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Starker Rücken im OP

Die Hellstern medical GmbH in Wannweil hat die Gesundheit der Ärzte im Blick: Ihr ergonomisches Körperunterstützungssystem, das S3_surgeon support system, ermöglicht Chirurgen, bei langen Operationen entspannt und schmerzfrei zu arbeiten. Dafür wurde das Start-up-Unternehmen mit dem „Gründerpreis Baden Württemberg 2019“ ausgezeichnet.

07.10.2019

Von TEXT: Evi Miller|FOTOS: Unternehmen

Alltag am OP Tisch: Chirurgen und das medizinische Personal stehen oft stundenlang in verdrehten Positionen. Körperliche Fehlhaltungen sind die Folge. Mit dem S³_surgeon support system könnte sich das bald ändern.

Ein Blick in den OP-Saal offenbart modernste Medizintechnik zum Wohl des Patienten. Auf Seite der Ärzte sieht es da aber ganz anders aus. Sie stehen oft stundenlang in verdrehten und unkomfortablen Positionen, um das Leben ihrer Patienten zu retten. „Ärzte opfern mitunter ihre eigene Gesundheit für die ihrer Patienten“, sagt Sabrina Hellstern, Geschäftsführerin von Hellstern medical GmbH. Denn ergonomische Standards im OP sucht man vergeblich. So ist es nicht verwunderlich, dass viele der im OP Beschäftigen häufig unter starken Schmerzen und Muskel- und Skeletterkrankungen leiden.

„Im Klinikalltag gibt es die größte Diskrepanz zwischen Hightech-Produkten auf der einen Seite und einfachsten Hilfsmitteln, die sich seit Jahrzehnten nicht verändert haben, auf der anderen Seite. Beides häufig dicht nebeneinander am OP-Tisch“, beobachtet Hellstern. Für modernsten medizinischen und technischen Standard in der minimalinvasiven OP-Technik steht zum Beispiel das roboterassistierende Da-Vinci-Operationssystem. Weltweit bedient sich hingegen das medizinische Personal einfachster Stahlhocker, um die Größenunterschiede am OP auszugleichen. Stundenlanges statisches Stehen auf kleiner Auftrittsfläche beschleunigt die Ermüdung von ganzen Muskelgruppen. „Wenn Sie lange in Zwangspositionen operieren, zum Beispiel den Oberkörper nach vorne und leicht zur Seite geneigt und die Arme nach vorne gehalten, dann merken Sie, dass Sie irgendwann müde werden. Sie setzen ab, fangen noch einmal von vorne an. Das kann die Operation verzögern und die Präzision kann nachlassen,“ erklärt Prof. Dr. Martin Schuhmann, leitender Oberarzt der Neurochirurgischen Abteilung der Universitätsklinik Tübingen. Gehirnoperationen können bis zu zehn Stunden dauern. Man muss kein Arzt sein, um sich die körperliche Hochleistung vorstellen zu können, die jeder Chirurg Tag für Tag erbringt.

Sabrina Hellstern aus Wannweil gründete im Januar 2019 ihr Unternehmen und hat schon zwei Preise gewonnen.

Sabrina Hellstern aus Wannweil war jahrelang erfolgreich im medizintechnischen Vertrieb tätig und regelmäßig in Kontakt mit Ärzten. „Die Ärzte kamen auf mich zu und schilderten mir ihr Problem“, erinnert Hellstern. „Ich fing an zu recherchieren. Es stellte sich heraus: Es handelt sich um ein weltweites Problem für das es bisher keine Lösung auf dem Markt gibt.“

Die examinierte Kinderkrankenschwester und Mutter zweier kleiner Kinder hat das Problem fortan nicht mehr losgelassen: „Ich habe in den vergangenen Jahren viele Kinder mit Gehirntumoren auf dem OP-Tisch gesehen und Ärzte, die um deren Leben kämpfen, ohne dass sie die nötige Unterstützung dafür haben. Manchmal kann der Chirurg auf einer provisorisch angebrachten Stütze seine Hand abstützen – perfekt ist das nie. Uns treibt an, dass wir das Beste entwickeln wollten, damit der Chirurg auch die Unterstützung bekommt, die er braucht, um das Leben des erkrankten Kindes zu retten.“ Dafür hat sich Sabrina Hellstern in den vergangenen drei Jahren unermüdlich eingesetzt. Sie hat im OP die Anforderungen dokumentiert, einen technischen Lösungsplan und einen Businessplan erstellt. Um sich die betriebswirtschaftlichen Kenntnisse anzueignen, hat sie so manche Nacht geopfert. Dass sie damals noch über kein Budget verfügte, hat sie nicht davon abgehalten, ihr interdisziplinäres Team aufzubauen: Mit hervorragenden Ingenieuren und Ärzten, die von ihrer Idee genauso überzeugt sind wie sie selbst. Zum engen Team von Hellstern medical gehören die erfahrenen Ingenieure Harald Rager und Alexander Strobel aus dem Zollernalbkreis und der international anerkannte Neurochirurg Prof. Dr. Martin Schuhmann und Dr. Felix Neunhoeffer, Oberarzt an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin Tübingen.

Familie und Karriere bekommt die Jungunternehmerin übrigens gut vereinbart. Auch dank ihres Ehemanns, Gordian Hellstern, der ihr nicht nur den Rücken stärkt, sondern auch Haushalt und Kindererziehung mit ihr teilt. Ihr Faible für Technik und Entwicklung teilt der Ingenieur ebenfalls.

Im Januar dieses Jahres gründete Sabrina Hellstern die Hellstern medical GmbH. Fünf Monate später überzeugte das Start-up-Unternehmen mit seiner innovativen Idee beim Gründerpreis Baden-Württemberg der Sparkassen-Finanzgruppe und belegte den zweiten Platz. Die nächste Auszeichnung winkt auch schon: Aktuell befindet sich die Hellstern medical GmbH unter den erfolgreichsten Geschäftsideen beim Businessplan Wettbewerb Medizinwirtschaft.

Derzeit läuft das Patentierungsverfahren des S3, deshalb darf das ergonomische Körperunterstützungssystem nur schematisch dargestellt werden. In Wirklichkeit verfügt es über eine Vielzahl an digitalen und smarten Funktionen, mit Hilfe derer es alle Situationen im OP zu 100 Prozent abdeckt: stehend, sitzend, sogar über Kopf arbeitend. „Für uns Ingenieure ist die Entwicklung des Projekts so interessant, weil es eine Schnittmenge von allem ist: Maschinenbau, Produktentwicklung, Ergonomie und Design“, sagt Harald Rager. Die hohe Entwicklungsleistung zeigt sich an der Flexibilität: Der Chirurg kann sich mit der Brust- und Hüftabstützung ganz normal bewegen. Auch schnelle und effektive Positionswechsel sind problemlos möglich. Das Team von Hellstern medical ist überzeugt, dass ihr Produkt den Arbeitsalltag von Chirurgen verbessern wird, und dass das längst überfällig ist. „Ärzte sind auch nur Menschen, auch wenn wir uns wünschten, sie wären Götter. Die Koryphäen auf diesem Gebiet sind häufig über 50“, sagt Hellstern und weist auf die demografische Entwicklung, angesichts derer wir es uns erst recht nicht erlauben können, auf diese Leistungsträger vorzeitig wegen vermeidbarer Berufserkrankungen zu verzichten. „Umso mehr wenn man bedenkt, dass heute viele minimalinvasive Eingriffe durchgeführt werden. Diese sind zwar für den Patienten schonender, für den Chirurgen ist die anatomische Haltung dabei aber noch belastender.“

Die Konstruktion des Prototyps ist abgeschlossen. Derzeit finden die Anwendungstests im OP statt. Jetzt geht es um die Optimierung und Weiterentwicklung bis zu einem serienreifen Produkt. „Der Zeitpunkt ist ideal für einen Investor“, sagt Sabrina Hellstern. Sie wünscht sich einen Unternehmer, der mit seiner Investition in ein nachhaltiges Produkt aus der Medizintechnik wirklich etwas bewegen möchte. „Jeder Chirurg in jedem Kreiskrankenhaus braucht den S3. Das Marktpotential ist gigantisch: als weltweit einzigartiges Produkt, das in jeder OP-Situation einsetzbar ist“, verspricht die Firmengründerin.

Die Kosten werden sich für die Klinik schnell amortisiert haben, davon ist Hellstern überzeugt: „Bessere Arbeitsbedingungen steigern die chirurgische Genauigkeit und reduzieren Behandlungsfehler. Ein entspannt operierender Chirurg arbeitet schneller und effizienter und ist am nächsten Tag gleichermaßen fit - das kommt nicht nur den Patienten, sondern auch dem Arbeitgeber zu Gute.“ Und was sagen die Ärzte aus den verschiedenen Fachbereichen? „Das Feedback ist sehr gut“, freut sich Hellstern. Meistens lautet die erste Frage nach dem Anwendungstest mit dem S3: „Wann darf ich mit ihm operieren?“

Das Team Interdisziplinär

Die Hellstern medical GmbH
ist ein interdisziplinäres Team
aus Ingenieuren, Ärzten,
Produktdesignern und Strategen.

Zum Gründungsteam gehören:

Sabrina Hellstern, CEO

Harald Rager und Alexander Strobel, Konstruktion & Entwicklung

Prof. Dr. Martin Schuhmann, chirurgischer Berater

· Dr. Felix Neunhoeffer,Chief Medical Officer

Zum Beirat gehören die Designer Martin Ruf und Andreas Weinberg und die Berater Santiago Correa, Dr. Walter G. Wrobel, Immanuel Böker und Gordian Hellstern.

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Erstellt:
7. Oktober 2019, 08:38 Uhr
Aktualisiert:
7. Oktober 2019, 08:38 Uhr
zuletzt aktualisiert: 7. Oktober 2019, 08:38 Uhr

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