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Training in der virtuellen Welt

Halbseitig gelähmte Menschen tricksen virtuell ihr Gehirn aus: Das Start-up Rehago hat ein Programm entwickelt, dass solchen Patienten mit simplen Spielen hilft. Mittels einer VR-Brille können sie ihre gelähmte Seite trainieren. Die innovative Therapiemethode beruht auf einem einfachen Prinzip: der Spiegeltherapie.

07.10.2019

Von TEXT: Lisa Maria Sporrer|FOTOs: Unternehmen

Die Gründer von Rehago: Johannes Höfener, Melanie Schweis, Anika Ochsenfahrt und Philipp Zajac. (v.li.n.re.)

Schwere Sprachstörungen, halbseitige Lähmung, Koordinationsversagen: Nach einem Schlaganfall müssen sich Patienten langsam wieder an frühere Alltagskompetenzen herantasten. Bei der halbseitigen Lähmung, die auch bei anderen Krankheitsbildern wie Schädel-Hirn-Trauma oder Phantomschmerzen auftreten kann, versuchen Neurologen mittlerweile das Gehirn auszutricksen. Mit einem Spiegel gaukeln sie dem Gehirn des Patienten vor, dass die Bewegungen der gesunden Gliedmaßen von der gelähmten Seite ausgeführt werden. Durch diese Illusion werden in den geschädigten Bereichen des Gehirns neue Verbindungen geknüpft und Zentren aktiviert, die diese „Spiegeltherapie“ zu einer bewährten Behandlungsmethode machen.

Diesen Ansatz hat „Rehago“ als Grundlage für seine Geschäftsidee genommen: Das Reutlinger Start-up hat die Spiegeltherapie virtualisiert und damit einfacher gemacht. Mittels einer Virtual Reality-Brille befinden sich die Patienten in verschiedenen Umgebungen und können mit einfachen Spielen ihre gelähmte Seite trainieren. „Dafür muss sich der Patient nur eine VR-Brille aufsetzen. In dieser virtuellen Realität sieht der Patient, wie sich sein gelähmter Arm bewegt. Diese sichtbaren Bewegungen erfolgen wie bei der herkömmlichen Spiegeltherapie über die Bewegung des gesunden Arms“, sagt Philipp Zajac, Geschäftsführer und zusammen mit Johannes Höfener Ideengeber. Mit einer kleinen Fernbedienung können die Patienten kurze Spiele steuern wie etwa Memory oder das Balancieren einer Kugel im Holzlabyrinth.

Auch ältere Menschen tauchen gerne in virtuelle Welten ab. Mit ihrer gesunden Seite steuern sie das Spiel.

Die Anfänge des Start-ups liegen drei Jahre zurück: Der heute 29-jährige Zajac nahm mit Höfener an einem Studienprojekt des Uniklinikums Tübingen teil. Den damaligen Informatikstudenten wurden drei Schlagworte vorgegeben, aus denen sie etwas machen sollten: Virtual Reality, Schlaganfall und Brain-Computer-Interface. Letzteres ist eine Anwendung der Neurotechnik, die mit dem Tesla-Gründer Elon Musk berühmt wurde: Musk hat das Neurotech-Start-up Neuralink gegründet, um Geräte zur Kommunikation zwischen dem menschlichen Gehirn und Computern zu entwickeln.

„Wir wollten aber etwas entwickeln, dass man auch zeitnah umsetzen kann“, sagt Zajac. Deshalb verabschiedeten sie sich gedanklich bald von dem großen Forschungsthema Brain-Computer-Interface und tauchten in die virtuelle Welt ein. Und sie hörten auch nicht auf, nachdem das Studienprojekt beendet war. Zajac und Höfener nahmen an Projekten in Dubai teil, fanden weitere junge begeisterte Mitstreiter, sprachen mit Krankenkassen, Ärzten und Patienten über ihre Idee und entwickelten schließlich einen Prototyp. Der kam gut an. „Wir haben damit Begeisterung bei den Therapeuten ausgelöst“, sagt Zajac. Endlich, bekamen sie als Rückmeldung, werde in diesem Bereich mal etwas Neues entwickelt, dass auch noch Spaß macht. Auch älteren Menschen. Und der Bedarf ist da: Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ereignen sich weltweit jede Minute 30 Schlaganfälle. Allein in Deutschland geht man davon aus, dass, aus ganz verschiedenen Gründen, jedes Jahr rund 450 000 Menschen eine halbseitige Lähmung erleiden.

Die Spiegeltherapie kann zwar auch in virtueller Form solche Lähmungen nicht wegzaubern. Aber sie kann bei der Regeneration helfen. „Bisher läuft das Virtual-Reality-Training mit der VR-Brille von Rehago noch nicht als Medizinprodukt“, sagt Zajac. Das Zulassungsverfahren sei sehr streng und kompliziert. Derzeit arbeitet das Team an eine Zulassung nach (MDR) der Medical Device Regulation. Aber auch als sogenanntes Wellness- oder Trainingsprodukt kann die Software samt Brille effektiv zum Einsatz kommen.

Die Zeit, bis aus der Idee ein Geschäft werden konnte, war für Zajac und seine Mitarbeiter nicht einfach. Freizeit und Urlaub gab es nicht. Stattdessen wurde für den Lebensunterhalt gejobbt und am Feierabend an der Geschäftsidee gearbeitet. Bis 2018. Mit Unterstützung der Fördermaßnahme „Gründungen: Innovative Start-ups für Mensch-Technik-Interaktion“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung machten sich Zajac, Höfener, Anika Ochsenfahrt und Melanie Schweis selbständig und heimsten alsbald viele Preise ein, darunter den „Life is a Pitch“-Preis von Samsung.

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Erstellt:
7. Oktober 2019, 08:36 Uhr
Aktualisiert:
7. Oktober 2019, 08:36 Uhr
zuletzt aktualisiert: 7. Oktober 2019, 08:36 Uhr

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