Wirtschaftsfaktor Sport

Tübingen statt Wimbledon

Alexandra Vecic gilt als große Nachwuchshoffnung im deutschen Damentennis. Im Winter kam sie bei den Australian Open ins Halbfinale. Im Frühjahr machte sie das Abitur. Im Sommer fiel das wichtigste Turnier der Welt wegen Corona aus. Sie reagierte flexibel – und spielte für den TC Tübingen.

04.12.2020

Von TEXT: Johannes SchweikleFOTOS: Paul Zimmer CPA Sports, Privat, freepic.com/Sergejs Rahunoks@ Yeko Photo Studio

Wer gegen die Besten gewinnen will, muss sich strecken.

Ihre Füße berühren selten den Boden. Meist wirbeln sie durch die Luft. Mit schnellen Schritten rennt sie in die Rückhandecke. Zurück in die Mitte. Dann vor zum Netz. Spielt einen Flugball. Aber der landet im Aus. Jetzt geht sie in die Knie, verdreht die Augen nach oben und schlägt die Hände vors Gesicht. Eine stumme Geste voller Unverständnis: Wie konnte so ein Fehler passieren?

Diese Szene spielt sich nicht beim Grand Slam in Paris ab, der zu den vier wichtigsten Turnieren der Welt gehört. Sondern beim Training im Leistungszentrum des Württembergischen Tennis-Bunds in Stuttgart. Auf der anderen Seite des Netzes steht keine Gegnerin aus den Top Ten. Sondern ein schmächtiger Junge aus dem Nachwuchskader, der drei Jahre jünger ist als Alexandra Vecic. Aber sie nimmt diese Übung so ernst, lässt sich mit Haut und Haar auf das Spiel ein, dass ein verschlagener Ball für den Moment wie ein großes Unglück wirkt.

Alexandra Vecic ist 18 Jahre alt. Sie gilt als große Nachwuchshoffnung im deutschen Damentennis. Anfang des Jahres trat sie beim Grand Slam in Australien im Juniorenturnier an und kam bis ins Halbfinale. Ein solcher Erfolg gelang in diesem Jahrhundert noch keiner deutschen Juniorin.

Wenn sich ihre braunen Augen auf den Ball konzentrieren, könnte man Angst bekommen vor der Entschlossenheit in ihrem Blick. Zum Glück wiegt die 1,74 Meter große Frau nur 59 Kilo, ihre Arme und Beine sind ähnlich dünn wie bei einem Model. Und wenn ein Punkt ausgespielt ist, verwandelt sich die Anspannung schnell in ein fröhliches Lachen. So konzentriert sie den Wettkampf annimmt, so sehr kann sie sich über einen gelungenen Schlag freuen. „Am liebsten Vorhand Inside-in“, sagt sie, „das ist meine beste Waffe.“ Will heißen: Sie umläuft die Rückhand und schießt den Ball mit der Vorhand explosiv die Linie entlang.

Alexandra Vecic wuchs in Immendingen bei Tuttlingen auf. Ihre Eltern stammen aus Serbien, ihr Vater arbeitet als Tennistrainer. Als seine Tochter vier Jahre alt war, spielte er ihr die ersten Bälle zu. Mit zwölf nahm sie an den deutschen Jugendmeisterschaften teil und fiel einer französischen Firma auf. Seither muss sie keine Tennisschläger mehr kaufen. Ein Jahr später nahm die größte Sportmarke der Welt sie unter Vertrag, die Amerikaner stellen ihr Schuhe und Bekleidung. Etwa in diesem Alter hat Alexandra sich zum Ziel gesetzt, Tennisprofi zu werden. Sie wirkt nicht so, als sei sie von ehrgeizigen Tenniseltern in diesen Sport getrieben worden. Die junge Frau sieht auch das Leben jenseits der weißen Linien. Sie sagt: „Ich bin froh, dass meine Mutter nichts mit Tennis zu tun hat. Sie arbeitet als Krankenschwester.“

Zum Konditionstraining ging sie als Jugendliche regelmäßig ins Leistungszentrum nach Empfingen. Günter Frank war begeistert von der Disziplin dieses Teenagers, er sagte spöttisch: „An Weihnachten isst sie immer ein rohes Spinatblatt mehr als sonst.“ Heute urteilt die Bundestrainerin Barbara Rittner ähnlich: „Alex hat ein Talent zu härtester Arbeit. Wenn sie 7850 Seilsprünge machen soll, hört sie nicht unter 8000 auf.“

Als Schülerin am Otto-Hahn-Gymnasium in Tuttlingen begann ihr Tag regelmäßig um 6.15 Uhr, vor dem Frühstück machte sie Dehnungsübungen. In der Oberstufe wechselte sie ans Privatgymnasium nach Weinheim, dort reagierten die Lehrer flexibel auf Trainingslager und Turnierreisen der Spitzensportlerin. Dieses Frühjahr wollte sie nicht nur fürs Abitur lernen, sondern in Paris bei den French Open antreten und sich auf Wimbledon vorbereiten. Dann kam Corona, die Turniere wurden abgesagt oder auf den Herbst verschoben, sie konnte sich ganz auf die Schule konzentrieren. Das Abitur bestand sie mit der Note 1,2. Mit lässigem Selbstbewusstsein sagt sie: „Ich hätte das Abi auch ohne Corona-Turnierpause geschafft.“

Im Sommer fiel Wimbledon aus. Sie war froh, für den TC Tübingen spielen zu können. Statt nur zu trainieren, sammelte sie Matchpraxis in der Oberliga und trug durch ihre Siege zum Aufstieg in die Württembergliga bei. Der Tübinger Sportwart Claus Eberwein stellt seinem Star auch menschlich ein Spitzenzeugnis aus: „Sie ist eine offene, lustige, die gut in die Mannschaft passt – die Mädels mögen sie.“

Nächstes Jahr steht Vecic vor einem großen Schritt: Sie will den Sprung von den Juniorinnen zu den Profis schaffen. Im Januar wird sie nicht nach Australien fahren – bei den Juniorinnen ist sie nicht mehr spielberechtigt, und bei den Damen hat sie noch keine Chance. Nüchtern sagt sie: „2025 will ich so weit sein, dass ich bei den Grand Slam-Turnieren im Hauptfeld mitspielen kann.“

Trotz Förderung im Porsche-Talent-Team, trotz Sponsorenverträgen ist Alexandra Vecic derzeit noch auf finanzielle Unterstützung durch die Eltern angewiesen. Der Weg bis zum großen Preisgeld ist weit. Und sie weiß, wie schwer der Schritt von den Juniorinnen zu den Profis ist. Schon viele Nachwuchshoffnungen sind in diesem Sport sang- und klanglos in der Versenkung verschwunden.

Nach dem Vormittagstraining macht sie Dehnungsübungen, duscht und stellt sich brav zum Mittagessen an. Bedankt sich höflich bei der Wirtin für den Teller Reis mit Geschnetzeltem und Gemüse. In einer Trainingswoche lebt sie von Montag bis Freitag wie in einem Internat im Leistungszentrum des Tennisbunds. Es liegt abseits, am Rand von Stuttgart, zwischen Wald und kahlen Feldern, am Horizont sieht man das Gefängnis von Stammheim.

Wie verbringt eine junge Frau hier ihre Abende? Neben den Tennisplätzen steht eine Halle, in der man Paintball spielen kann. Aber dort war sie noch nie. Das beliebte Jugendwort „chillen“ gehört nicht zum aktiven Wortschatz von Alexandra Vecic. Sie macht gerade den Führerschein und lernt Spanisch. „Außerdem lese ich viel“, sagt sie fröhlich, „zum Beispiel psychologische Fachbücher. Und Harry Potter auf Englisch.“

Zuhause ist da, wo sie ihre Katze in den Arm nehmen kann. Vecic wohnt noch bei ihren Eltern in Immendingen.

Alexandra Vecic

Wer Alexandra Vecic live sehen möchte, hat nächsten Sommer in Tübingen gute Chancen. Sie sagt: „Es sieht gut aus, dass ich wieder für den TC Tübingen spiele. Ich fühle mich wohl hier.“

Ab Juni 2021 werden die Heimspiele an der Gartenstraße 80 ausgetragen: www.tc-tuebingen.de, Tel. (07071)23871

Vorher hofft Vecic auf eine Teilnahme beim Porsche Tennis Grand Prix in Stuttgart. Ob dieses Hallenturnier im April stattfindet, ist allerdings noch nicht sicher.

Informationen: www.porsche-tennis.de

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Erstellt:
4. Dezember 2020, 07:49 Uhr
Aktualisiert:
4. Dezember 2020, 07:49 Uhr
zuletzt aktualisiert: 4. Dezember 2020, 07:49 Uhr

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