Digitalisierung

Programm „Sormas“: Der „Trabi“ der Corona-Software

Die meisten Gesundheitsämter verschmähen das Programm „Sormas“, weil sie es für untauglich halten. Das Land sieht die Schuld bei Jens Spahn.

18.06.2021

Von Roland Muschel

Kritik aus Stuttgart: Gesundheitsminister Jens Spahn. Foto: Kay Nietfeld/dpa

Stuttgart. An diesem Freitag steht auf der Tagesordnung des beim Stuttgarter Sozialministerium angesiedelten Lenkungskreises „Digitales Gesundheitsamt“ mal wieder ein Problemfall: das digitale Kontaktnachverfolgungssystem Sormas-X. Die Software, so das Versprechen, soll für einen reibungslosen Datenaustausch zwischen den Gesundheitsämtern sorgen und so den Kampf gegen Corona auf eine neue Stufe heben.

Die deutschlandweite Umstellung haben sich Bund und Länder fest in die Hand versprochen. Bis Ende Februar 2021, so die im Herbst 2020 getroffene Vereinbarung, sollte das System in allen 375 Gesundheitsämtern installiert sein.

Tatsächlich ist die Software bis heute vielerorts nicht im Einsatz. In Baden-Württemberg haben zwar alle 38 bei den Stadt- und Landkreisen angesiedelten Gesundheitsämter die Software installiert. Doch bei der großen Mehrheit schlummert das Programm ungenutzt auf den Servern, nur 13 arbeiten damit.

„Selbst von diesen 13 haben die meisten Sormas-X nicht vollständig im Einsatz“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Landkreistags Baden-Württemberg, Alexis v. Komorowski. Den Grund liefert er gleich mit: „Die Gesundheitsämter wollen die Systeme, die sie selbst aufgebaut haben, nicht gegen eines austauschen, das seine Versprechen nicht erfüllt.“

Ähnliches berichtet Gudrun Heute-Bluhm, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Städtetags im Land: „Solange die Bundeslösung nicht mindestens gleichwertig ist, wird man zum Teil noch lange an den besseren, eigenen Lösungen festhalten.“

Die digitale Verknüpfung der Informationen über Landkreise hinweg gilt als zentrales Argument für Sormas. Die fehlende Möglichkeit, Daten mit bestehenden Systemen auszutauschen, als großer Nachteil.

Viele Ämter wollten Sormas-X nur zur Kontaktpersonennachverfolgung nutzen, nicht aber für die Fallbehandlungsfunktion, berichtet ein Insider. Die Fallbehandlungsfunktion habe bei Sormas-X nur „Trabi“-Standard, dafür wollten die Praktiker nicht ihre bisherigen „Mercedes“-Systeme aufgeben und pochten daher auf einer bidirektionalen Schnittstelle zu den vorhandenen Systemen.

Die Beschlussvorlage des Stuttgarter Sozialministeriums für den Lenkungskreis sieht nun eine zeitliche Streckung des Einsatzes vor: Der „Sormas-X-Rollout solle bis 31. August 2021“ verlängert werden. Oder wird damit der Einstieg in den Ausstieg vorbereitet?

„Ein Ausstieg aus Sormas ist nicht geplant, wir lassen nicht daran rütteln“, versichert ein Sprecher von Landesgesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne). Zugleich macht er deutlich, dass es an der Umsetzung hakt – und wer dafür aus Landessicht die Verantwortung trage: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU).

„Der erfolgreiche Rollout und aktive Einsatz in den Gesundheitsämtern hängt jedoch entscheidend von bidirektionalen Schnittstellen zu den Fachanwendungen ab. Bis dato stellt der Bund diese leider nicht zur Verfügung“, sagt Luchas Sprecher. Deshalb könne der Rollout „nicht wie an und für sich vorgesehen zügig weitergeführt und abgeschlossen werden“. Aus den Kontakten mit anderen Bundesländern wisse man, dass der dortige Rollout vor „den gleichen Schwierigkeiten“ stehe.

Lucha und die Präsidenten von Städtetag und Gemeindetag im Land, Joachim Walter (CDU) und Peter Kurz (SPD), haben Spahn im Mai in einem gemeinsamen Schreiben aufgefordert, die Schnittstellen „kurzfristig“ bereitzustellen. Seit wenigen Tagen liegt Spahns Antwort vor: eine diplomatisch verpackte Zurückweisung des Anliegens aus Stuttgart.

Auch das Angebot, landesseitig die Schnittstellenproblematik anzugehen, fand in Berlin keinen Widerhall. Eine Lösung des Konflikts ist damit nicht in Sicht.

Eine Software für alle Gesundheitsämter

Sormas ist eine vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) und dem Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) entwickelte Software zum Management von Maßnahmen zur Epidemiebekämpfung. Die Software war 2014 im Zuge eines Ebo­la-Ausbruchs in Westafrika entwickelt und in diesem Zusammenhang vor der Corona-Pandemie in Nigeria und Ghana eingesetzt worden.

Sormas-X ist eine um ein Covid-19-Modul erweitere Version, die die Gesundheitsämter in Deutschland bei der Nachverfolgung von Kontakten von mit dem Coronavirus Infizierten unterstützen soll. Im November 2020 hat die Bund-Länder-Konferenz beschlossen, sie in allen 375 Gesundheitsämtern zu installieren.

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Erstellt:
18. Juni 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
18. Juni 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 18. Juni 2021, 06:00 Uhr

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