Tübingen · Wissenschaft

Woran die Vorfahren der Orang Utans ausstarben und was das für die Gegenwart bedeutet

Ohne große, zusammenhängende Regenwaldflächen waren die Vorfahren der heutigen Orang Utans dem Tod geweiht, wie Tübinger Wissenschaftler herausfanden.

25.08.2022

Von ST

Eine Studie von Tübinger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zum Lebensraum der Vorfahren von Orang Utans unterstreicht die Abhängigkeit heutiger Menschenaffen von intakten Regenwäldern. Bild: SUAQ Orangutan Project

Eine Studie von Tübinger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zum Lebensraum der Vorfahren von Orang Utans unterstreicht die Abhängigkeit heutiger Menschenaffen von intakten Regenwäldern. Bild: SUAQ Orangutan Project

Den Lebensraum von Orang-Utan-Vorfahren im heutigen Myanmar rekonstruierte ein internationales Forschungsteam um Prof. Hervé Bocherens vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Uni Tübingen. Die Forschung ging von der von Bocherens betreuten Doktorandin Sophie G. Habinger und dem Kooperationsprojekt Everprimasia der Universitäten Tübingen und Poitiers aus.

Die Ergebnisse der jetzt in der Fachzeitschrift „Scientific Reports“ veröffentlichten Studie verdeutlichen die Abhängigkeit der Orang-Utans von intakten Waldflächen und die Notwendigkeit, ihre letzten Rückzugs- und Lebensräume zu schützen.

Im Unterschied zu anderen Menschenaffen wie Gorillas und Schimpansen sind von Orang-Utans, lateinisch Pongo, mehrere fossile Vorfahren bekannt. Heute sind Orang-Utans nur noch auf den südostasiatischen Inseln Borneo und Sumatra heimisch und dort stark bedroht. „Das Verbreitungsgebiet ihrer Vorfahren im späten Miozän dagegen erstreckte sich über ein riesiges Gebiet von der Türkei, über das östlichste Pakistan, Indien, Nepal und Myanmar bis nach Thailand“, so die Paläobiologin Sophie Habinger in einer Pressemitteilung.

Im Zentrum ihrer Studie steht der Orang-Utan-Vorfahr Khoratpithecus ayeyarwadyensis, dessen Fossilien in der Irrawaddy-Formation im heutigen Myanmar gefunden wurden. Aber sie beleuchtet auch weitere fossile Vertreter der Subfamilie Ponginae wie Indopithecus, Sivapithecus und Gigantopithecus. Die Rekonstruktion und Erforschung ihres früheren Lebensraums ermögliche wichtige Rückschlüsse für die Bedürfnisse und den Schutz heutiger Orang-Utans: „Um effiziente Strategien zum Schutz bedrohter Arten auszuarbeiten, brauchen wir ein gutes Verständnis ihrer ökologischen Flexibilität“, erläutert Hervé Bocherens, Tübinger Biogeologe und Letztautor der Studie. .Ein Weg, an diese Information zu gelangen, ist die Erforschung der Ökologie ihrer Vorfahren.“

Zur Rekonstruktion des Lebensraums erforschten die Tübinger Wissenschaftler einen Unterkiefer-Molaren. Bild: Olivier Chavasseau

Zur Rekonstruktion des Lebensraums erforschten die Tübinger Wissenschaftler einen Unterkiefer-Molaren. Bild: Olivier Chavasseau

Die Forschenden nutzten ein Verfahren zur Messung stabiler Kohlenstoff- und Sauerstoff-Isotope in fossilem Zahnschmelz, um den Lebensraum des Orang-Utan-Vorfahren und der ihn umgebenden Säugetierfauna zu rekonstruieren: Im späten Miozän war das Gebiet der Irrawaddy-Formation – heute eine eher karge Region – noch ein Mosaik von dichten und offeneren Waldflächen, unterbrochen von Flussläufen. Seine Nahrung aus Früchten und Blättern suchte Khoratpithecus ayeyarwadyensis wohl in den oberen Bereichen des Baumkronendachs. Damit war der Lebensraum dem der heutigen Orang-Utans sehr ähnlich.

Insgesamt zeige der Vergleich auch mit anderen Vorfahren wie Sivapithecus, dass sich die ökologischen Nischen der Arten ähneln: Alle sind Baumbewohner, die sich hauptsächlich von Früchten ernähren. „Gleichzeitig konnten wir auch sichtbare Unterschiede bei der Nutzung des Lebensraums rekonstruieren – beispielsweise bei der Nahrungszusammensetzung – und damit eine Anpassung an eine ganz bestimmte Nische“, berichtet Bocherens.

Im Laufe des Pleistozäns verschob sich der Lebensraum der Ponginae nach Süden, vermutlich bedingt durch ein stetig kühler und trockener werdendes Klima, das die Vegetation veränderte und die Waldflächen ausdünnte. Die Vorfahren der Orang-Utans verschwanden. „Die Ergebnisse unserer Studie deuten auf eine ökologische Kontinuität zwischen allen fossilen und heute lebenden Ponginae hin.“ Dabei lege die Verschiebung des Verbreitungsgebietes innerhalb der letzten 10 Millionen Jahre „eine geringe Toleranz dieser Gruppe für weniger bewaldete und trockenere Ökosysteme nahe“, erklärt Olivier Chavasseau von der Université de Poitiers.

Habinger führt aus, was die Erkenntnisse für die heutigen Affen bedeuten: „Die Orang-Utans auf Sumatra und Borneo sind beständigem Druck durch den Menschen und den Verlust von Lebensraum ausgesetzt.“ Wenn auch dort der Wald durch Rodungen immer weiter fragmentiert wird, drohe den Orang-Utans dasselbe Schicksal wie ihren Vorfahren: „Sie werden aussterben. Hier müssen effiziente Maßnahmen zum Schutz ihres Lebensraums entgegenwirken.“

Das Senckenberg Centre

Die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung ist eine Einrichtung der Leibniz-Gemeinschaft und erforscht seit über 200 Jahren die Erde: in der Vergangenheit, der Gegenwart und mit Prognosen für die Zukunft. Sie betreibt an vielen Instituten und in verschiedenen Einrichtungen so genannte integrative Geobiodiversitätsforschung und verfolgt dabei das Ziel, die Natur in ihrer Vielfalt zu verstehen, um sie als Lebensgrundlage für zukünftige Generationen zu erhalten und nachhaltig zu nutzen. Die Gesellschaft betreibt zusammen mit der Universität Tübingen das Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment in Tübingen.

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Erstellt:
25.08.2022, 16:30 Uhr
Lesedauer: ca. 2min 59sec
zuletzt aktualisiert: 25.08.2022, 16:30 Uhr

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