ich wähle die letzte und äußerste Form des Protestes und nutze (...) die Sandburg zu einem Feuerzeichen.“ Da hatte er sich offenbar bereits, ganz für sich, entschieden. Für die dritte, endgültige Möglichkeit. Um dem Kanzler ein weiteres und letztes Mal zu schreiben: „Ja, wir streiten. Wir streiten um Worte. Ich falle in diesem Streit.“

Zuvor setzte er neben Bundesforschungsminister Matthöfer auch Schmidt als Erben ein. Und verfügte, Helmut Schmidts Bekenntnisbuch „Als Christ in politischer Entscheidung“ auf seinen, Gründlers Sarg zu nageln. Keine Thesen also an Kirchentore. Keine Kreuzigungs-Nägel. Aber eine letzte mahnende Geste per verkohltem Taschenbuch-Exemplar, wohl auch exemplarisch zur Beschämung. Natürlich schlugen die eingesetzten Herrschaften das Tübinger Erbe aus. Der Nachlass lagerte dann größtenteils bei einem Mitstreiter im „Arbeitskreis Lebensschutz“, bei dem inzwischen verstorbenen Grünen-Mitbegründer Wilfried Hüfler aus Reutlingen-Mittelstadt. Der hielt gemeinsam mit weiteren Gründler-Weggefährten das Gedächtnis an Gründler hoch. Nachdem direkt nach dem Selbstmord die Presse eher zurückhaltend auf Gründlers Tat reagiert hatte, wurde es mittlerweile des öfteren wieder medial aufgegriffen. So vor sechs Jahren, als FAZ-Redakteur Edo Reents in Gründler – nicht nur, aber auch– eine Kleist- oder Kohlhaas-Figur entdeckte.

Hüfler begann bald darauf, Gründlers Porträt ikonenhaft an seinem Rollator durch die Anti-Stuttgart21-Kundgebungen zu schieben. Reents hatte nach einem Besuch bei ihm notiert: „Er arbeitet jetzt an einer Biografie über Gründler. Ein Satz könnte lauten: Die Wahrheit ist, dass ihm auf Erden nicht geholfen wurde.“

Die Romanbiografie verfasste ein anderer, der Autor Nikol Ljubic, der sie neulich erst in Tübingen vorstellte. Oberbürgermeister Boris Palmer, dessen Vater Gründler gekannt hatte, meldete sich anlässlich der Gedenkveranstaltung vor fünf Jahren im Lilli-Zapf-Saal als Schirmherr zu Wort. Zu Gründlers bleibendem Erbe zählte er dabei „die Aufmerksamkeit, in der noch heute Texte von Lobbyisten allerorts sprachlich kritisch durchleuchtet werden. Gründler brachte vielen Menschen die Erkenntnis, was mit schönen Worten erreicht und verschleiert werden kann. Weshalb beispielsweise die Atomkraft zur Kernenergie umfirmiert wurde. Ziel war, dass man nicht an die Atombombe denken sollte, sondern an kerngesund, kernig, Haselnusskerne, klärte Gründler auf. Noch heute wird diese Schönfärberei betrieben.“

Immerhin, der Einstieg in den Ausstieg aus der Atomkraft oder der Kernenergie, whatever, hat inzwischen begonnen. Und unabhängig davon, ob Gründlers Tat nun mehr Fanal oder doch nur fanatischer Verzweiflungsakt gewesen sein dürfte: Tübingen täte gut daran, beim Rennen um die nächsten freiwerdenden Straßenbenennungen auch diesen Vorkämpfer für eine atomfreie Welt zu berücksichtigen. Es muss ja keine Sackgasse sein wie bei Ernst Bloch und bei Hans Sahl.

Erinnerungen des Mitstreiters Wolfgang Wettlaufer

Einen Überblick zu dem Geschehen vor 40 Jahren, das im „Feuerzeichen“ des Tübinger Umweltschützers Hartmut Gründler beim SPD-Parteitag kulminierte, wird heute ab 14.30 Uhr Wolfgang Wettlaufer geben, der in Gründlers „Arbeitskreis Lebensschutz“ mitgearbeitet hatte. Sein Vortrag im Gemeindehaus der Eberhardskirche in der Eugenstraße (Untergeschoss) soll über Gründlers umfangreiches Schrifttum sowie über die Mittel gewaltfreier Aktion informieren, die er als Bewunderer Mahatma Gandhis in seinem Kampf um „Wahrheit in die Energiepolitik“ einsetzte. Zentral und vorbildhaft stand für Gründler das von Gandhi benutzte Sanskrit-Wort „Satyagraha“, welches „Kampf um Wahrheit“ bedeutete, auch für die Streitkultur innerhalb der Umwelt- und Friedensbewegung. Einige weitere Zeitzeugen werden ebenfalls Erinnerungen beisteuern.

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16.11.2017, 01:00 Uhr
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