Schauspiel Stuttgart

Und ab und zu ein goldener Vorhang

Das Staatstheater zeigt Roland Schimmelpfennigs „Siebzehn Skizzen aus der Dunkelheit“. Eine Wiederbegegnung mit Arthur Schnitzlers „Reigen“ zwischen Komik und Kargheit.

12.07.2021

Von OTTO PAUL BURKHARDT

Die Darsteller Matthias Leja und Katharina Hauter spielen in Tina Laniks Inszenierung von „17 Skizzen aus der Dunkelheit“ den Workaholic Johannes und die notorisch fremdgehende Nina vor und nach dem Sex. Foto: Katrin Ribbe/ Schauspiel Stuttgart

Stuttgart. Zehn Dialoge über Anziehung und Ernüchterung, über Abhängigkeit und Macht. Um all das dreht sich Arthur Schnitzlers Drama „Der Reigen“ (1896/1920). Kurzum, es geht um Sex. Genauer gesagt, um das Vorher und Nachher. Denn zu den vielzitierten Details über das Stück gehört der Umstand, dass der eigentliche Akt durch Gedankenstriche ausgespart wird. Roland Schimmelpfennig, ein derzeit viel gespielter Autor, hat nun Schnitzlers einstiges Skandalstück im Hier und Heute weitergesponnen. Aus zehn Dialogen wurden „Siebzehn Skizzen aus der Dunkelheit“ – eine Art Schnitzler-Update in Zeiten der MeToo-Debatte. Am Samstag war Uraufführung im Schauspielhaus.

Bearbeitungen gab es schon viele: So wurde „Der Reigen“ teils altherrenhaft schlüpfrig verfilmt oder als Ballett, Oper oder Punkmusical umgemodelt. Autoren wie David Hare und Werner Schwab haben das Stück modernisiert und die Figuren – Dirne, süßes Mädel oder Graf – zu Models, Friseusen oder Politikern umgelabelt. Ähnlich geht auch Schimmelpfennig vor, wenn er den „Reigen“ mit einer Transfrau, einem Filmproduzenten und einer „S.,T. and C.“-Hotelservicekraft („Sheets, towels and cleaning“, früher: Zimmermädchen) aufmischt.

Tina Lanik führt Regie. Was macht sie mit den Gedankenstrichen? Behaupteter Sex auf der Bühne wäre längst kein Tabubruch mehr. Eher ein wohlfeiles Must-Have. Doch Hyperrealismus passt so gar nicht zu Schimmelpfennigs poetischer Traumästhetik. So knipst die Regie jedes Mal, wenn die Paare übereinander herfallen, das Licht aus – großes Black auf der Bühne. Diskretion oder pandemiebedingte Rücksicht? Egal.

Der „Reigen“ als Porträt einer Gesellschaft im Spiegel ihrer Sex-Gepflogenheiten, als variierte Abfolge von Illusion und Desillusion, war schon bei Schnitzler eine ziemlich kalte Sache – viel Gier, wenig Liebe.

Schimmelpfennig verpflanzt diesen Totentanz in die Gegenwart, zeigt heutige Heucheleien und Abhängigkeiten aus der Dunkelzone zwischen Freiheitsdrang, Dienstleistung und Missbrauch. Etwa, wenn Marco Massafras öliger Hotelmanager das Zimmermädchen (Celina Rongen), das in die Rezeption wechseln will, zum Sex nötigt. Oder wenn die Ex-Bühnendiva Viviane (grandios in ihrer Zerbrechlichkeit: Sylvana Krappatsch) eine Filmrolle anstrebt – und der Hollywood-Mogul Victor (Evgenia Dodina als kaltschnäuziges Ekel) dies in der Manier von Harvey Weinstein erpresserisch ausnutzt.

Zugegeben, dieses „Reigen“-Update ist nicht frei von klischeeverdächtigen Konstrukten zwischen Empathie und Anklage. Doch es gibt auch tragikomische Momente. So, wenn sich ein arriviertes Paar – der Workaholic Johannes und die notorisch fremdgehende Nina – drei Mal auf jeweils andere Art trennt: stark gespielt von Matthias Leja und Katharina Hauter.

Die Regie? Bleibt eher karg. Die von Schimmelpfennig georderten Schauplätze – Park, Bahnhofsklo oder Luxushotel – werden zwar beschrieben, zu sehen ist aber nur die leere, trostlose Bühne. Und ab und zu ein golden schimmernder Vorhang. Auch die vom Autor angeregte Musik wird meist durch sparsame Geigen-Loops ersetzt. Abstraktion ist angesagt, eine angeblich befreite Gesellschaft wird sezierend durchleuchtet. Ein brav konzipiertes Stück, kühl inszeniert. Doch am Ende gelingen der Regie trotz postutopischer Tristesse Momente zwischen Beklemmung und Hoffnung.

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Erstellt:
12. Juli 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
12. Juli 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. Juli 2021, 06:00 Uhr

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