Tourismus

Vom Militär zum Magnet

Das Alte Lager bei Münsingen ist in wenigen Jahren von einem aufgelassenen Bundeswehrstandort zu einem Freizeitmagneten geworden. Nach dem Ende des Lockdowns strömen nun wieder die Besucherinnen und Besucher auf das 72 Hektar große Albgut-Gelände, das weit in die Region hinein ausstrahlt.

25.06.2021

Von TEXT: Matthias Reichert|Fotos: Horst Haas

Monatelang war der Freizeitpark Albgut im Alten Lager, einer früheren Militärkaserne bei Münsingen, im Corona-Lockdown geschlossen. Seit Juni wird nun Schritt für Schritt wieder geöffnet. Albgut-Betreiber Franz Tress, der Gründer der Münsinger Nudelfabrik Tress, hat die Pause genutzt und neue Freizeitangebote entwickelt, zudem ist das komplette 72 Hektar große Areal jetzt autofrei.

Tress entwickelt das ehemalige Militärgelände seit Ende 2015 (siehe Infobox). Seither sind mehrere Manufakturen in die einstigen Offiziers- und Mannschaftsgebäude eingezogen. Dort verkaufen sie nicht nur ihre Produkte, sondern machen auch die Arbeitsschritte der Herstellung erlebbar. Angesiedelt haben sich unter anderem der Strickwarenhersteller Hoeschele, die Genussmanufaktur „Ausemländle“ mit Essigspezialitäten von der Schwäbischen Alb, der Wollbekleidungs-Hersteller Flomax, der Wollverarbeiter Wollwerk, eine Albölmühle und seit Neuestem ein Kräuterhaus namens „Bleib gesund“. Weiter produziert hier die Familie von Eberhard Laepple aus Dapfen Seife und Naturkosmetik, röstet Kaffee und Kakao, betreibt ein Café und stellt in einer weiteren Manufaktur Schokolade her.

Im Bâtiment 16 hat zuletzt Markus Tress, der Sohn des Firmengründers Franz und seit 2012 alleiniger Inhaber und Geschäftsführer der Nudelfirma, eine gläserne Nudelmanufaktur eingerichtet, in der die Kunden bei der Herstellung der Teigspezialitäten zuschauen können. Und Franz Tress‘ Ehefrau besinnt sich in „Annegrets Welt“ auf die kleinen, unersetzbaren Dinge des Lebens und verkauft dekorative Produkte und Kinderkleidung, gefertigt in Heimarbeit von regionalen Herstellerinnen.

Im BT 18 betreibt Markus Tress ein Nudelmuseum und eine Schauküche. Auch Kultur hat im Alten Lager ihren Platz gefunden. Das Kulturhaus BT 24 zeigt regelmäßige Ausstellungen. Das Albmaler-Museum auf dem Gelände hat seine Räume zwischenzeitlich erweitert und präsentiert Gemälde der regionalen Kunstgeschichte. Gastronomen bevölkern weitere Gebäude, man kann auf dem Gelände groß Hochzeiten feiern und Erlebnisveranstaltungen buchen.

Besser gesagt: Man konnte bis vor der Pandemie. Seit Mitte Dezember war auch das Alte Lager im Lockdown. Erst im Juni waren wieder erste Öffnungsschritte möglich. „Corona war für uns ein Albgut-Betreiber Franz Tress. „Wir betreiben vier Eventlokale und einen Gasthof, veranstalten Messen und bieten Übernachtungen an.“ Diese Geschäftsbereiche lagen für Monate allesamt brach, ebenso die Manufakturen. Und die Kunst- und Kulturschaffen im Albgut waren stark eingeschränkt. Das sei auch für die Gäste eine Zumutung gewesen, klagt Tress.

Mit den Pandemie-Beschränkungen sei kein Interims-Betrieb möglich gewesen: „Da hätten wir mehr Leute wegschicken müssen als wir hätten reinlassen können“, argumentiert Tress. Vor dem Lockdown waren an manchen Wochenenden mehr als 1000 Leute auf dem Gelände. Hinter dem Areal warten auf dem früheren Truppenübungsplatz rund 40 Kilometer Fahrrad- und Wanderwege auf Touristen. Nun hat Tress die Schließungszeit genutzt und den eigenen Zehnjahresplan fortgeschrieben. Auf dem Albgut-Areal sind seither mehr als 200 Bäume und Hunderte Sträucher gepflanzt worden. Bis Ende Mai ist ein neuer Parkplatz entstanden, die Zufahrt wurde vom Süd- zum Osttor verlegt – damit die breiten Wege der Militärbrache künftig von Autos frei sind. Das mache die Anlage noch familienfreundlicher, so der Betreiber. Außerdem entsteht eine Discgolf-Anlage mit zwölf Stationen. Es gibt jetzt ein Rotwild-Gehege, weiter können die großen und kleinen Gäste Walliser Bergziegen und Hängebauchschweine bestaunen. Der neue Kinderspiel- und Balancierplatz ist rechtzeitig zur Wiedereröffnung fertig geworden.

Kinderspiel- und Balancierplatz im Alten Lager.

Bisher haben die Museen und Manufakturen jeweils samstags ab 13 Uhr und sonntags ab 11 und bis 17 Uhr geöffnet. Erweiterungen sind im Gespräch. Existenzbedrohend sei der Lockdown für die Betreiber der Manufakturen nicht gewesen, sagt Tress: „Das sind alles gestandene Unternehmer, die haben alle eine Grundsubstanz.“ Doch gerade die Gastronomen hätten unter der Zwangspause gelitten – wie auch deren Gäste. Darunter etwa die Hochzeitspaare, die ihre Feiern wieder und wieder verschieben mussten. Tress selbst hat bisher keine Corona-Hilfen von Bund oder Land bekommen. Weil er einen beträchtlichen Teil der Baracken dauerhaft vermietet und dadurch weiter Einkünfte hat, seien keine Ausfall-Zuschüsse möglich gewesen. Insgesamt sind derzeit 90 der 140 Gebäude belegt.

Nach der Wiedereröffnung warten rund 20 Bâtiments wieder auf Gäste, jeweils entsprechend den aktuellen Corona-Auflagen. Tress hat das Gelände Ende 2015 von der Bundesanstalt für Immobilien übernommen und zügig das Verfahren für den Bebauungsplan angestoßen. Er habe etwas Schönes, Bleibendes und Nachhaltiges für seine Heimat schaffen wollen, das motiviere ihn auch heute noch. Weniger zu tun hat er deshalb nicht, seit er die Nudelfabrik an seinen Sohn übergab. Im Gegenteil: „Früher habe ich sechs Tage in der Woche gearbeitet, heute sind es sieben.“

Die Sanierung des Areals war eine Heidenarbeit: die Dächer abdichten, eine Wasser-Ringleitung verlegen und vieles mehr. Das Denkmalamt hat stets ein gewichtiges Wort mitzureden: „Wir haben ja dieselbe Intention“, sagt Tress. Das Albgut lebe schließlich von seiner Ausstrahlung als Kulturdenkmal. Das wolle die Denkmalbehörde ebenso erhalten wie es die Albgut-Betreiber tun.

Albgut-Betreiber Franz Tress vor den alten Militärgebäuden im Alten Lager.

Es sei ihm von Beginn an klar gewesen, dass sein Projekt nicht einfach werde, sagt Tress. „Ich habe mich immer im Leben solchen Herausforderungen gestellt.“ Und dann erzählt er von den Anfängen seiner Nudelfabrik: Da hat er zunächst die Nudeln nachts selbst hergestellt und tagsüber mit einem Ford Transit ausgeliefert. Erst nach Jahren konnte er die ersten Mitarbeiter einstellen.

Die Albgut-Entwicklung sieht Tress nun trotz Lockdowns im Plan. Demnächst kommen auf dem Freizeitgelände noch eine Bogenschießanlage sowie eine Kletterwand hinzu. Zwei Hackschnitzel-Verbrennungsanlagen sollen dieses Jahr gebaut werden. Und Tress arbeitet an einer interaktiven Karte für die Homepage. Die Zahl der Übernachtungsmöglichkeiten wird gerade von derzeit 128 um 64 Betten erweitert. Damit das Albgut für den großen Ansturm gerüstet ist, wenn die Pandemie endlich überstanden ist und die meisten Leute gegen Corona geimpft sind.

Das Alte Lager im Münsinger Teilort Auingen

wurde 1896 bis 1897 vom XIII. Königlich-Württembergischen Armeekorps als Barackenlager errichtet. 2005 ist die Bundeswehr aus Münsingen abgezogen, 2011 der vormalige Truppenübungsplatz wieder kommunalisiert worden.
Die rund 140 Gebäude auf dem ehemaligen Kasernengelände sind allesamt denkmalgeschützt. Seit Ende 2015 entwickelt nun Franz Tress das 72 Hektar große Areal zum Erlebnispark Albgut. Dieser soll das Biosphärengebiet erlebbar machen, dessen Zentrale bereits seit 2010 im Alten Lager sitzt.

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Erstellt:
25. Juni 2021, 07:27 Uhr
Aktualisiert:
25. Juni 2021, 07:27 Uhr
zuletzt aktualisiert: 25. Juni 2021, 07:27 Uhr

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