Fitness

Studios geht die Puste aus

Der zweite Shutdown kostet die Branche hunderttausende Kunden und Millionen Umsatz. Nun warnen Verbände vor Schließungen.

24.11.2020

Von CAROLINE STRANG

Tote Hose im Fitnessstudio: Viele Betreiber fürchten wegen der Schließung um ihr Unternehmen. Foto: Kira Hofmann/dpa

Berlin. Zahlreiche Promis und Influencer machen es vor: Sind die Fitnessstudios geschlossen wie im Frühjahr oder derzeit wieder, turnen sie schwitzend im eigenen Wohnzimmer. Auch Normalbürger entdecken die eigenen vier Wände als Trainingsraum, oft auch mit Hilfe von Onlineanbietern. Für die Fitnessstudios, die eh schon unter der Schließung leiden, ist das eine schwierige Entwicklung. In einer Umfrage für den Fitness-Verband DIFG im Mai unter 1000 Studio-Sportlern gab jeder Fünfte an, künftig das Gym seltener besuchen zu wollen – oder gar nicht mehr.

„Die Unsicherheit in der Branche ist groß“, sagt Ralph Scholz, Vorsitzender des Deutschen Industrieverbands für Fitness und Gesundheit (DIFG). Es fehle eine verlässliche Perspektive der Politik für die Corona-Pandemie, klagt er. „Die Studios können nicht im 14-Tages-Rhythmus planen, ob sie wieder öffnen dürfen oder nicht.“ Zwar sei die Branche berechtigt für die Novemberhilfen der Bundesregierung. Doch wann und für wen genau Geld fließe, sei unklar.

Der DSSV-Arbeitgeberverband deutscher Fitness- und Gesundheits-Anlagen hat seine Mitglieder befragt, wie groß die Einbußen sind. Während es zum Stichtag 31. Dezember 2019 noch 11,66 Millionen Mitglieder der knapp 10 000 Fitnessstudios gab, sind es nun 9,83 Millionen – ein Rückgang um 1,83 Millionen Mitglieder und damit 15,7 Prozent. Der erwartete Umsatzrückgang betrage mindestens 865 Millionen Euro im Jahr 2020.

Auch Scholz befürchtet, dass die Branche bis Jahresende 10 bis 15 Prozent weniger Mitglieder haben als Ende 2019, weil geschlossene Studios keine Neukunden anlocken. „Wenn der Lockdown noch lange dauert, werden viele das nicht überleben.“

Das betrifft nicht nur kleine Muckibuden: „Die wirtschaftlichen Folgen sind auch für uns als Big Player deutlich spürbar“, erklärt die Kette McFit, die 165 Studios in Deutschland betreibt. Alfred Enzensberger ist Gründer und Geschäftsführer von „clever fit“, einer Fitnesskette mit 230 Studios. Er hat für die erneute Schließung wenig Verständnis: „Mir fehlt die nachvollziehbare Begründung, warum ausgerechnet die Betriebe schließen sollen, die effektive Hygienekonzepte vorgelegt haben und darüber hinaus technisch perfekt dafür ausgestattet sind, um potenzielle Infektionsketten detailliert und wahrheitsgetreu nachvollziehen zu können.“ Er verweist auf eine Studie des europäischen Branchenverbands EuropeActive, die eine durchschnittliche Infektionsrate von 0,78 pro 100 000 Besuche zeige. „Mehrfach nachgewiesen ist indes, dass Fitnesstraining das Immunsystem stärkt.“

Immerhin brechen Fitnessstudios anders als Kneipen oder Restaurants nicht automatisch die Einnahmen weg. Bei vielen liefen die Beiträge weiter, Mitglieder wurden mit späteren Freimonaten, Gutscheinen oder kostenlosen Personal-Trainings getröstet. Das erhält die Liquidität, kostet die Studios aber später Geld. Deshalb warnt der DSSV: Die Umsatzausfälle 2021 und 2022 könnten noch höher sein als in diesem Jahr. In der Fitness- und Gesundheitsbranche seien 217 000 Arbeitsplätze betroffen.

Einige Betreiber sehen den Ausweg vor Gericht. Die Kette „Fitness First“ konnte sich in erster Instanz vor dem Verwaltungsgericht Hamburg durchsetzen, auch in Bayern erzielten Fitnessstudios vorübergehende Teilerfolge. Auf Klagen will sich Verbandschef Scholz aber nicht verlassen. „Ein Katz-und-Maus-Spiel bringt uns nicht weiter.“

Mit einer Wiederöffnung der Studios im Dezember rechnet Scholz nicht unbedingt. Er warnt vor Schließungen zum Jahresstart, wenn sonst viele Menschen in die Fitnessstudios strömen, um mit guten Vorsätzen den Weihnachtsspeck loszuwerden. Das sei zu Hause schwieriger. (mit dpa)

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Erstellt:
24. November 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
24. November 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 24. November 2020, 06:00 Uhr

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