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Wirtschaftsfaktor Handwerk

Viel Prunk und auch Profanes

Rüdiger Widmann ist Restaurator, Stuckateur, Kirchenmaler und Kunstmaler. 60 bis 70 Kirchen im ganzen Ländle, schätzt er, hat er in den vergangenen 30 Jahren restauriert. Dabei glänzt nicht alles nach Gold, was der Restaurator in die Hand nimmt. Auch profane Kunst- und Kulturgegenstände, historischer Putz oder bemalte Wandfassaden müssen restauriert und konserviert werden.

15.12.2017
  • TEXT: Evi Miller|FOTOs: Rüdiger Widmann

An seinen ersten Arbeitstag als Praktikant bei Restaurator Professor Ingenhoff erinnert sich Rüdiger Widmann noch gut: Vor einer bemalten Fassade in der Biesingerstraße verzweifelte ein Mitarbeiter beim Anmischen der Farbe. „Versuch es mal mit Englisch Rot“, riet ihm Widmann mehrmals im Laufe des Tages. Doch wollte dieser dem selbstbewussten Neuling offensichtlich keinen Glauben schenken. Das tat er erst am nächsten Tag, als der Vorarbeiter ebenfalls auf „Englisch Rot“ tippte. Und siehe da: Der Farbton passte. Auch nach dem ersten Erfolgserlebnis gefiel ihm die neue Arbeit: „Wir waren ein nettes Team und wir haben nie länger als drei Tage dasselbe gemacht“, so Widmann. Ein Projekt, das ihn von Anfang seiner Berufstätigkeit bis heute begleitet hat, ist Schloss Lichtenstein mit seinen repräsentativen und üppig ausgestatteten Gemächern von Wilhelm I Graf von Württemberg, der Marienkapelle, dem Gerobau und dem Turm. Eindringende Feuchtigkeit hatte in dem historischen Schloss aus dem 19. Jahrhundert großflächig Putzschäden verursacht. Putz und Stuck mussten ergänzt, Oberflächen gereinigt, neugotische Bemalungen konserviert und dort, wo sie großflächig verloren waren, wie im Erker des Rittersaals, auch rekonstruiert werden.

Ein schönes Projekt war für Widmann auch die evangelische Martinskirche in Kusterdingen: Die kassettierte gotische Holzdecke wies mehrere übereinander gelagerte Farbschichten, sowohl mit gotischer als auch mit renaissancezeitlicher Bemalung, auf. „Die jüngere Fassung war ebenfalls hochwertig“, erklärt Rüdiger Widmann. In diesem Fall zählt das oberste Gebot des Bestandschutzes: Was erhalten ist, muss auch erhalten bleiben. „Oft ist es ein zähes Ringen mit dem Denkmalamt, ob man etwas freilegen darf oder nicht“, weiß Widmann. Im Zweifelsfall wird abgewogen: Welche Farbschicht bringt mehr Nutzen, beziehungsweise ist von größerer kulturhistorischer Bedeutung.

Ein weiterer Grundsatz, der für alle Restaurierungen gilt, ist das Gebot der Reversibilität: Alles was der Restaurator tut und alle Materialien und Techniken, denen er sich bedient, müssen wieder rückgängig gemacht werden können. „Es ist oft ein back to the roots. Im Unterschied zu den heutigen Handwerkern, die in ihrer täglichen Arbeit von den Errungenschaften der Industrialisierung profitieren, mischen wir den Mörtel zum Beispiel wieder selber an, um annähernd die Eigenschaften der Originalsub-stanz zu erhalten. Die Bauphysik muss stimmen“, sagt Widmann, der auch gelernter Stuckateur ist.

Spannend und umfangreich war auch der Auftrag in der evangelischen Kirche St. Veit in Gärtringen: Über Jahre hinweg hatte eindringende Feuchtigkeit die gotische Rankenmalerei im Gewölbe und die figürliche nachreformatorische Renaissancemalerei in Schiff und Chor stark beschädigt. Vor der ästhetischen Behandlung mussten die Bedingungen hinsichtlich Temperatur und Feuchtigkeit dauerhaft optimiert werden. Dann wurden die Wandmalereien, auf denen das ausgeschwemmte Salz aufgeblüht war, großzügig mit Kompressen behandelt: Das mit Zellulosemehl vermischte destillierte Wasser reduzierte die Salzkonzentration in Putz und Mauerwerk und die Salzverfärbungen.

Zum Schluss ergänzten der Restaurator und sein Team die fehlenden Wandmalereien. „Die Retuschen müssen reversibel sein, aber auch klar ablesbar: Sonst wird es zur Fälschung“, erklärt Widmann. Wer genau hinschaut, erkennt, dass die ergänzenden Lasuren heller sind als das Original. Auch sogenannte Trattegio- oder Strich- und Punkt-Retuschen eignen sich zur Ergänzung von fehlender Malsubstanz. Sie erschließen dem Betrachter das ursprüngliche Bild in seiner Farbigkeit und seinem Motiv – dokumentieren aber gleichzeitig auch den restauratorischen Eingriff.

Bei großen Aufträgen, die sich nicht selten über mehrere Jahre erstrecken, ist es in der Branche durchaus üblich, dass man sich unter Kollegen zusammentut, beziehungsweise was die verschiedenen Fachrichtungen des Restauratorenhandwerks betrifft – Holz, Stein, Leinwand – auch ergänzt. „In den 80er Jahren pflegten die Kollegen mehrheitlich eine Geheimniskrämerei“, erinnert sich Widmann. „Heute sind wir kollegialer“. Er selbst hat zwei freie Mitarbeiter. Unterstützt wird er bei Bedarf, wenn es um Gemälderestaurierung geht, auch immer noch gerne von Monika Ingenhoff-Danhäuser. „Sie retuschiert für ihr Leben gern“, sagt Widmann. Nach dem Tod ihres Mannes, Prof. Dr. H.D. Ingenhoff, hatten sie gemeinsam ab 1991 die Restauratorenwerkstatt als GbR weitergeführt, bis Widmann 1996 als selbstständiger Restaurator weitermachte.

Wie ist derzeit die Auftragslage? „Ich bin ausgelastet“, sagt Widmann zufrieden. Die Region hat auch viel historische Substanz zu bieten. Viele Kirchen und ein paar Schlösser (neben Schloss Lichtenstein dürfen an der Stelle auch Schloss Kressbach mit seiner älteren Kapelle und Schloss Bläsiberg genannt werden), aber auch viele Fachwerkhäuser und profane Dinge oder auch einfach mal ein historischer Putz  bieten dem Restaurator ein abwechslungsreiches Betätigungsfeld. „Es geht nicht immer nur um Vergoldung und Malereien. Ein großer Teil macht auch die Voruntersuchung und Dokumentation von Wohnhäusern, Bodengestaltungen, Wandaufbau und Wandverkleidungen aus.“

Viel Spaß hatte Widmann übrigens mit dem Giebelwappen der Alten Aula in Tübingen: Die Malerei aus den 30er-Jahren war relativ ungelenk und wies große Fehlstellen auf. Die Originalmalerei von 1777 war zwar erkennbar künstlerisch hochwertiger, dafür aber nur unzureichend dokumentiert. Erkennbar war, dass das Wappen mit Krone ursprünglich von einem Löwen und einem Hirsch flankiert wurde, in der Fassung aus den 30er-Jahren aber zwei Hirsche auftauchten. „Da kein Denkmalschutz drauf war, habe ich das Wappen neu gemalt,“ sagt Widmann. Es blieb bei den Hirschen, sie sind jetzt aber viel plastischer und lebendiger. Auch bei der Krone hat der Restaurator seine Vorgänger korrigiert: Die Krone hatte früher fünf Bügel. „Eine Krone mit fünf Bügeln ist aber eine Königskrone“, erklärt Widmann. „Das war falsch“. Jetzt ziert das Wappen für Herzog Karl Eugen von Württemberg eine standesgemäße Herzogskrone mit drei Bügeln.

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15.12.2017, 07:45 Uhr
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