Hintergrund zu Hasskriminalität und Hetze

Telegram: Eine Plattform für Fanatiker?

Whatsapp ist der Platzhirsch unter den Messenger-Diensten. 80 Prozent der 16- bis 64-Jährigen chatten mindestens einmal im Monat dort. Im Windschatten der Facebook-Tochter boomt allerdings auch der Anbieter Telegram.

31.07.2021

Von Dominik Guggemos

Verschwörungsextremist Hildmann erreichte via Telegram viele Menschen bis zur Sperrung. Foto: Jörg Carstensen/dpa

Auf der kostenlosen Plattform Telegram kann man dasselbe machen wie bei anderen Chat-Apps: schreiben, Bilder und Videos verschicken, Sprachnachrichten aufnehmen.

Doch in vielerlei Hinsicht ist Telegram auch anders als die Konkurrenz. Wenn es um Hass und Hetze im Netz geht, kommt man nicht an dem Messenger vorbei, den jeder zehnte Deutsche regelmäßig nutzt. Telegram ist nämlich auch Heimat für zahlreiche Verschwörungstheoretiker, die sich dort durch sehr viele Abonnenten Reichweite und Aufmerksamkeit sichern – weitgehend unreguliert.

Durch die Pandemie rückte Telegram mehr und mehr in den Fokus der Öffentlichkeit, was durch zwei bekannte Persönlichkeiten befördert wurde: zum einen durch den Sänger Xavier Naidoo, der in Musikvideos zum bewaffneten Widerstand gegen die Corona-Maßnahmen aufruft – und sich dafür auf Telegram feiern lässt. Zum anderen durch Attila Hildmann, früher bekannt als Kochbuchautor, heute als Verschwörungsfanatiker. Derzeit ist er untergetaucht, nachdem die Berliner Staatsanwaltschaft Haftbefehl gegen ihn erlassen hatte. Die Liste der Vorwürfe gegen Hildmann ist lang, es geht um Volksverhetzung, Beleidigung und Bedrohung in dutzenden Fällen. Seine Plattform: Telegram. Mit seiner menschenverachtenden Hetze, einer wilden Melange aus Antisemitismus, Rassismus und Impfkritik, erreichte er 100 000 Abonnenten. Bis sein Kanal gesperrt wurde, zumindest auf den Betriebssystemen von Apple und Google.

Kein Wunder, dass sich die Innenministerkonferenz vor wenigen Wochen mit Telegram beschäftigt hat. „Wenn man sieht, was während der Corona-Pandemie auf Telegram abging“, sagte der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius (SPD), „bekommt man den Eindruck, dass die Plattform genau zu dem Zweck geschaffen worden ist, nämlich um Hass und Hetze zu verbreiten.“ Telegram hat sich aber auch zum großen Umschlagplatz für den Handel mit illegalen Drogen entwickelt. Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamts, schlug kürzlich Alarm – ohne Telegram beim Namen zu nennen.

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Erstellt:
31. Juli 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
31. Juli 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 31. Juli 2021, 06:00 Uhr

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