Gastronomie: Das wahre Italien zieht um

Toni und Felicetta Campanile verlassen die Bocciabahn

Vor 39 Jahren eröffneten die Eltern von Felicetta Campanile das Restaurant in der Bocciabahn. Am Sonntag endet die Familientradition.

24.03.2017

Von Ulrich Janßen

Kein leichter Abschied: Toni und Felicetta Campanile verlassen die Bocciabahn. Bild: Faden

Dass Felicetta Campanile übermäßig viel vom Leben erwarten würde, kann man nicht sagen. „Einen Stadtbummel machen und einen Kaffee trinken“, antwortet die 54-Jährige auf die Frage, was sie gern mal unternehmen würde, wenn sie nicht für ihr Restaurant schaffen müsste.

Ihr Restaurant, das ist die Boccia-Bahn in Lustnau, eine Institution. Wohl jeder Tübinger kennt den schlichten Gastraum mit der Holzdecke in dem unscheinbaren Gebäude am Stadtrand. Hier spielten die Italiener der ersten Generation Boccia, hier schufen sie sich ein Stück Heimat. Luciano Vivaldi, einer der ersten sogenannten „Gastarbeiter“ in Tübingen, war lange Jahre Vorsitzender des Vereins, der in den besten Zeiten über 100 Mitglieder hatte. Heute sind es kaum noch ein Dutzend, die sich sonntags auf ein Spielchen treffen.

Wer als Deutscher das erste Mal in die Bocciabahn gelangte, war überzeugt, einen absoluten Geheimtipp entdeckt zu haben. Ein Restaurant, so italienisch wie es nur sein konnte. Nicht so ein schicker Schuppen, in dem italienisches Leben nur simuliert wird. Nein, in der Bocciabahn vermutete man das wahre Italien. Hier ging es laut zu, man saß eng, an einfachen Tischen. Bedient wurde robust, und es kam schon mal vor, dass ein Besteck fehlte. Aber das war egal, die Pizza Magherita war gut, kostete fünf Mark und den Insalata mista dazu gab‘s für 3 Mark fünfzig. Unzählige Studenten (und längst nicht nur Studenten) haben hier gern und günstig gegessen.

1978 hatten die Eltern von Felicetta Campanile das Restaurant im Vereinsheim der Bocciaspieler eröffnet. Sie selbst war von Anfang an dabei, half mit vierzehn Jahren schon den Eltern, die zuvor ein Lebensmittelgeschäft betrieben hatten, beim schwierigen Aufbau der Gastronomie.

Nur ein paar Unterbrechungen gab es. 1990 folgte sie ihrem Mann in die Poststraße, wo er den Haxenwirt übernommen hatte, und 1997 gingen die Eltern zurück nach Italien, in den Heimatort, in dem auch Felicetta geboren wurde: Gildone bei Campobasso. Aber die Schwester übernahm das Restaurant und die Verbindung blieb eng. Erst 2003 riss sie ab. Der Boccia-Verein wollte mehr Geld und versuchte es mit einer Reihe neuer Pächter. Ohne Erfolg. 2008 holte der Verein die Familie Campanile zurück.

Für Felicetta ist die Bocciabahn mehr als nur ein Arbeitsplatz. Hier hatte die Familie ihren Mittelpunkt. Die Eltern, die Schwester, der Mann, die Kinder: Alle haben hier geschafft. Fast vierzig Jahre Bocciabahn: Als sie das sagt, kommen der Wirtin die Tränen. Denn morgen ist ihr letzter Tag in der Bocciabahn.

50 Prozent mehr Pacht habe der Verein von ihnen gefordert, und investieren sollten sie auch noch. „Das war uns zu viel“, sagt sie. Weil sie nicht zustimmten, habe der Verein sie gleich im nächsten Monat vor die Tür setzen wollen, obwohl sie noch einen Vertrag für ein Jahr hatten. „Es ging italienisch zu“, meint Campanile traurig.

Noch schlimmer war, was ein paar Monate später passierte. Im Oktober 2016 wurde das Ehepaar von zwei Räubern mit Holzlatten niedergeschlagen und schwer verletzt. Manche Gäste wollten damals einen Zusammenhang sehen zwischen dem Überfall und der Kündigung. Doch Felicetta Campanile will darüber nicht spekulieren. Allein traut sie sich seit dem Überfall aber nicht mehr ins Restaurant, das künftig einer ihrer vier Mitarbeiter führen wird.

So „glücklich“ wie ihr Vorname es verspricht, ist Felicetta Campanile also nicht. Ihr 60-jähriger Mann ist schwer herzkrank, muss dreimal die Woche zur Dialyse, und so lastet die Verantwortung und die Arbeit für das neue Restaurant vor allem auf ihren Schultern. Am 6. April geht es los im ehemaligen Quartier im Französischen Viertel.

Einen Pizzaofen haben sie dort schon eingebaut und auch eine neue kleine Theke für Weintrinker. Sonst wird es im Wankheimer Täle 7 zur Freude der alten (und neuen) Gäste nicht viel anders zugehen als in der Bocciabahn. „Die Speisekarte bleibt gleich“, verspricht Campanile, „und die Preise auch.“

Eine Veränderung allerdings gibt es doch: Das neue Restaurant wird den Namen „Campanile“ tragen, den Familiennamen. „Das hat mein Mann so gewollt“, meint die Wirtin, und man weiß nicht so recht, ob ihr das gefällt.

Dann aber klingt doch ein bisschen Stolz durch, wenn sie erzählt, dass sie für das neue Restaurant gerade ein Wandbild sucht mit dem Glockenturm aus Venedig drauf. Der heißt nämlich auch Campanile und hat schon so manche Erschütterung überstanden.

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Erstellt:
24. März 2017, 22:00 Uhr
Aktualisiert:
24. März 2017, 22:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 24. März 2017, 22:00 Uhr

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