Tübingen

Über 2700 beim 48. Nikolauslauf durch Tübingens Schneelandschaft

Oft probiert, diesmal hat es geklappt: Lorenz Baum (LAV Stadtwerke Tübingen) gewinnt den Nikolauslauf in 1:10,51 Stunden. Schnellste Frau ist die Oberallgäuerin Charlotte Heim (1:24,04).

03.12.2023

Von Tobias Zug

Bild: Axel Grundler

Bild: Axel Grundler

Musik erklang aus den Lautsprechern, als Anaïs Sabrié von der LAV Stadtwerke Tübingen über die Ziellinie lief. Sprecher Gerd Hänsel jubilierte: Es sei ein Weltrekord aufgestellt worden, verkündete er übers Mikrofon, zum sechsten Mal habe Sabrié den Tübinger Nikolauslauf gewonnen. Währenddessen lag die 29-jährige Läuferin erschöpft in den Armen einer Bekannten. Neben ihr die Läuferin, die noch vor ihr ins Ziel gelaufen war. „Ich war auch kurz irritiert und gedacht, ob ich was falsch gemacht habe, irgendwas mit den Brutto- und Netto-Zeiten durcheinandergeraten war“, berichtete Charlotte Heim später.

In der Tat: Hänsel hatte die zuvor eingelaufene Heim wohl übersehen, wurde von Zuschauern auf den Fehler aufmerksam gemacht. „Es überschlagen sich die Ereignisse“, sagte Hänsel, „selbst ich als altgedienter Moderator war da überfordert.“

Schon das Rennen um den Sieg verlief kurios: Heim war lange Zeit mit großem Abstand führend. Dann näherte sich ihr stetig Merle Brunnée vom Lauf-Veranstalterverein Post-SV Tübingen. Erst war Brunnée Fünfte, dann Vierte, Dritte – und plötzlich Zweite. „Der Führungsradler hat mir immer gesagt, sie sei etwa zweihundert Meter entfernt von mir“, sagte Heim, „am Ende hat er mir nicht mehr gesagt, wie nah sie war.“ Brunnée musste auch abrupt stoppen: „Ich habe am Fuß gemerkt, dass mein Schnürsenkel immer lockerer wurde“, berichtete die 29-Jährige, „bevor ich dann noch stolpere, wollte ich sie lieber binden.“ Jetzt kam aber noch die Kälte dazu, minus drei Grad Celcius wurden droben in Tübingens Nordstadt gemessen. Brunnées Hände waren gefroren, sie musste knien – das gesamte Prozedere dauerte so etwa anderthalb Minuten, die Brunnée wieder zurückwarfen. „Das hat mich dann schon geärgert“, sagte sie, „alles, was ich mir erkämpft hatte, habe ich wieder hergegeben.“

Erster Lauf, erster Sieg

Anaïs Sabrié nutzte dies aus, war nun Zweite hinter Heim. Am Ende war es knapp: Nach 1:24,04 Stunden lief Heim ins Ziel, 14 Sekunden nach ihr Sabrié. „Ich war schon gestresst, überhaupt mitzulaufen“, sagte Sabrié. Im November vergangenen Jahres verletzte sie sich, erst Ende August begann sie überhaupt wieder mit dem Lauftraining. Den Lauf durch die Schneelandschaft des Schönbuchs habe sie genossen: „Es war das schönste Wetter, seit ich beim Nikolauslauf mitmache“, sagte die fünfmalige Siegerin.

Gleich der Sieg bei der ersten Nikolauslauf-Teilnahme war es für Charlotte Heim, die für das Intersport Räpple Running Team lief. Zu siegen habe sie gar nicht vorgehabt, sagte Heim, die aus Bad Hindelang stammt und für den LV Pliezhausen dieses Jahr bei der Deutschen Halbmarathon-Meisterschaft in Freiburg persönliche Bestzeit lief mit 1:19,26 Stunden. „Ich wusste ja, dass eine Leah Hanle läuft, die sehr stark läuft, und es wurden sämtliche Spitzenläufer angekündigt im Vorfeld“, sagte Heim, „ich weiß gar nicht, wo ich stehe. Ich bin einfach nur drauflos gelaufen und habe Spaß gehabt.“ Das Auf und Ab der Strecke, die Höhen und Tiefen liegen ihr: „Da ich aus dem Allgäu komme, bin ich es gewohnt, auch mal ein paar Berge zu laufen.“

Und Leah Hanle? Cheforganisator Gerold Knisel, der selbst mitlief, musste bei der anschließenden Pressekonferenz kurz nachfragen, ob die angemeldete Vorjahres-Siegerin denn überhaupt gestartet sei. Antwort: ja, diesmal wurde sie aber Siebte in 1:28,08.

Schon öfter mitgemacht beim Nikolauslauf hat Lorenz Baum von der LAV Stadtwerke Tübingen. Zweiter wurde er mal, Dritter. Diesmal lief er als Allererster über die Ziellinie in der Waldhäuserstraße. Recht einsam und allein: In 1:10,51 Stunden hatte der aktuelle Deutsche Marathon-Meister den Tübinger Halbmarathon bewältig, fast anderthalb Minuten später folgte ihm als Zweitplatzierter sein ehemaliger LAV-Trainingspartner Michael Wörnle, der mittlerweile in Konstanz studiert.

Startplatz vom Bruder

„Ich wollte den Lauf schon noch irgendwann mal gewinnen“, sagte Baum. Dass er diesmal überhaupt startete, entschied sich aber erst wenige Wochen zuvor. „Nach der Marathon-Meisterschaft wusste ich nicht, wie ich mich fühle, wie ich drauf bin“, erläuterte der 33-Jährige. Seine Taktik: „Da ich wusste, dass Michi am Berg gut ist, habe ich versucht, auf den flachen Strecken viel rauszuhauen.“ Nach acht Kilometern hatte sich Baum etwas von Wörnle gelöst. „Überraschend gut“, sagte Baum, lief es dann für ihn am berüchtigten Stich am Bettelweg. Baum: „Der war gottseidank geräumt.“

Eher zufällig ist der aus Rottenburg stammende Zweitplatzierte Michael Wörnle zur Nikolauslauf-Teilnahme gekommen. Eigentlich hatte sich sein jüngerer Bruder Christian Wörnle angemeldet. Doch der war erkrankt. „Dann habe ich seinen Startplatz bekommen“, sagte Michael Wörnle. Und hat das Beste draus gemacht.

48. Nikolauslauf in Tübingen

Bei schönstem Sonnenschein durch die verschneite Winterlandschaft: Insgesamt 2745 Läuferinnen und Läufer haben am Sonntag beim 48. Nikolauslauf in Tübingen teilgenommen.
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Siegerin Charlotte Heim (Intersport Räpple Running Team), rechts die Zweitplatzi...
Siegerin Charlotte Heim (Intersport Räpple Running Team), rechts die Zweitplatzierte Anais Sabrie (LAV Stadtwerke Tübingen)

. Bild: Axel Grundler

© ST

Von links: Michael Wörnle (Intersport Räpple Running Team, zweiter Sieger) - Lor...
Von links: Michael Wörnle (Intersport Räpple Running Team, zweiter Sieger) - Lorenz Baum (LAV Stadtwerke Tübingen, Sieger) und Jens Ziganke (Intersport Räpple Running Team, Dritter)

. Bild: Axel Grundler

© ST

Zahlreiche Zuschauer beim Zieleinlauf bei winterlichen Temperaturen. Bild: Axel ...
Zahlreiche Zuschauer beim Zieleinlauf bei winterlichen Temperaturen. Bild: Axel Grundler

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Blasmusik am Streckenrand  . Bild: Axel Grundler
Blasmusik am Streckenrand

. Bild: Axel Grundler

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Alle Jahre wieder ... Bild: Axel Grundler
Alle Jahre wieder ... Bild: Axel Grundler

© ST

... wird sich für den Lauf auch verkleidet. Bild: Axel Grundler
... wird sich für den Lauf auch verkleidet. Bild: Axel Grundler

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Ob Weihnachtself ... Bild: Axel Grundler
Ob Weihnachtself ... Bild: Axel Grundler

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... bis zum Weihnachtsmann. Bild: Axel Grundler
... bis zum Weihnachtsmann. Bild: Axel Grundler

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Auch die Zuschauerinnen ließen sich etwas einfallen. Bild: Axel Grundler
Auch die Zuschauerinnen ließen sich etwas einfallen. Bild: Axel Grundler

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Bei bestem Wetter. Bild: Axel Grundler
Bei bestem Wetter. Bild: Axel Grundler

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Bei den eisigen Temperaturen ... Bild: Axel Grundler
Bei den eisigen Temperaturen ... Bild: Axel Grundler

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... war man allerdings mit dicker Kleidung gut beraten. Bild: Axel Grundler
... war man allerdings mit dicker Kleidung gut beraten. Bild: Axel Grundler

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Oder auch im windschnittigen Einteiler. Bild: Axel Grundler
Oder auch im windschnittigen Einteiler. Bild: Axel Grundler

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Oder im Mäusefell. Bild: Axel Grundler
Oder im Mäusefell. Bild: Axel Grundler

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Beim Start lief die spätere Siegerin Charlotte Heim (Intersport Räpple) noch im ...
Beim Start lief die spätere Siegerin Charlotte Heim (Intersport Räpple) noch im Mittelfeld, links Sabrina Mockenhaupt (LAV Stadtwerke Tübingen)

. Bild: Axel Grundler

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Viele Zuschauer am Streckenrand. Bild: Axel Grundler
Viele Zuschauer am Streckenrand. Bild: Axel Grundler

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Auch der Dino ist mit dabei. Bild: Axel Grundler
Auch der Dino ist mit dabei. Bild: Axel Grundler

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Sabrie Anais (LAV Stadtwerke Tübingen, spätere Zweite). Bild: Axel Grundler
Sabrie Anais (LAV Stadtwerke Tübingen, spätere Zweite). Bild: Axel Grundler

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Die spätere Siegerin Charlotte Heim (Intersport Räpple Running Team) führt schon...
Die spätere Siegerin Charlotte Heim (Intersport Räpple Running Team) führt schon in der ersten Runde

. Bild: Axel Grundler

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Lorenz Baum (LAV Stadtwerke Tübingen) gewinnt den Lauf. Bild: Axel Grundler
Lorenz Baum (LAV Stadtwerke Tübingen) gewinnt den Lauf. Bild: Axel Grundler

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Was sonst noch geschehen ist

Verwirrung vor der Zielgeraden

Da hatten manche Läuferinnen und Läufer am Sonntagmorgen wohl schon auf eine neue Bestzeit gehofft: An der Kreuzung beim Holderfeld, an der die Teilnehmer in ihrer letzten Runde auf die finale Zielgerade einbiegen, kam es ein paar Mal zu Verwirrung. Als die führenden, schnellen Läufer von Helfern per Handgesten auf die Zielgerade geschickt wurden, bogen prompt ein paar Langsamere ebenfalls ein, die befanden sich jedoch erst in Runde eins – und wurden direkt von Helfenden verfolgt und zurückgewiesen. „Halt, wartet! Ihr müsst noch eine Runde! Das waren die Schnellen, die sind schon fertig!“, riefen sie den Läufern zu – die drehten sich teils erschöpft, teils grinsend wieder in Richtung ihrer Strecke um.

Schippen, schippen, schippen

Durch den starken Schneefall vor und am Wochenende stand der 48. Nikolauslauf zwischenzeitlich auf der Kippe: Den ganzen Samstag lang schippte das Helferteam die Strecke frei, auch ein Schneeräumfahrzeug kam zum Einsatz – für eine kurze Zeit stand dann sogar eine Absage im Raum. Am Abend gaben die Veranstalter aber grünes Licht. Der 62-jährige Benno Freihart aus Waiblingen war unter anderem zum ersten Mal dabei und überglücklich über das Stattfinden: „Da geht natürlich ein Dank an alle, die geholfen haben. Ich bin begeistert! An manchen Stellen musste ich zwar aufpassen, aber es ging“, sagte er. Die Läuferin Anaïs Sabrié (LAV Tübingen), die bei den Frauen Zweite wurde, hatte weder Probleme mit der Strecke, noch mit der Temperatur: „Das Wetter ist für mich nie eine Frage. Ich bin schon bei anderen Bedingungen gelaufen. Ob heißer oder kälter“, sagte die 29-Jährige nach dem Lauf schmunzelnd. Sie ist schwere Bedingungen gewohnt: 2018 war sie Vize-Europameisterin im Berglauf, 2019 wurde sie Französische Meisterin. Fünf Mal hat sie den Nikolauslauf gewonnen.

Eine verletzt sich vor dem Start

Nicht für alle Sporttreibenden endete der Lauf mit erschöpftem, aber glücklichem Grinsen im Ziel: Eine Läuferin und ein Läufer mussten nach dem Zieleinlauf vom Deutschen Roten Kreuz auf Tragen und unter Rettungsdecken aus der Menge gebracht werden. Eine Läuferin verletzte sich schon morgens vor dem Start an der Hand und musste in die Klinik gefahren werden. „Da dürfen wir nichts zu sagen, das muss beobachtet werden“, sagte der Einsatzleiter Frieder Ernst. Insgesamt 14 Versorgungen hatten die 33 Einsatzkräfte vor Ort zu vermelden. „Von der Statistik her hatten wir heute eher wenig zu tun“, sagte Ernst am Sonntag.

„Nikosaurier“ watschelt mit

Ganz typisch für den Nikolauslauf hatten sich auch wieder an diesem Sonntag einige Teilnehmende verkleidet: Wie immer sah man viele Nikoläuse mit Säcken auf dem Rücken, eine Gruppe Elfen, und Läuferinnen und Läufer in warmhaltenden, weihnachtlichen Ganzkörperanzügen. Neu dabei war ein orangener Dinosaurier, vor Ort auch als „Nikosaurier“ bezeichnet, der immer schon aus der Ferne gut zu erkennen durch den Schnee watschelte.

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Erstellt:
03.12.2023, 15:41 Uhr
Lesedauer: ca. 4min 48sec
zuletzt aktualisiert: 03.12.2023, 15:41 Uhr

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